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„Meine ich auch nicht! Die Strafe bestand in etwas ganz anderem!"
„Ah
auch noch hierher, wohl weil in einem der Kellerräume heute eines der strohverstopften Löcher freigemacht worden war. Entschlossen drehte sie sich gegen die Wand und hielt zum Ueberfluß noch! die Hände vor das Antlitz. So saß sie eine Weile ziemlich gefaßt dort unten, nur wenn ?er Donner, der merkwürdig dumpf herunterklang, an chr Ohr. schlug, zuckte sie zusammen. Merkwürdig, wie sich rhr die Hörkraft steigerte in dieser Finsternis! Mitten zwischen dem Gepolter eines schwächeren Schlages vernahm sie einmal das Klirren von Flaschen. Wahrscheinlich arbeitete jemand von den Wirtsleuten hier im Keller. Sie war also nichjt allein. Das steigerte ihre arg zusam- mengeschmolzene Kourage etwas, und sie löste daraufhin die Hände wieder vom Gesicht. Jetzt zeigte sich ihr auch ein matter, schmaler Lichtstreifen, wie von einer Küchenlampe, der aus einer entfernten Thür in einem Nebengange fiel. Da wurden wohl Flaschen gespült oder Wein abgezogen. Schon wollte sie sich den Gang hinuntertasten, um sich für ihre Gewitterfurcht etwas Gesellschaft zu suchen, als plötzlich eine ihr sehr gut bekannte Stimme das alte Zecherlied begann:
„Im tiefen Keller sitz' ich hier Bei einem Faß voll Reben —"
Heftig erschrocken sank sie auf ihren Sitz zurück. Und da gleichzeitig ein kräftiger Blitzschlag mit dicht dahinter einsetzendem Donner aufflammend und dröhnend vernehmbar wurde, verlor sie einen Augenblick die Herrschaft über sich und that einen lauten Aufschrei.
Nun verstummte der Sänger, um gleich darauf mit seiner Lampe in der Hand in dem dunkeln Kellergang aufzutauchen. Sigrid sah ihn kommen. War das wirklich der Ingenieur, der da mit dem großen glänzenden Schurzfell und in Hemdsärmeln auf sie zugeschritten kam? Sie vermochte es nicht zu unterscheiden. Seine Stimme war es gewiß gewesen. Sie schloß die Augen und rührte sich nicht. : ।
„Halloh, wen haben wir denn da?" rief Wingold Hartmann und leuchtete der jungen Dame ins Gesicht. Dann aber ließ er vor Bestürzung beinahe die Lampe fallen. „Fräulein Lorenz!" stammelte er. „Was — wie?"
„Das Gewitter!" murmelte sie. „Ich fürchte mich kindisch vor einem Gewitter!"
„Oh", beruhigte er sie, „das geht ja vorüber! Wenn Sie übrigens dort hinten hinkommen wollen, sitzen Sie so sicher wie in Abrahams Schoß! Dort fällt auch kein leiser Schein hin!"
Sie wehrte sich anfangs. Aber ein neues Aufleuchten ließ sie schnell einwilligeA Herzklopfend folgte sie dem voranleuchtenden Führer in den dunkeln Raum, in. dem der Engelwirt sein Weinlager hatte.
„So," sagte Wingold Hartmann, „setzen Sie sich hier auf das Tokayer-Fäßchen und warten Sie das Unwetter ab. Ich werde Sie nicht stören, nebenan habe ich! auch noch zu thun!"
Damit wollte er hinaus.
„Bitte, bleiben Sie doch!" bat sie zaghaft.
„Hm, —" brummte er, „wie kann sich jemand vor so natürlichen Dingen fürchten, noch. dazu, wenn man eine Professoren-Tochter ist!" ''
„Ich bin nun einmal so!" sagte sie. „Wenn ich auch weiß, wie die Gewitter sich bilden, wie der Blitz entsteht, und woher der Donner kommt: ich fürchte mich trotz alledem!"
„Wer ein gutes Gewissen hat, braucht sich nicht zu fürchten!" meinte er, und hantierte zwischen den in einem Zuber stehenden leeren Flaschen herum.
„Wenn man Sie singen hört, immer in den Donner hinein, sollte man wohl glauben, daß Sie ein gutes Gewissen hätten!" sagte sie mit leiser Anzüglichkeit.
„Habe ich auch!" bestätigte er lakonisch.
„Wie? Nach diesem —"
„Schwindel von gestern? wollen Sie sagen, nicht? — Ach, das vergiebt einew der Herrgott schon! Glauben Sie mir's! Ich that's doch nur, weil — hm — na, und da die sogenannte Strafe meinem fluchwürdigen Verbrechen aus dem Fuße folgte —"
„Sie machen es sich leicht. Eine Ueberführung ist doch noch keine Strafe!"
