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Aussicht auf eine baldige Beendigung der chinesischen Wirren keineswegs verbessert, weil von einer Ausdehnung der militärischen Operationen bis tief hinein nach dem Herzen Chinas ohne ganz außerordentliche Kraftanstreng- ungen Europas, die sich nie bezahlt machen würden, gar nicht die Rede sein kann. Die chinesischen Machthaber! würden sich also ungefähr in der Lage der Russen gegenüber dem nach Moskan vordringenden Napoleon I. befinden, wenn sie die Seeprovinzen den Europäern einstweilen preisgäben und würden das blutige Spiel „Kämmerchen vermieten" im Westen ihres ungeheuren Reiches beliebig lange fortsetzen können, um, wenn den Europäern die Lust zum Nachsetzen vergangen, wieder nach Peking zurückzukehren.
Immerhin muß man jedoch mit der Möglichkeit rechnen, daß es Mit der Verlegung der Residenz nach Si-ngan-fu ernst ist; denn es zeugt von einer etwas starken Naivität Europas, zu glauben, daß eine über 250 Millionen Seelen gebietende Dynastie freiwillig sich in eine Mausefalle hineinbegeben werde, zu welcher die Großmächte .Peking durch die Zerstörung der Befestigungswerke und die Verlegung starker europäischer Garnisonen dorthin umgestalten würden.
Unter diesen Umständen ist es nicht ohne Interesse, zu betrachten, was die jetzt zur Hauptstadt erklärte Stadt in der Ebene des Wei-ho einstmals bedeutete und jetzt vorstellt.
Um die Bedeutung Si-ngan-fus zu ermessen, muß man auf die Geographie und die älteste Geschichte Chinas zurückgreifen. Während das von Yang-tse-kiang durchflossene China sich in hundert und aber hundert bedeutende Thäler verästelt, deren Wasserläufe wie die größeren und kleineren Seitenrippen eines Blattes der Hauptrippe zustreben, sind die wasserkundlichen Verhältnisse des den Norden Chinas durchfließenden Hoang-Ho verhältnismäßig einfach. Der „unverbesserliche Fluß" — d. i. nämlich die wortgetreue Uebersetzung von Hoang-Ho — welcher im nördlichen Tibet am Nordostabhang des Bajancharaula, einer Parallelkette des Küen-lün, entspringt, macht, nachdem er mehrere, dicht nebeneinander liegende Quellseen durchflossen hat, eine gewaltige S-förmige Krümmung und erreicht bei Gui-de-tin die Grenze des eigentlichen Chinas, von wo er etwa 50 Deutsche Meilen genau gegen Osten fließt. Bei Lan-Tschou, der Hauptstadt Kaw-sus an der chinesischen Mauer, biegt er scharf rechtwinklig nach Norden ab, geht hundert Meilen weiter nördlich in die Ostrichtung über, die er durch etwa 70 Meilen verfolgt, wendet sich dann bei Toto genau nach Süden, welche Richtung er durch volle 100 Meilen beibehält, um bei Tunk-wan den von Westen kommenden Wei-ho aufzunehmen, der dicht bei dem ersten Knie des Hoang-ho entspringt, und dann in die weite Ebene seines Unterlaufes zu treten. In diesem nahezu 400 Meilen langen Oberlaufe nimmt er — außer dem schon genannten Wei-ho — keinen nennenswerten Nebenfluß von rechts auf, weil aus dieser langen Strecke die Gebirgszüge des Küen-lün den Strom begleiten und jenseits desselben die Wässer bereits dem Yang-tse-kiang zuströmen; auf der Nordseite hingegen treten weite, unbebaute Gebiete bis nahe an den Strom heran. Dank dieser Bodengestaltursg ist der obere Hoang-ho samt dem Wei-ho die Völkerstraße gewesen, auf der die moügollschen Eroberer vor etwa 4500 Jahren von den Hochebenen Centralasiens in das eigentliche China vordrangen, wo ebenso, wie in Japan, die Ainos, eine verweichlichte, wenig widerstandsfähige und des Krieges ungewohnte Urbevölkerung wohnte. Hier, wo sich eine starke Bevölkerung durch Ackerbau nähren konnte, war auch der von der Natur vorgezeichnete Platz sür die Entstehung einer großen Hauptstadt.
