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Roberts Worte und Benehmen hatten ^augenscheinlich Eindruck gemacht. '
Ja, erwiderte der Beamte, das habe ich schon bemerkt, daß sie nicht von gewöhnlicher Art ist.
Und Sie haben wohl auch gesehen, daß sie zart und schwächlich ist?
Ja, das auch, und wir sind gern menschlich gegen Gefangene. Sie können ihr etwas Abendessen und, Bettzeug senden, und wenn Sie an sie schreiben wollen, so ist das erlaubt, aber was Sie schreiben, muß dem Leutnant vorgelegt werden. Ich erwarte ihn jeden Augenblick.
Robert schrieb hastig:
Fräulein Howell! Ihre Freunde sind überzeugt von Ihrer Unschuld, und ich glaube, wir werden im stände sein, sie zu beweisen. Es hängt viel davon ab, daß Sie Kraft und Mut bewahren. Es wird Ihnen Bettzeug gesandt werden, und ich hoffe. Sie werden das Abendessen nicht zurückweisen, welches bald gebracht werden wird. Ich habe immer geglaubt, daß Sie das tapferste Mädchen der Welt seien, und jetzt, wo so viel von Ihrer Haltung und Kraft abhängt, bin ich überzeugt, daß Sie die Bemühungen Ihrer Freunde unterstützen werden.
Mit vollster Hochachtung Ihr Robert Atword.
Der Leutnant, welcher bald erschien, hatte nichts gegen diesen Brief einzuwenden und versprach, ihn Mildred zu senden. Darauf begab sich Robert in das nächste Restaurant und bestellte ein einladendes Abendessen, welches er mit einer Tasse Kaffee so rasch durch den Sturm trug, daß alles noch heiß in Mildreds Zelle gebracht wurde.
Dann nahm er eine Droschke und fuhr rasch nach ihrer Wohnung. Howell war glücklicherweise abwesend, denn Mildreds natürlicher Beschützer würde die Sache schlimmer gemacht haben. Wenn die Wächter des Gesetzes die herabgekommene und verfallene Gestalt gesehen hätten, so würden sie darin eine Erklärung für das Verbrechen gesehen haben, dessen Mildred beschuldigt war. Aber ein Besuch von Frau Howell konnte einen ganz anderen Eindruck machen, und er beschloß, sie auszufordern, ihn ganz allein nach dem Polizeibureau zu begleiten.
Es ist unmöglich, den Kummer der unglücklichen Frau zu beschreiben, welcher sie fast vernichtete, aber auf Roberts Aufforderung raffte sie sich bald auf, um ihr Kind zu verteidigen. Aus seinen Rat kleidete sie sich so viel als möglich wie eine Dame, deren Erscheinung und Wesen von ihr unzertrennlich waren. Mit Mühe überredete er die weinende und entrüstete Bella, bei den Kindern zu bleiben, denn er wußte, daß sie viel zu aufgeregt war, um mit der Polizei sich zu verständigen. Bald erreichten fte das Polizeibureau, und der wachthabende Sergeant Be^tüßte sie höflich. Als er aber ihren Wunsch erfuhr, erwiderte er: Nein, Sie können sie nicht früher sehen, als bis sie morgen vor Gericht geführt wird. Auf die Bitten der Mutter und Roberts Vorstellungen erwiderte er ungeduldig: Glauben Sie, ich werde die Vorschriften mißachten? Sie können indessen warten, bis der Leutnant wiederkommt. Es blieb ihnen deshalb nichts weiter übrig, sie setzten sich nieder und warteten. Während die Mutter leise weinte, versank Robert tief in Gedanken.
Endlich kehrte der Leutnant zurück.
Hier ist die Mutter des verhafteten Mädchens, sagte der Sergeant, sie wünscht Sie zu sprechen.
Nun, was giebt es, fragte der Polizeileutnant etwas rauh, aber sein Wesen wurde Milder, als er die zarten Züge der Bittenden erblickte, welche ihre alten Reize noch nicht verloren hatte und beredt von dem unaussprechlichen Gram einer Mutter sprachen. Seien sie unbesorgt, fügte er etwas freundlicher hinzu, wir sind nicht unmenschlich und nicht hartherziger, als unsere Pflicht es verlangt.
Endlich brach Frau Howell aus: Wenn Sie ein Herz haben, so lassen Sie mich zu ihr! Man hat sie beschuldigt, morgen soll es bewiesen werden. Noch vor einem Jahr hatten wir eine schöne,: glückliche Heimat, und meine Tochter einen Vater, den alle achteten. Wir hatten Unglück, aber meine Tochter ist schuldlos! Kann ich sie nicht sehen, wenigstens für einen Augenblick, um ihr ein Wort des Trostes zu bringen? Sie könnte wahnsinnig werden aus Angst!
