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„Nun, wir werden ja sehen! Es war irgendwo in Rußland, wo ich mich eines Tages in sehr einsamer Gegend mit Schlittschuhlaufen ergötzte. Die Dämmerung war schon hereingebrochen, da sah ich einen betrunkenen Bauern, der aus das Eis geraten sein mochte, ohne es überhaupt zu wissen, dreißig Schritte vor mir geradeswegs in ein £otf): hineinlaufen, wie es die Fischer in den Flüssen offen zu halten Pflegen. Ich dachte mir's in meiner Unerfahrenheit nicht sonderlich schwer, den Mann zu retten, warf mich auf dem Rand der Oeffnung platt auf den Leib nieder und erfaßte auch glücklich seine Hände, mit denen er sich an der scharfen Eiskante festzuklammern versucht hatte. Aber als ich mich nun anstrengte, ihn herauszuziehen, wurde ich sofort inne, daß ich meine Kräfte weit überschätzt hatte. Ich brachte tf)u nicht um einen Zoll in die Höhe, und die Lage wurde im Gegenteil rasch für mich selber höchst bedenklich, da mich- der Mensch mit seinen verzweifelten Bemühungen, sich hinauf zu arbeiten, mit in das nasse Element hinab zu ziehen drohte. Ich bohrte die Spitzen meiner Schlittschuhe in das Eis und spannte alle meine Muskeln auf das äußerste an, um mich zu halten, aber ich spürte bald, daß ich das Verhängnis damit nicht lange würde aufhalten können; denn mein Körper fing an zu erstarren, und meine Arme starben ab. Die messerscharfe Eiskante schnckt tief in meine Handgelenke ein; die Anstrengungen des Ertrinkenden aber wurden immer fürchterlicher und wilder. -Da geschah es denn, daß der Trieb der Selbsterhaltung in mir stärker wurde, als meine opferwillige Nächstenliebe. Ich dachte nicht mehr daran, den Menschen zu retten, sondern nur noch daran, meine Hände von seinem eisernen Verzweiflungsgriff zu befreien. Und als ich eine von ihnen endlich 'losgerungen hatte, da — nun kommt das Schändliche, mein Fräulein! — da schlug ich mit der geballten Faust auf den Arm des Unglücklichen los, der die andere durchaus nicht fahren lassen wollte. Aus dem beabsichtigten Rettungswerke war ein richtiger Kanipf geworden, ein brutaler, unmenschlicher Kampf um mem eigenes Leben. Der Sieg blieb auf . Meiner Seite. Er ging unter wie ein Stein, und ich weiß nicht, wann man seine Leiche herausgefischt haben mag. Wahrscheinlich! würde ich in- einer ähnlichen Lage heute genau so handeln. Sie sehen also, daß es mit meinem vermeintlichen Helden- tume nicht weit her ist."
Mit verhaltenem Atem hatte Margarete rhm zugehört. Es stand ihr auf dem Gesicht geschrieben, wie tief erschüttert sie durch seine Erzählung war.
„Das ist furchtbar", sagte sie leise, und ihre Augen wagten sich nur scheu zu seinem ruhig lächelnden Gesicht zu erheben. „Wenn mir etwas derartiges geschehen wäre, ich glaube, die Erinnerung daran würde mich mein ganzes Leben hindurch Tag und Nacht verfolgen."
„Glücklicherweise kommt man zu guterletzt doch- darüber hinweg. Aber ein fatales Andenken an die Geschichte trage ich allerdings mit mir herum. Eigentlich war es ja ein Wunder, daß ich mich damals nicht daran verblutet habe."
Er hatte deN Mockärmel und die Manschette von dem rechten Handgelenk zurückgestreift, und mit einem kleinen Erschauern sah Margarete die Narbe, die gleich der Spur eines Säbelhiebes quer über seinen Unterarm ging.
„Nun, mein liebes Fräulein", fragte er, „halten Sie mich jetzt nicht für einen abscheulichen, herzlosen Egoisten? Wenden Sie sich nach diesem Geständnis nicht voll tiefer Verachtung von mir ab?"
Mit Entschiedenheit schüttelte Margarete den Kopf. „Nein! Sie hatten es ja sehr gut mit dem Manne gemeint, und es würde ihm doch auch keinen Nutzen gebracht haben, wenn Sie mit ihm ertrunken wären. Da Ihr eigenes Gewissen- Sie freispricht, darf sicherlich- auch- kein anderer einen Vorwurf gegen Sie erheben."
