Ausgabe 
30.10.1900
 
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Aussicht auf eine baldige Beendigung der chinesischen Wirren keineswegs verbessert, weil von einer Ausdehnung der militärischen Operationen bis tief hinein nach dem Herzen Chinas ohne ganz außerordentliche Kraftanstreng- ungen Europas, die sich nie bezahlt machen würden, gar nicht die Rede sein kann. Die chinesischen Machthaber! würden sich also ungefähr in der Lage der Russen gegen­über dem nach Moskan vordringenden Napoleon I. be­finden, wenn sie die Seeprovinzen den Europäern einst­weilen preisgäben und würden das blutige SpielKäm­merchen vermieten" im Westen ihres ungeheuren Reiches beliebig lange fortsetzen können, um, wenn den Europäern die Lust zum Nachsetzen vergangen, wieder nach Peking zurückzukehren.

Immerhin muß man jedoch mit der Möglichkeit rechnen, daß es Mit der Verlegung der Residenz nach Si-ngan-fu ernst ist; denn es zeugt von einer etwas starken Naivität Europas, zu glauben, daß eine über 250 Millionen Seelen gebietende Dynastie freiwillig sich in eine Mausefalle hineinbegeben werde, zu welcher die Groß­mächte .Peking durch die Zerstörung der Befestigungs­werke und die Verlegung starker europäischer Garnisonen dorthin umgestalten würden.

Unter diesen Umständen ist es nicht ohne Interesse, zu betrachten, was die jetzt zur Hauptstadt erklärte Stadt in der Ebene des Wei-ho einstmals bedeutete und jetzt vorstellt.

Um die Bedeutung Si-ngan-fus zu ermessen, muß man auf die Geographie und die älteste Geschichte Chinas zurückgreifen. Während das von Yang-tse-kiang durch­flossene China sich in hundert und aber hundert bedeu­tende Thäler verästelt, deren Wasserläufe wie die größeren und kleineren Seitenrippen eines Blattes der Hauptrippe zustreben, sind die wasserkundlichen Verhältnisse des den Norden Chinas durchfließenden Hoang-Ho verhältnismäßig einfach. Derunverbesserliche Fluß" d. i. nämlich die wortgetreue Uebersetzung von Hoang-Ho welcher im nördlichen Tibet am Nordostabhang des Bajancharaula, einer Parallelkette des Küen-lün, entspringt, macht, nach­dem er mehrere, dicht nebeneinander liegende Quellseen durchflossen hat, eine gewaltige S-förmige Krümmung und erreicht bei Gui-de-tin die Grenze des eigentlichen Chinas, von wo er etwa 50 Deutsche Meilen genau gegen Osten fließt. Bei Lan-Tschou, der Hauptstadt Kaw-sus an der chinesischen Mauer, biegt er scharf rechtwinklig nach Norden ab, geht hundert Meilen weiter nördlich in die Ostrichtung über, die er durch etwa 70 Meilen verfolgt, wendet sich dann bei Toto genau nach Süden, welche Richtung er durch volle 100 Meilen beibehält, um bei Tunk-wan den von Westen kommenden Wei-ho aufzunehmen, der dicht bei dem ersten Knie des Hoang-ho entspringt, und dann in die weite Ebene seines Unterlaufes zu treten. In diesem nahezu 400 Meilen langen Oberlaufe nimmt er außer dem schon genannten Wei-ho keinen nennenswerten Nebenfluß von rechts auf, weil aus dieser langen Strecke die Gebirgszüge des Küen-lün den Strom begleiten und jenseits desselben die Wässer bereits dem Yang-tse-kiang zuströmen; auf der Nordseite hingegen treten weite, un­bebaute Gebiete bis nahe an den Strom heran. Dank dieser Bodengestaltursg ist der obere Hoang-ho samt dem Wei-ho die Völkerstraße gewesen, auf der die moügollschen Eroberer vor etwa 4500 Jahren von den Hochebenen Centralasiens in das eigentliche China vordrangen, wo ebenso, wie in Japan, die Ainos, eine verweichlichte, wenig widerstandsfähige und des Krieges ungewohnte Urbevöl­kerung wohnte. Hier, wo sich eine starke Bevölkerung durch Ackerbau nähren konnte, war auch der von der Natur vor­gezeichnete Platz sür die Entstehung einer großen Haupt­stadt.