Als üm das Jahr 3000 vor Christus die Urväter des „schwarzhaarigen Volkes" von den tibetanischen Steppen ans erobernd in China einfielen, gründeten sie an der Gabelung der genannten Flüsse, 10 Kilometer vom Wm-ho entfernt, das heutige Si-ngan-fu, das infolge seiner überaus günstigen Lage überraschend schnell emporblühte, und es ist ein Beweis für die Lebenskraft des Ortes, daß er die zahllosen Kriegsstürme, die ihn oftmals zerstört haben, überdauert hat und noch heute ein Gemeinwesen ist, das mit einer Million Einwohner vielleicht stark überschätzt
sein mag, jedenfalls aber Äie halbe Million bedeutend überstergll Lex qu§ verbreiteten die großen chinesischen Monarchen wie Fuhi, Jao, Schun und Jü die Keime der Gesittung über ihr Reich, welches damals allerdings noch nicht die.Grenzen von heute hatte und nur die Stromgebiete des Hoang-ho und Yang-tse-kiang umfaßte. Sie begründeten die Kultur des Maulbeerbaumes und die Zucht der Seidenraupe, führten die Institutionen der Ehe bei den Urbewohnern ein, die vorher einem wilden Zusammenleben der Geschlechter gehuldigt hatten und schufen in der total versumpften Ebene ein großartiges Entwässerungssystem. Von letzteren Arbeiten zeugt noch heute im Altertumsmuseum von Si-ngan-fu eine Steintasel, die eins der merkwürdigsten Schriftstücke der Weltgeschichte ist und ihr Gegenstück allenfalls nur noch in der Trajanstafel am eisernen Thor an der Donau findet, vor welcher Inschrift sie aber den Vorzug des mehr als doppelt so hohen Alters voraus hat. Aus dieser Tafel, die eine Kopie der berühmten „In-Inschrift" an der Quelle des Hoang-ho ist, meldet Au, der Minister Yaors, wie er im Jahre 2200 vor Christus den Wassern des Gelben Flusses und anderen, die damals einen großen Teil Chinas zu versumpfen drohten, den geeigneten freien Ablauf verschafft habe.
Ein anderes ebenso eigenartiges Monument dieser einzig dastehenden Sammlung von Altertümern ist eine im Jahre 1625 von den Jesuiten bei Fundamentierungs- ■ arbeiten gefundene Marmorplatte mit syrischen Worten in chinesischer Schrift und einem Kreuze, dem ältesten Dokumente des Christentums in China, welches von Nestorianern herrührt, die im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung über Persien bis hierher gelangten.
Wenn Si-ngan-fu durch seine geographische Sage in politischer und kommerzieller Hinsicht ungeheure Vorzüge hatte, so mußte es als natürlicher Mittelpunkt des Landes auch stets der Schauplatz zerstörender historischer Ereignisse sein. Etwa 20mal niedergebrannt und immer wieder neu aufgebaut, war es bevorzugte Stätte des großen Religionsfehden des Ostens und fah ein Ereignis in seinen Mauern, welches an die Verbrennung der päpstlichen Bannbulle durch Martin Luther erinnert; denn hier ließ im 3. Jahrhundert vor Christus der Kaiser Tsin-tschi-wanti, der Erbauer der großen chinesischen Mauer, ein Monarch, dessen Ruhm bis nach dem altklassischen Rom drang, die verfehmten Bücher des Confueius verbrennen. In späteren Zeiten hat dann die Stadt der Welt einmal das gewiß recht eigenartige Schauspiel geboten, daß sich hier zwei Dynastien, die der Tang und der Sung sehr gut miteinander vertrugen.
Das heutige Si-ngan-fu hat als Handelsplatz fast noch eine größere Bedeutung als früher. Radienartig breiten sich von hier wohlgepflegte Handelsstraßen nach Norden, Osten und Südwesten aus; ein natürlicher Paß-, der einzige aus 150 Meilen Länge, führt von hier nach der ebenso fruchtbaren wie volkreichen Provinz Hu-peh, und eine Kunststraße, die sich auch vor europäischen Ingenieuren sehen lassen kann, führt nach der Perle Chinas, der Provinz Sze-tschuan.
Der äußere Anblick Si-ngan-fus ist freilich kein besonders anmutender. Die innere Stadt, welche ein drei und einen halben Kilometer langes und zwei Kilometer breites Rechteck bildet, wird von einer 12 Meter hohen, mit Türmen gekrönten Mauer umgeben, die zwar recht drohend aussieht, für die Sprenggeschosse einer europä- isch-en Artillerieabteilung aber nur ein vorübergehendes Hindernis sein würde. Im Innern aber zeigt sie heute nach mehr als 40 Jahren noch die frischen Spuren, welche die Taipingrebellion hier hinterlassen hat. Noch im Jahre 1872 legten hier die Aufrührer zahlreiche Paläste in Trümmer, und zwischen den Gärten und Feldern, welche breite Flächen innerhalb der Umfassungsmauern einnehmen, ragen die traurigen Ueberreste der Zerstörung.
In der Mitte erhebt sich der ebenfalls sehr verwahrloste kaiserliche Palast, ein von Mauern umgebenes Rechteck mit Parken und zahlreichen einzelnen Gebäuden, welche jetzt das Gouvernement und den kaiserlichen Vizekönig beherbergen. Wie weit die Stadt schon gegen Westen liegt, zeigt sich am deutlichsten in der Thatsache, daß


