ruhig, ihre Wellen spielen plätschernd ans Ufer, als ob sie nicht vor kurzem noch! Verderbnis geheult. . .
Die Alte Hat ausgehalten am Seestrande. Einer mußte Wache stehen und verkünden, wenn das Boot in Sicht kam. Und nun erscholl ein" langgedehntes, kräftiges a—ho—i durch die stille Nacht.
Das Boot findet nun seinen Weg ohne Hindernis. Glatt läuft es am Strande auf, gefolgt von einem zweiten und dritten. Die Mannschaft des auf Felsen geratenen kleinen Schiffes ist vollzählig gerettet.
Aengstlich umstehen die herbeigeeilten Weiber die Boote, ihre Laternen genügen kaum, um jeden einzelnen der wetterfesten Männer zu erkennen. Nach und nach leert sich der Strand, Kathi hängt strahlend am Arm ihres Jan, die andern eilen in ihre Hütte, um es dem Manne behaglich zu gestalten nach soviel Anstrengung und Mühe.
Nur eine einzige bleibt zurück, sucht mit den Augen die Finsternis zu durchdringen, sucht und sucht — vergebens: Ein einziges Opfer hat die See verlangt —; ihren Sohn, ihr letztes, heißgeliebtes Kind . . .
Taumelnd wendet sie sich heimwärts. . . Kein Schmerzenslaut dring-t aus ihrem gequälten Herzen über die welken Lippen. Doch als sie in ihre Hütte tritt, da schreit sie auf wie ein schwerverwundetes Tier und sinkt vor dem Tische nieder, an dem sie vor Stunden noch mit chm glücklich und zufrieden gesessen. Da liegt auch noch die geöffnete Bibel mit der Verheißung: Auch uns ist heute der Heiland geboren —
Die Matrone hebt das matte Haupt, ihr erloschener Blick irrt über den Tisch, streift das Glas, aus dem er getrunken, das Buch, aus dem er so andächtig vorgelesen, bis die Notschüsse erklangen ....
Während der ganzen Nacht brennt Licht in der Hütte der Alten. Sie selbst sitzt stumpf und gleichgiltig vor der Lampe, sie hört nicht das Läuten des Glöckleins, das zur Kirche ruft, sie lauscht auch; nicht auf die Stimme, die tief in ihrem Herzen wiederholt: Uns ist heute der Heiland geboren....
Was ihr sonst so heilig gedünkt, was ihr geholfen, all das Schwere zu ertragen, ohne Murren hinzugeben, was man von ihr verlangt, das fand jetzt keinen Wiederhall in ihr. Sie, die sonst das Beten nicht vergaß, wußte nun kein einziges Wort zu finden.
„Mutter — Mutter — schließt aus . . . ."
Die Alte hebt den Kopf und lauscht.
„Wer war das?" flüsterte sie scheu und beklommen. „Bin auch ich schon eingegangen ins Himmelreich und rufen mich die Kinder?"
„Mutter — wacht auf — es ist so bitter kalt —" ruft es jetzt deutlich hinter ihr am geschlossenen Fenster.
Nun kommt Leben in ihre erstarrte Gestalt.
Mit einem unterdrückten Aufschrei eilt sie zur Thür — da steht er vor ihr, den sie als tot beklagt, die ganze lange Nacht! Um ihn haderte sie mit ihrem Gott, um ihn verleugnete sie den Heiland, vergaß sie zu beten....
Sie zerrt ihn in die Hütte und betastet ihn, Jein Gesicht, sein Haar.... „Mein Junge — Du lebst — bist nicht — Jst's möglich? Herr Gott dort droben, Dir sei Lob und Dank! Mein Junge, mein alles — ich hätt's nicht überlebt".
Was der Schmerz nicht zuwege gebracht das gelang der unerwarteten Freude: Die Verzweiflung der letzten Stunden löste sich in einem heißen Thränenstrom.
Um sie zu beruhigen und abzulenken, erzählte er ihr, daß es ihm, nachdem ihn eine haushohe Welle aus dem Boot gespült, gelungen sei, eine Planke des gestrandeten Schiffes zu erfassen und von da sich auf das Wrack zu schwingen, wo er ein sicheres Plätzchen zu finden wußte, bis der Tag anbrach und er sich mit seinen Genossen verständigen konnte. Sie holten ihn in einem Boot und gerade als er gerettet ans Land stieg, Huben die Glocken an zu läuten, als wollten sie mit dem Heiland, dem der Gruß galt, ihn zu seiner Rettung beglückwünschen . . . Er stieß die Fensterläden auf und ließ das Tageslicht ungehindert eindringen.
