Ausgabe 
30.9.1900
 
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stehen, damit Sie sich selbst Überzeugeri, und pflückte nur dies Blatt davon ab!"

Sehr brav, sehr brav!" brummelte der Professor und betrachtete das Blatt bald von der einen, bald von der anderen Seite, führte es! au die Nase und kostete auch einmal davon.Wenn mich nicht alles täuscht, ist das wirklich der heimtückische und hinterlistige Hornmohn. Gleich morgen früh wandre ich, hinauf, wenn Sie mitkommen wollen" ,,,

Ich stehe gern zur Verfügung. Erst gegen zehn Uhr bin ich auf den Werken nötig!" erklärte der Ingenieur, der sich in weiser Voraussicht schon frei gemacht hatte. Sein jüngerer Kollege war sofort bereit gewesen, seine Obliegenheiten solange zu übernehmen. Und da der Chef verreist war, lieh sich das ohne viele.Umstände einrichten.

Dann treffen wir uns um sieben an der Königslinde! Einverstanden?" ,

Selbstverständlich! Ich möchte so früh tote möglich wissen, ob wir das Erntefest am Sonntag noch zusammen­feiern! Sie kennen doch unfern Pakt?"

Gewiß, gewiß!" schmunzelte der Professor.Du darfst das Kofferpacken noch ruhig ein paar Tage aus­schieben, Sigrid!"

Wenn Du Dich nicht doch hast täuschen lassen! Ich habe den Falkengrund auch abgesucht. Mir ist kein Glau- cium vor Augen gekommen!"

Man übersieht manchmal etwas!" beruhigte sie der Professor.Und das Blatt hat ganz den Charakter! Sieh doch diese Neigung zum Stengelumfassen, diesen Milch­saft!"

Sigrid zuckte die Achseln.

Eine Täuschung ist trotzdem nicht ausgeschlossen. Ich habe nur Disteln dort gesehen, die ähnliche Blätter hatten!" sagte sie und streifte dabei Hartmann mit einem ernsten Blick. Aber dieser hartgesottene Sünder zuckte mit keiner Wimper.

Die heilige Terpsichore wird mir schon beistehen, daß es Glaueium ist!" meinte er lustig.

Terpsichore?" fragte der Professor verwundert.Das ist doch die Muse der Tanzkunst!"

'Ganz recht!" lachte der Taugenichts.Die meinte ich gerade!" ,r c

Sigrid konnte nicht anders. Sie schüttelte leise den Kopf über so viel Verstellung und Leichtsinn. Wenn das alles seine Braut wüßte! Aber das ging sie denn am Ende doch wohl nichts an. Es war genug, daß sie sich den Leichtfuß ihr zu Liebe in respektvoller Entfernung hielt!" /

Am andern Morgen wartete sie mit ihrem Vater an der Königslinde auf sein Eintreffen. Pünktlich war er zur Stelle und rüstig schritt er ihnen voran.

Hier, nicht weit von dem Hünengrab muß der Ort sein!" sagte er, als sie am Anfang der Schlucht angelangt waren. Er hatte sich den Platz so genau gemerkt, als sei dort ein Schatz vergraben, that nun aber, als habe er Mühe, ihn wiederzufinden.

Welch ein Heuchler!" dachte Sigrid.

Heureka!" ries der Professor, der nach eifrigem Um­herstöbern das Pflünzlein gefunden.Kein Zweifel mehr! Es ist Glaueium! Der alte Konrektor Sagebiel, dessen Programm-Arbeit von anno achtunddreißjg die Nachricht entstammt, hat also doch recht gehabt! Ich sage Ihnen, lieber Herr Hartmann, so bedeutungsvoll der Fund an sich ist: für mich ist er eine große, reine Freude! Wir werden das Exemplar jetzt vorsichtig ausheben, die Samenkapseln aber zum Teil hier entleeren, damit diese seltene Spezies dieser Schlucht erhalten bleibt!"

Wingold Hartmann toar' durch die enthusiastische Art des alten Herrn doch ein wenig in Verlegenheit geraten. Ganz so gewaltig hatte er sich den Effekt seines schnöden Schwindels nicht vorgestellt. Aber der tolle Streich war einmal angefangen, und der Erntetanz mit dieser schönen, spröden Professoren-Tochter, die unter dem Ein­fluß der Festfreuden vielleicht etwas weniger unnahbar wurde, war schon ein paar Gewissensbisse wert.

Den Spaten, Sigrid!" kommandierte der Alte. Doch wie ihm nun sein Töchterlein, den Ingenieur mit einem seltsamen Blick, halb Warnung, halb Siegesfreude, streifend, das Werkzeug herüb erreichte, nahm der Bösewicht sich

ernstlich vor, dem getäuschten Professor, nach dem Erntefest natürlich, schonend von seinem verruchten Hokuspokus Mitteilung zu machen.

