Ausgabe 
30.12.1900
 
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Kennel, Kennel spring Ost, spring West, Spring nach meinem Allerbest."

Die Burschen sagen dazu:

Kennel, Kennel Krut, Wo wohnt meine Brut?"

Ein anderer Vers ist noch:

Ein Kern Kräutigam

Flieg nach meinem Bräutigam, Flieg nach Osten oder Westen, Flieg nach meinem Allerbesten."--

Wer seinen Allerliebsten sehen will, kann auch zwischen Elf und Zwölf das Feuer rückwärts gekehrt scheren, oder im Hemd die vier Ecken des Zimmers auskehren und Brot und Salz auf den Tisch stellen. Dann kommt der Schatz und schneidet sich ein Stück ab. Andere legen in der Nacht einen FlachDkranz auf die Brust und sehen dann den Herzallerliebsten im Traume. Auch kann man den Bräutigam zu einem Besuch im Traume zwingen, wenn man sich vor dem Bettgehen vor die Bettspanne stellt und dieselbe unter Absagen folgenden Berschens tritt:

Bettspann ich trete dich, Sylvesternacht ich bete dich, Laß den Herzallerliebsten mein Mir im Traume erschienen sein."

In Thüringen werfen die Mädchen Kopfhaar in eine Schüssel mit Wasser; ringelt es sich, dann wird die Betreffende im kommenden Jahre noch Braut.

In Ostpreußen hackt man ein Loch in das Eis und greift bis auf den Grund. Zieht das Mädchen ein Stück Eisen hervor, dann bekommt es einen Schmied, ist es Holz, dann ist es ein Schreiner, Glas ein Glaser usw.

In anderen Gegenden greifen die Mädchen eine Hand voll Kies. Ist die Zahl der Steinchen gerade, dann hei­raten sie im nächsten Jahre, ist sie dagegen ungerade, dann ist noch Geduld empfehlenswert.

Eigenartiger schon ist der Gebrauch in Schwaben. Die Mädchen bilden einen Kreis und schläfern eine Henne ein: auf welches diese nach dem Erwachen hingeht, die heiratet bald. Ist es aber eine bunte Reihe, dann heiraten sich die, zwischen denen sie hinschlüpft. Im Fichtel­gebirge nimmt man dazu einen Gänserich.

Will es sich der Treue seines Schatzes versichern, dann schneidet sich das Mädchen am Sylvesterabend in den Finger und mischt die Blutstropfen in den Trank des Geliebten.

Allgemein ist auch der Brauchs in der Nacht, mit dem Rücken gegen die Stubenthür gekehrt, einen Schuh mit dem Fuße über den Kopf zu werfen. Zeigt die Spitze nach der Thür, dann wird man glückliches Frauchen, ist aber der Absatz nach außen gekehrt, muß man noch im Hause bleiben.

In Oldenburg nennt man den Abend vor dem neuen Jahr' auchDickbuuksabend", weil das Gesinde so viel Fleisch und Speck bekommt, als es nur mag. Ebenso genießt man auch in anderen Gegenden gewisse Gerichte an diesem Abend. Ißt man Weißkraut, dann hat man im kommenden Jahre stets Weißgeld im Beutel, ißt man goldgelbes Sauerkraut, erquickt man sich stets an dem Anblick funkelnder Goldstücke. Auch Hirsebrei und Grütze bringen Glück und Geld. Das verzauberte Gold der Zwerge ist ja Grütze, und mit Hirse wird der goldhütende Drache gefüttert. In Thüringen und dem Erzgebirge ißt man Linsen, die ebenfalls Geld bedeuten. Ob es Hellerlinsen sein müssen, weiß ich jedoch nicht.

Im Saterlands, der Moorgegend im westlichen Olden­burg, setzte sich früher der Hausvater, einen dreieckigen §iit auf dem Kopfe, zur Rechten einer an drei Ecken brennenden Hängelampe am Herdfeuer nieder und sprach, das Gesicht nach der Flamme gekehrt, Gebete. Glaubte er den rechten Augenblick herbeigekommen, dann warf er eine Wünschelrute über den Kopf hin auf die Diele. Wohin die Spitze der Rute zeigte, daher kam die Braut für den ältesten Sohn oder dahin zog seine mannbare Tochter. Wiederholte sich das dreimal, dann war es ganz gewiß. Auch backt man dortRollkucheln", in eisernen Formen, die auf der einen Seite einen Reiter im weißen Mantel sicher Wodan zeigen.