Am Himmel zeigte fick kein Wölkchen, sodaß sich
die Sonne in der klaren See spiegeln konnte. Von weit her trug der leise Wind feierlichen Glockenklang herbei.
Diesmal fand er den Weg zum Herzen der Greisin.
„Laß uns zur Kirche gehen und Gott danken, mein Sohn. So lange ich lebe, gab's kein schöneres Christfest für mich, als dies."
Das deutsche Volk im Jahre 2000.
Von Dr. Egon Friederici.
(Nachdruck verboten.)
Das Volk der Denker faßt allmählich wieder den Glauben an seine Existenz und Zukunft. Durch zwei Jahrhunderte hatte man ihm vorgeredet, daß es feine geschichtliche Mission sei, als Völkerdünger die Menschenaussaat anderer Nationen zum üppigen Gedeihen zu bringen und so hatte sich der Deutsche schon in die Rolle des Dichters hineingesunden der vor Jupiters Thron die Antwort erhält. („Was thun?" sprach Zeus.) „Tie Erde ist vergeben." Zum Glücke unseres Volkes wird jedoch die Zahl derer, die ihm ein Mimosendasein, wie dasjenige Dänemarks, wünschen, von Jahr zu Jahr geringer. Wer seine Jugendeindrücke in der Zeit von Deutschlands schlimmer Ohnmacht gesammelt und sein Leben bei klassischen Studien über alten Folianten und Pergamenten verbracht hat, dem mag das verziehen sein, wenn er ein Stück philologischer Kleinarbeit oder künstlerisches und litterarisches Schaffen, an welchem bestenfalls einige tausend bemittelter Leute in den Ruhepausen ihrer Arbeit, dank ihrer höheren Bildung einen ästhetischen Genuß finden, für wichtiger hält, als die Thätigkeit derer, welche der Nation, die sich reckt und streckt wie ein junger Riese, die Bahnen ebenen zu künftigem Wachstum und Blühen. Aber über dem kläglichen Philister Wagner, dem es ein groß „Ergötzen" ist:
„Zu schauen, was vor uns ein weiser Mann gedacht
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht", steht turmhoch darüber der Faust im höchsten Alter, der das erhabenste Ziel seines Lebens mit den Worten schildert:
„Das Letzte wär' das Höchsterrungene Eröffne' ich! Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch thätig frei zu wohnen."
Was der Altmeister Goethe, dem kleine Seelen mit Unrecht einen Mangel an Nationalgefühl vorwerfen, vor- ahnend vor mehr als einem Jahrhundert als die höchste Aufgabe staatsmännischer Weisheit pries, ist heute in das Bewußtsein weiter Kreise des deutschen Volkes gedrungen, und die Millionen, welche Platz für ihre freie Entwicklung suchen, sind auch da; denn der-Geburtenüberschuß in Deutschland war noch nie so groß wie jetzt, wo die Einwohnerzahl des Reiches jedes Jahr um 800 000 Köpfe zunimmt.
In dem Jahre, in dem wir an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts stehen, wo in zahllosen Betrachtungen das Soll und Haben des verflossenen Säkulums einer Prüfung unterzogen wird, ziemt es sich! wohl, auch einmal hundert Jahre in die Zukunft hinauszudenken und der Bedeutung nachzuspüren, die an der Wende des Jahrtausends der Zweig unseres Volkes am ewig grünenden Baume der Menschheit haben wird. Der Prophet, der den Gang der Weltgeschichte Voraussagen will, wird in vielen Stücken irren, ja er kann sogar in der Hauptsache von der Zukunft Lügen gestraft werden, deren rollendes Rad Vielleicht einen ganz anderen Kurs nimmt, als es heute den Anschein hat. Darum ist es naturgemäß nur eine Wahr- scheinlichkeitsrechnung, die in Nachstehendem aufgestellt wird, und diese soll auch nicht im Geiste eines einseitigen Chauvinismus geführt toerben, der alles Land zwischen Nord- und Südpol für das deutsche Blut beanspruchen möchte, sondern sie wird von der Voraussetzung einer- ebenmäßigen Fortentwickelung der Verhältnisse ausgehen, bei der außergewöhnliche Glücksfälle ebenso außer Betracht bleiben wie nicht vorauszusehende Katastrophen.
Die Bevölkerung des Deutschen Reiches, die sich; am 1. Dezember 1895 bereits auf 52 279 901 Menschen belief, wird gegen Ende dieses Jahres, mit der jüngsten Volkszählung, die 56. Million überschritten haben. Diese