Die Reue vor der Höllenfahrt!

Papa Lorenz stieß beim ersten Spatenstich genau in die Mitte des thönernest Ungeheuers, in das seine Tochter das so plötzlich ausgetauchte Exemplar von Glaueium ein- gepflanzt hatte, und hob verblüfft den Topf aus der Erde.

Sigrid fing an zu lachen, aber es klang nicht halb so herzhaft und echt, wie sie sonst lachen konnte..

Wenn das keine Seltenheit ist!" sagte sie nun. Hornmohn in Blumentöpfen, mitten im Waldesdickicht!" Wingold Hartmann war über und über rot geworden. Er hatte es schon am Lachen Sigrid's erkannt, wer ihm diesen Strich durch seine allerdings nicht gerade ehrliche Rechnung gemacht hatte.

Das ist ein recht alberner Scherz!" sagte der Pro­fessor, ernstlich verstimmt.Ich hätte nicht geglaubt, Herr" Hartmann, daß Ihnen die ernste Wissenschaft"

Keine Moralpauke, verehrter Herr Professor!" unter­brach ihn hastig der Ingenieur.Gewiß, ich habe hier einen dummen Streich begangen. Dieser Hornmohn ist aus dem botanischen Garten in G. und von mir erst gestern hierher gepflanzt. Ich wollte Sie und Fräulein Sigrid so gern zum Erntefest hier behalten und habe mich um diesen Preis zu dieser Thorheit hinreißen lassen! Aber dieser thönerne Gedanke hier", er schlug mit seinem Berg­stock heftig gegen den Blumentopf,stammt nicht von mir! Ich hätte.Ihnen erst am Montag gebeichtet!Nichts für ungut! Es muß eben auch! solche Käuze geben wie ich bin! Guten Morgen!"

Und ehe noch ein Wort der Erwiderung fallen konnte, war er mit ein paar flüchtigen Sätzen, fast wie ein. ge­hetzter Edelhirsch hinter dem Hünengrabhügel ver­schwunden.

Warst Du der Eulenspiegel, der ihm das bereitet hat?" fragte der Professor seine Tochter.

Sie nickte nur wortlos. Eine nachdenkliche Falke hatte sich auf ihre Stirn geschlichen. Nun sollte sie noch gar die Schuldige fein, während sie seinen Betrug doch nur aufgedeckt hatte? Es war wunderlich. Aber wie ein be­leidigter König hatte er feinen Abgang genommen. Und die Befriedigung, die sie sich von dieser Entlarvung ver­sprochen hatte, war sonderbarer Weise ausgeblieben.

Verdrehter Patron!" murmelte Papa Lorenz.Aber weshalb lockst Du mich bis hier hinaus, wenn Du Bescheid wußtest? Du bist auch nicht viel vernünftiger! Da wir einmal hier sind, laß uns noch einmal nach Buplenrum tenuiffimum suchen, das hier nachgewiesen ist!"

IV.

Sigrid Lorenz war gerade damit beschäftigt, die wissen­schaftliche Ausbeute ihres Vaters in dem großen Reife­koffer unterzubringen; denn der Tag ihrer Abreise war angebrochen und in ein paar Stunden mußte alles fertig fein, damit der leichte Wagen des Engel-Wirtes sie zur rechten Zeit an die Station befördern konnte; da kündete ein erstes leises Grollen ein herbstliches Frühgewitter an. Bestürzt sprang sie ins Fenster und prüfte den Horizont. Wahrhaftig, von Westen her kam es gezogen, schieferblau und unheimlich. Wenn sich das über Wodenquell entlud, gab es eine böse halbe Stunde! Eifriger noch als vorhin waltete sie ihres Amtes, um noch vor Ausbruch des Unwetters fertig zu werden.

Aber es dauerte nicht lange, da leuchtete der erste fahle Blitz durchs Zimmer, und nach gemessener Pause grollte der Donner hinterdrein. Auch den zweiten hielt sie noch aus, wiewohl ihr der Angstschweiß schon auf der Stirn stand, und ein heftiges Zittern ihre geschäftigen Hände überfallen hatte. Als aber der dritte Lichtschein gespenstisch durch das Zimmer flog, warf sie entsetzt das große Leunis'sche Werk mitten unter die altmodischen Vorhemden des Vaters und flitzte zur Thür hinaus, die Treppe hinab, über den Hausflur nach der Hofseite hin, wo der Eingang zum großen, dunklen Keller des Wirts­hauses lag, hob mit einem kräftigen Ruck die schwere, schräge Eichenthür und huschte in die rettende Finsternis hinab.

Tastend flüchtete sie sich in eine Ecke, in der sie neulichz schon gesessen. Doch glitt der Schein der Blitze