Sandory neigte sich! ein wenig herab und sah der Sprechenden so bedeutsani in die AugeN, daß dem jungen Mädchen das- Blut in die Wangen stieg.
„Ich danke Ihnen für dies gute Wort, Fräulein Margarete! Es ist eine Freisprechung, die mich glücklicher macht, als Ruhm und Schätze. Sie können gar nicht
ahnen, ein wie reiches Geschenk Sie mir damit gemacht haben."
,,O, Sie legen meiner Aeußerung doch wohl zu großes Gewicht bei", stammelte sie verwirrt. „Was kann Ihnen schließlich an meiner guten oder schlechten Meinung gelegen sein! — Uebrigens muß ich mich hier verabschieden. Im Namen der armen Kinder danke ich! noch einmal für Ihre Spende. Adieu!"
„Auf Wiedersehen bei dem Feste! Da wollen wir von angenehmeren Dingen plaudern als heute — nicht wahr?"
Er hatte die kleine Hand, die sie ihm zögernd gereicht hatte, mit sehr warmem Druck umschlossen. Als er sie wieder sreigegeben, eilte Margarete mit beflügelten Schritten davon, und sie war unwillig über sich selbst, weil sie ihr Herz in so merkwürdig stürmischem Tempo pochen fühlte.
Auf Rudolf Sandorys Gesicht aber blieb das heitere Lächeln auch dann, als er seinen Weg fortsetzte. Die kleine Mißstimmung, die ihn vorhin in Franz Norren- bergs Kontor beherrscht hatte, war offenbar vollständig verschwunden.
Als er bis an! eines der alten, spitzbogigen Thore gelangt war, blieb er einen Augenblick zaudernd stehen; aber seine Unentschlossenheit war nicht von langer Dauer. Er zündete sich in dem windgeschützten Winkel eine Zigarette an Und schlug dann geradeswegs die Richtung nach! Norrenbergs elegantem Landhause ein.
IN dem kleinen Vorgarten wäre er um ein Haar mit Georg Lengfeld zusammengeprallt. Der Staatsanwalt kam mit bitterbösem Gesicht aus der Villa und blieb auch nicht stehen, als er Sandory erkannte. Die Art, wie er in Erwiderung des artigen Grußes, der ihm von diesem zuteil wurde, an! seinem Hute rückte, war geradezu unhöflich zu nennen, und er warf die eiserne Garten- thür hinter sich zu, baf es klirrte.
Lächelnd stieg Sandory die Stufen zur Einganas- thür empor und zog die Glocke. Das Mädchen, welches ihm öffnete, schien beauftragt, jeden Besucher abzuweisen, aber es war noch nicht über die ersten Worte hinausgekommen, als Dora selbst aus einem der Parterrezimmer trat.
„Ah, Sie sind es, Herr Sandory! Dars ich Sie bitten, näher zu Preten? Mein Vater ist leider noch! in der Stadt."
„Ich wußte es; denn ich! komme soeben voN ihm", sagte der Besucher, als sie in dem kleinen Salon allein waren. „Und ich empfinde in diesem Augenblicke beinahe etwas wie Gewissensbisse; denn ich fürchte, er sieht meine Besuche in seinem Hause nicht allzu gern."
(Fortsetzung folgt.)
Si-Rgan-Fu, die neue Hauptstadt Chinas.
Von Heribert v. Hiller-Sternberg.
Nachdruck verboten.
Die kaiserliche Familie Chinas hat auf der Flucht vor den „roten Teufeln" ein großes Stück Land zwischen sich und die Expeditionstruppen der europäischen Mächte gebracht. Nicht weniger als volle 1000 Kilometer landeinwärts ist der eilige Rückzug gegangen bis nach Si-ngan-fu, der uralten Residenz der ersten chinesischen Dynastien und im Schatten der Ruinen, welche von einer viertausendjährigen Geschichte reden, können Kwang-sü und seine kaiserliche Tante Tsze-hsi „der liebevolle Wandschirm", wie eine ihrer unzähligen Titulaturen lautet, darüber nachdenken, wie sie nach- dem frevelhaften Völkerrechtsbruche dieses Sommers wieder zu einem annehmbaren Frieden mit den von ihnen so verachteten westlichen Mächten kommen.
Die Nachricht, daß der chinesische Hof dauernd seine Residenz nach Si-ngau-fu verlegen wolle, ist zuerst als eine jener Flunkereien- aufgefaßt worden, mit welchen die chinesischen Machthaber Europa von -einer energischen militärischen Kraftentfaltung abhalten wollen, und das ist auch! ganz richtig, daß dieser Wechsel des Regierungssitzes die