„Ja! Sehen Sie mich doch an! Schaut so ein Ingenieur aus? Oder ein Weinküfer? — Meine Stellung bin ich los, weil ich den Vormittag verbummelt habe!"
„O, das thut mir aber leid!" sagte Sigrid bestürzt.
„Mir nicht!" entgegnete er. „Wir standen so wie so aus der Schneide, der Chef und ich! 'Der Arbeiterlöhne — und auch anderer Sachen wegen! Na, und da paßte die Gelegenheit ja nichjt übel, wie er mich gestern früh nicht fand. Er war nämlich plötzlich zurückgekommen, ohne daß ich darum gewußt hatte! — Eins, zwei, drei lagen wir uns in den Haaren. Die richtige Laune hatte ich ja! — So bin ich vorläufig nun hier untergekrochen und ziehe unserem Engelwirt den Wein auf Flaschen. Als Rheinländer weiß man damit ja Bescheid!"
Sigrid Lorenz saß wie versteinert. Langsam, ganz langsam schlich sich ihr ein stilles, wundersames Glücksgefühl ins Herz. — •
„Und Ihre — Braut?" fragte sie endlich,, so harmlos es ihr nur über die Lippen wollte.
„Meine Braut!" lachte er etwas rauh. „Bis jetzt habe ich noch keine!"
„So! — Und ich dachte —" flüsterte sie.
„Was dachten Sie?" rief er und sprang von seinem Faß empor. „Hat Ihnen vielleicht jemand erzählt, daß ich die Tochter dieses — dieses — Herrn Direktor Gillwald heiraten würde? Ja?"
Sie nickte errötend.
„Man erzählte es uns!"
„Und das haben Sie geglaubt; auch noch, als ich wie ein anderer Toggenburg jeden Abend hier herübergepilgert kam, nur um einen Blick aus Ihren Augen, ja aus Ihren, Fräulein Sigrid, zu erhaschen? — O, nun wird mir vieles klar! Wenn Sie mich für so einen Lum- pazius gehalten haben! — Da müssen Sie viel wieder gut machen, Fräulein Sigrid!" sagte er und schaute mit seinen treuherzigen Augen tief in die ihren. —
Sie senkte die Blicke und suchte nach einem ausweichenden Wort. —
„Hätte ich Papa wenigstens vorgestern schon aufgeklärt!" klagte sie sich an. „Nun sind Sie gar stellenlos!"
„Nicht länger, als ich just Neigung dazu habe!" erklärte er. „Ich kann schon seit Jahr und Tag als Teilhaber und Leiter in eine kleine, aber nutzbringende Maschinenfabrik eintreten. Das werde ich jetzt thun! Wenn Sie weiter keine Gewissensbisse haben!?"
„Herr Hartmann!" flüsterte sie scheu. Da kam ihm droben der zürnende Donner noch einmal zu Hilfe. Es gab einen Schlag, daß das Haus in seinen Grundfesten zitterte. Und wehrlos flog sie in die Arme, die er ihr entgegengebreitet hatte.
„Meine Sigrid!" murmelte er kosend und hauchte einen ^Kuß auf ihr duftiges Haar.
„Sigrid!" rief im gleichen Augenblicke der Professor von der Treppe her. „Bist Du da?"
„Jawohl, Herr Professor!" schallte Hartmann's volle kräftige Stimme zurück, die der Alte sogleich erkannte.
„Ah, Sie, Herr Ingenieur", sagte er mißtrauisch und kam den Gang herauf. „Suchen Sie hier auch wieder Glaucium?"
Als er aber an der Kellerthür erschien, und Sigrid an der breiten Brust dieses Hünen im Schurzfell ruhen sah, mitten unter den Fässern und Flaschen, blieb ihm vor Ueberraschung das Wort im Munde stecken.
„Das ist doch —" Weiter kam er nicht.
„Brennende Liebe!" rief Wingold Hartmann und sah dem Alten mit fröhlichem Vertrauen in die Augen. „Sind Sie mir noch sehr böse, Herr Professor?"
Nun fiel Sigrid ihren: Vater um den Hals und flüsterte: „Ich habe ihn so lieb, so lieb!" und fing an zu schluchzen.
Der Professor aber streichelte ihr wie einem kleinen, verschüchterten Kinde zärtlich über das Haar und murmelte, mit seinem schönen, weißen Gelehrtenhaupt nickend: „Darfst Du auüch — darfst Du auch! — Brennende Liebe — Lychnis chalcedonica! — An die habe ich schon recht lange nicht mehr gedacht!" —