In Tirol gießt man in der Sylvesternacht aus alten Kirchhofskreuzen die Freikugeln, die nie fehl gehen, in Steiermark zielt der Jäger von einem versteckten Orte aus mit der geladenen Büchse auf die Monstranz, welche der Priester emporhält, und verfehlt nun auch nie sein Ziel.

Stiehlt man in der Sylvesternacht während des Läutens Holz, ohne ertappt zu werden, so kann man im kommenden Jahre getrost stets lange Finger machen, stiehlt man eine Wagenrunge, dann kann man auf dem Wagen, an dem man sie gebraucht, Holz aus dem Walde holen, ohne daß es der Förster merkt; sollen die Pferde gesund bleiben, dann muß man sie mit gestohlenem Kohl füttern.

Will der Bauer großen Kohl im kommenden Herbste haben, dann muß auch die Frau in der Neujahrsnacht zwischen Elf und Zwölf den Samen dazu sorgfältig aus­lesen ...

Alle diese Gebräuche sind teils uralten Datums, teils. Umänderungen und Verwaschungen alter Gebräuche; alle aber stehen im Zusammenhänge mit der germanischen Heidenwelt und zeugen von dem zähen Festhalten an den ehrwürdigen und gemütvollen Festsitten der Alten. Ist auch viel Aberglaube damit verknüpft, so wäre ihr Verschwinden doch zu bedauern, sintemalen die moderne Zeit auch ihren Aberglauben zeugt, mag das nun ein medizinischer, technischer oder irgend welcher Aberglaube sein, ein wissenschaftlicher und kunsttheoretischer Ismus."--

Eine Sylvester-Erinnerung.

Skizze von Marine-Pfarrer a. D. P. G. Heim s. Nachdruck verboten.

Sie saßen beisammen tm Wintergarten des Hauses, am Sylvesterabend. Vor ihnen auf dem Steintisch stand eine Bowle von stattlichem Umfang und duftigem In­halt. Der Admiral Reimarus, der Junggesell, schenkte fleißig ein. Er war ja bekannt als ein Wirt von wirklich seltener Liebenswürdigkeit. Die Römer waren wieder ge­füllt. Da hob er sein Glas:

Auf gutes Soldatenglück!" rief er mit lauter Kom­mandostimme. Die Gäste waren alle Offiziere; drei unter ihnen vomblauen Wasser".

Das laß ich mir noch gefallen! Sonst heißt's im Leben: es giebt kein Glück! So sagt, meine ich, Lohen- grin", warf der eine Seeoffizier ein, sein Glas nach langem Zuge niedersetzend.

Hoho! ging's im Kreise, das ist aber ein hartes Wort!"

Mag sein", gab er zurück;aber haben Sie denn, im Ernst gesprochen, schon einen wirklich glücklichen Men­schen auf Erden gefunden? Das heißt einen, der keinen Wunsch hatte und keine Klage kannte? Ich meine, sogar Bismarck schätzte die glücklichen Stunden seines Lebens auf höchstens vierundzwanzig, alle zusammengerechnet."

Vollendetes Glück-giebt's allerdings nicht!" kam die Antwort zurück, und, keiner ist vor seinem Tode glücklich, heißt es schon im Altertum."

Und dennoch", rief der Admiral,habe ich selbst einen gekannt, aber auch nur einen, der ein solcher Liebling des Glücks war. Wollt ihr seine Geschichte hören? Sie ist nur kurz. Und gerade an einem Sylvesterabend hat sie sich erfüllt. Aber erst noch einmal die Gläser füllen.

Also", begann er, sich im Stuhl zurücklehnend.Wie er wirklich hieß, das spielt hier keine Rolle. Wir jungen Seeoffiziere nannten ihn nur den Siegfried; denn er war das Urbild eines blonden, reckenhaften deutschen Mannes. Und es war merkwürdig: dem Menschen schlug nie etwas fehl! Er schien hieb- und schußfest gegen alle Streichs des Schicksals. Er arbeitete nicht besonders viel, machte aber alle Prüfungen mit kaiserlicher Belobigung. Erging im Kattegatt bei fliegendem Sturm über Bord und wurde in rabenschwarzer Nacht wieder gefischt. Er gehörte eben zu denen,die nicht tot zu kriegen sind.

An Bord war er der Liebling und Adjutant aller Kapitäne, und der Freund aller Offiziere in der Messe. Bei den Frauen galt der blonde Hüne mit seinen Sieg­srieds-Augen einfach als der verzogene Sieger in vielen