Es ist ein schrecklicher Irrtum vorgefallen, rief Robert, als er sah, daß der Polizeileutnant unschlüssig wurde und
die Mutter wohlwollend ansah. Angesehene Leute werdeü gern Zeugnis dafür ablegen, daß Fräulein Howell einer unehrlichen That unfähig ist.
Ich muß ihnen sagen, erwiderte der Beamte scharf, daß eine solche negative Aussage nur wenig Wert hat gegen die positiven Thatsachen des Falles.
Ach, lassen Sie mich mein Kind sehen! rief Frau Howell in leidenschaftlichem Tone.
Seine Skrupel schwanden.
Führen Sie sie hinab! sagte er zu dem Sergeanten.
Als Mildred im Begriff war, in das Polizeibureau einzutreten, hatte sie sich umgeblickt, und zum erstenmal in ihrem Leben in der Hoffnung, Robert zu sehen. Dann hatte er ihr zugewinkt, und sie wußte, daß er alles für sie thun werde, was in seiner Macht stand. Jetzt fühlte sie sich getröstet durch den Gedanken, daß nicht die ganze Welt gegen sie sei. Sie wußte auch, daß er ihre Blutter und Bella von der entsetzlichen Angst wegen ihres-Ausbleibens befreien, und Mister Wentworth zu Hilfe rufen werde, aber daß er irgend etwas wußte, was das Geheimnis erklären könnte, hielt sie nicht für möglich. Sie war so elend und niedergeschlagen, daß sie in eine Art Betäubung versank. Ein Gefängnis war für sie ein Ort namenloser Schrecken, denn die Romane, die sie in früheren Jahren gelesen hatte, beschrieben sie als mittelalterliche Burgverließe. Von dem prosaischen Charakter eines modernen Gefängnisses wußte sie nichts, und beim Anblick der eisernen Gitter sank sie trostlos auf die alte, hölzerne Bank. Bei jedem Laut fuhr sie zusammen. Es war noch früh am Abend, und sie war die erste Gefangene, und der Gedanke, daß bald noch andere schreckliche Gestalten hereingeführt werden könnten, versetzte sie in Angst. Sie fürchtete den folgenden Tag, da sie sich nicht denken konnte, was zu ihrer Rechtfertigung gegen die schreckliche Anklage vorgebracht werden könnte, und dachte mit Entsetzen daran, daß ihr Name in den Zeitungen erscheinen werde, daß Miß Wetheridge vor ihr zurückschrecken würde. Was sollte aus der Familie werden ohne sie, wenn ihre Unschuld nicht bewiesen werden konnte?
Sie befand sich in tiefster Verzweiflung und hatte keine Thränen mehr. In diesem Augenblick wurde ihr Roberts Brief gebracht, der von neuem ihren Mut hob. Die Hoffnung erwachte wieder, und sie küßte leidenschaftlich das Papier.
Wenn er meinen Namen vor Entehrung schützen kann, murmelte sie, wenn er meine Lieben vor Armut und Schande dadurch retten kann, so will ich jedes Opfer bringen, das er verlangen kann. Ich will meine alte Liebe vernichten, und wenn auch mein Herz brechen sollte, so will ich dennoch sein treues Weib werden. Ach, wenn er doch Bella anstatt meiner lieben würde! Aber gewiß wird es mir gelingen, meinen alten, süßen Traum, der nie mehr als ein Traum war, zu vergessen, und wenn auch Jahre darüber hingehen sollten, so werde ich doch endlich den Gedanken an denjenigen überwinden, der während aller dieser traurigen Monate mir kein Wort zukommen ließ. Ein weibliches Herz kann sich nicht gegen Vernunft und Dankbarkeit und die heilige Pflicht, die sie den Ihrigen schuldet, verschließen. Aber kann Robert irgend etwas Bestimmtes zu meinen Gunsten erfahren haben? Es scheint unmöglich! Ach, ich fürchte, es ist eine leere Hoffnung!
Mildred! ries eine bekannte, geliebte Stimme. Der Schlüssel knirschte im Schloß, und im nächsten Augenblick lag sie an ihrer Mutter Brust.
Mildred erzählte ihrer Mutter alles, was vorgefallen war, und Frau Howell sprach ihr Vertrauen auf Robert aus.
Du darfst den Mut nicht verlieren. Wir werden Dir alle beistehen, und auch Mister Wentworth, der Geistliche, wird da fein)'.
Wo ist Papa? fragte Mildred.
Ich weiß nicht, erwiderte Frau Howell mit einem tiefen Seufzer. - ,
Ach, Mutter, es ist sehr traurig, aber es wäre viel besser, wenn er nicht erscheinen würde.
Gewiß, erwiderte die: Mutter. Und nun lebe wohl! Gott erhalte Dich! Sei ohne Furcht! Ich kann jetzt nicht länger bleiben!
Die Zeit ist um, rief der Wächter.
Sage Mister Atword, daß ich ihm tief verpflichtet bin


