WZ
U’
er über and're Schlechtes hört, Soll cs nicht weiter noch verkünden; Gar leicht ist Menschenglück zerstört, Doch schwer ist Menschenglück zu gründen.
Friedr. Badenstedt.
(Nachdruck verboten.)
In der Christnacht.
Von H. Waldemar.
Vom Sturm gepeitscht, rollten die Wogen der See dem Ufer zu. Nichts ist zu sehen als eine riesengroße Mauer von Wasser, auf der ab und zu weiße Schaumkämme auftauchen, um in der nächsten Minute wieder zu verschwinden. Mit donnerähnlichem Geräusche brechen sich die Wellen an der Küste, als wetterten sie, daß ihnen solch ein Widerstand geworden. Am Himmel jagen bleigraue Wolken dahin, fetzenartig ziehen sie sich in die Länge, verdünnen sich und gestatten manchmal der schmalen Mondsichel, herabzublicken auf das Toben der Elemente.
Da, ein dumpfer Laut, ein zweiter und dritter. . . Ein Schiff in Gefahr . . .
Das kleine Fischerdorf wurde lebendig. Seit Stunden schon hatten sich Männer und Frauen in ihre Hütten zurückgezogen, um nach ihrer Art das Christfest zu feiern. Heute war Heiligabend. Und wenn die Armen sich auch nicht zu einem geschpiückten Tanuenbaum aufschwingen konnten, so feierten sie des Heilands Geburt durch ein reicheres Essen, einen besseren Tropfen. Wenn es hoch kam, verstiegen sie sich dazu, ihren Jungen ein Boot zu schnitzen öder den Mädchen Fischnetze zü stricken. Aber die Hütte duftete herrlich in frischem Tannengrün, und wohin der Fuß trat, knisterte es geheimnisvoll und anheimelnd.
Nun aber ließen sie alles im Stich.
Ein Schiff in Gefahr! Das ist die Losung für alle, zu helfen. Einer für alle, alle für einen. Heute galt es dem, wer war davor sicher, daß er nicht morgen selbst in bedrängte Lage geriet?
Hastige Schritte eilen d'em Wasser zu. Männer und Frauen legen Hand an, das Rettungsboot in die See zu ziehen. Schuß auf Schuß erdröhnt, und schauerlich klagt das Nebelhorn.
Nun ist das Boot klar, die Mannschaft eilt an ihre Plätze — Söhne und Väter, Brüder und Gatten — Seeleute, die willig ihr Leben für andere in die Wagschale werfen.
Freunde und Feinde geben ihnen das Geleite. Worte der Ermunterung und des Trostes, des Hinweises auf den heute geborenen Erlöser werden ihnen mit auf den gefahrvollen Weg gegeben.
Ein junger, kräftiger Bursche löst seine Hand aus der der Mutter.
„Gott segne Dich, mein Junge, und bringe Dich- wieder, Du mein letzter und einziger", ruft die Matrone. Ihre Stimme zittert, und ihre Hand versagt den Dienst, als sie, vielleicht zum letztenmale, des Sohnes Wangen streicheln will. Aber sie zeigt dem Helden ein fröhliches Gesicht, sie hält sich tapfer. Und doch ist er das einzige, was ihr geblieben, Mann und drei Söhne hat die tückische See bereits verschlungen. Jst's ein Wunder, daß sie fast zusammenbricht, als das Boot vom Lande stößt?
Nicht weit davon hat ein junges Weib beide Arme fest um den Mann geschlagen, dem sie erst vor Monaten angetraut worden. Ihr Kopf ruht an seiner Brust. Unter den geschlossenen Lidern tropfen schwere Thränen hervor.
„Bleibe, Jan, ach bleibe, ich! habe ja sonst nichts auf der Welt als Dich", stöhnt sie.
„Ich muß gehen, Kathi, die Pflicht ruft mich. Mach, mich nicht schwach, liebes Weib, es muß sein!"
Sanft, aber nachdrücklich löst er ihre Hände von seinem Nacken, küßt sie noch einmal und eilt hinweg.
Die junge Frau bricht in lautes Weinen aus. Niemand achtet auf sie, nur einzelne Kinder umstehen sie und sehen ihr neugierig in das Gesicht.
Das Boot, von ungezählten Händen hinausgestoßen, wird von den Wogen alsbald gefaßt und fortgetragen. Die Zurückgebliebenen sahen es drei-, viermal kommen und gehen —, dann war es ihren Blicken entschwunden.
Die Frauen schauen sich entsetzt an und jammern. Jene Matrone aber, obwohl ihr das Herz blutet, ruft sie zu ihrer Pflicht zurück.
„Geht nach Hause, zündet Feuer an, daß sich Eure Männer wärmen und trocknen können, füllt die Kessel, sie werden müde und hungrig sein, wenn sie kommen. Was lamentiert und klagt Ihr? Noch leben sie! Gott allein weiß, wen er wiederkehren läßt!"
Scheu, doch gehorsam, mit einem letzten Blick über die rasende, sich empörende See, über den Himmel, an dem unaufhörlich die Wolken jagen und sich zu sonderbaren Gebilden formen, über die Alte mit den weißen Haarsträhnen um das welke Gesicht, schlich eine nach der andern davon. Sie sprachen kein Wort zusammen und doch bewegten sich ihre Lippen, sie formten sich zu stummem Gebet, das sie an den Heiland richteten, daß er in dieser heiligen Nacht doch möge Gnade walten lassen.
Stunden vergingen. Die Nacht ist finsterer geworden. Der Sturm hat sich gelegt, und die See liegt so still und