Als üm das Jahr 3000 vor Christus die Urväter des schwarzhaarigen Volkes" von den tibetanischen Steppen ans erobernd in China einfielen, gründeten sie an der Gabelung der genannten Flüsse, 10 Kilometer vom Wm-ho entfernt, das heutige Si-ngan-fu, das infolge seiner über­aus günstigen Lage überraschend schnell emporblühte, und es ist ein Beweis für die Lebenskraft des Ortes, daß er die zahllosen Kriegsstürme, die ihn oftmals zerstört haben, überdauert hat und noch heute ein Gemeinwesen ist, das mit einer Million Einwohner vielleicht stark überschätzt

sein mag, jedenfalls aber Äie halbe Million bedeutend überstergll Lex qu§ verbreiteten die großen chinesischen Mon­archen wie Fuhi, Jao, Schun und die Keime der Ge­sittung über ihr Reich, welches damals allerdings noch nicht die.Grenzen von heute hatte und nur die Stromgebiete des Hoang-ho und Yang-tse-kiang umfaßte. Sie begrün­deten die Kultur des Maulbeerbaumes und die Zucht der Seidenraupe, führten die Institutionen der Ehe bei den Urbewohnern ein, die vorher einem wilden Zusammenleben der Geschlechter gehuldigt hatten und schufen in der total versumpften Ebene ein großartiges Entwässerungssystem. Von letzteren Arbeiten zeugt noch heute im Altertums­museum von Si-ngan-fu eine Steintasel, die eins der merk­würdigsten Schriftstücke der Weltgeschichte ist und ihr Gegenstück allenfalls nur noch in der Trajanstafel am eisernen Thor an der Donau findet, vor welcher Inschrift sie aber den Vorzug des mehr als doppelt so hohen Alters voraus hat. Aus dieser Tafel, die eine Kopie der berühmten In-Inschrift" an der Quelle des Hoang-ho ist, meldet Au, der Minister Yaors, wie er im Jahre 2200 vor Christus den Wassern des Gelben Flusses und anderen, die damals einen großen Teil Chinas zu versumpfen drohten, den geeigneten freien Ablauf verschafft habe.

Ein anderes ebenso eigenartiges Monument dieser einzig dastehenden Sammlung von Altertümern ist eine im Jahre 1625 von den Jesuiten bei Fundamentierungs- arbeiten gefundene Marmorplatte mit syrischen Worten in chinesischer Schrift und einem Kreuze, dem ältesten Doku­mente des Christentums in China, welches von Nestori­anern herrührt, die im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung über Persien bis hierher gelangten.

Wenn Si-ngan-fu durch seine geographische Sage in politischer und kommerzieller Hinsicht ungeheure Vorzüge hatte, so mußte es als natürlicher Mittelpunkt des Landes auch stets der Schauplatz zerstörender historischer Ereig­nisse sein. Etwa 20mal niedergebrannt und immer wieder neu aufgebaut, war es bevorzugte Stätte des großen Reli­gionsfehden des Ostens und fah ein Ereignis in seinen Mauern, welches an die Verbrennung der päpstlichen Bann­bulle durch Martin Luther erinnert; denn hier ließ im 3. Jahrhundert vor Christus der Kaiser Tsin-tschi-wanti, der Erbauer der großen chinesischen Mauer, ein Monarch, dessen Ruhm bis nach dem altklassischen Rom drang, die verfehmten Bücher des Confueius verbrennen. In späteren Zeiten hat dann die Stadt der Welt einmal das gewiß recht eigenartige Schauspiel geboten, daß sich hier zwei Dynastien, die der Tang und der Sung sehr gut mitein­ander vertrugen.

Das heutige Si-ngan-fu hat als Handelsplatz fast noch eine größere Bedeutung als früher. Radienartig breiten sich von hier wohlgepflegte Handelsstraßen nach Norden, Osten und Südwesten aus; ein natürlicher Paß-, der einzige aus 150 Meilen Länge, führt von hier nach der ebenso fruchtbaren wie volkreichen Provinz Hu-peh, und eine Kunst­straße, die sich auch vor europäischen Ingenieuren sehen lassen kann, führt nach der Perle Chinas, der Provinz Sze-tschuan.

Der äußere Anblick Si-ngan-fus ist freilich kein be­sonders anmutender. Die innere Stadt, welche ein drei und einen halben Kilometer langes und zwei Kilometer breites Rechteck bildet, wird von einer 12 Meter hohen, mit Türmen gekrönten Mauer umgeben, die zwar recht drohend aussieht, für die Sprenggeschosse einer europä- isch-en Artillerieabteilung aber nur ein vorübergehendes Hindernis sein würde. Im Innern aber zeigt sie heute nach mehr als 40 Jahren noch die frischen Spuren, welche die Taipingrebellion hier hinterlassen hat. Noch im Jahre 1872 legten hier die Aufrührer zahlreiche Paläste in Trümmer, und zwischen den Gärten und Feldern, welche breite Flächen innerhalb der Umfassungsmauern ein­nehmen, ragen die traurigen Ueberreste der Zerstörung.

In der Mitte erhebt sich der ebenfalls sehr ver­wahrloste kaiserliche Palast, ein von Mauern umgebenes Rechteck mit Parken und zahlreichen einzelnen Gebäuden, welche jetzt das Gouvernement und den kaiserlichen Vize­könig beherbergen. Wie weit die Stadt schon gegen Westen liegt, zeigt sich am deutlichsten in der Thatsache, daß