Ausgabe 
29.11.1900
 
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nismus mit natürlichen Mitteln. Professor Winternitz (Wien) hat für die Infektionskrankheiten klinisch und statistisch bewiesen, daß durch die Hydrotherapie nicht nur die Symptome des Fiebers, die Temperarursteiger­ung, die Pulsfrequenz, die Jnnervationsstöruugen, die Veränderungen des Stoffwechsels Hilfe finden, sondern auch die Vernichtung und Ausscheidung der Mikroorganis­men und ihrer toxischen Produkte, die Steigerung der Laktericiden (bakterienvernichtenden) Eigenschaft des Blutes, kurz die Stärkung der gesamten bekannten und bisher noch unbekannten Wehr- und Hilfskräfte des Or­ganismus. Und in dieser Behandlung des ganzen Körpers, in ber kausalen Therapie sind die starken Wurzeln der erfolgreichen Kuren der physikalisch-diätetischen Methode.

In der AbhandlungUeber die Ziele der modernen Klinik" (Berl. Klinische Wochenschrift" 1899, 48) schreibt Geheimrat v. Leyden:Wir behandlen nicht sowohl Krank­heiten, als kranke Menschen, kranke Individuen. Diesen Standpunkt hat die moderne Klinik wieder mehr, als es eine Zeit lang der Fall war, in den Vordergrund ge­rückt". Diese Anschauung hat die physiatrische Therapie von jeher vertreten; sie war sich darüber klar, daß sie nur an Krankheiten leidende Menschen, Individuen, zu behandeln hat, deren Psyche stark beteiligt ist, wenn der Körper leidet. Die Bedeutung der Krankheitsanlagen für die Behandlung und Heilung hat sie zuerst erkannt und gewürdigt. Und ihr Verfahren war stets ein individuelles, der Konstitution, dem Befinden, der Lebensweise, dem Charakter des Kranken angemessenes dank ihren so über­aus mannigfachen, so überaus dosierbaren Hilfsmitteln.

Durch die großen Fortschritte der Diagnostik, in Auskultation und Perkussion, Uroskopie, Elektrizitäts­lehre, Bakteriologie ist das Erkennen der Krankheits­vorgänge sicherer geworden. Aberwir belügen uns selbst", sagt Professor Hüppe (Prag),wenn wir die Würde der Medizin in der Aetiologie (Krankheitsursache) und Diagnostik zu finden vorgeben. Das alles ist nur Mittel zum Zweck und nicht die Würde, nicht das Ziel der Medizin und Heilkunde". Und Geheimrat Schweninger äußerte in seiner bajuvarischen Derbheit an einem Ver­sammlungsabend desDeutschen Frauenvereins für die Ostmark" am 13. Mai 1896:er habe vor der Diagnostik keinen großen Respekt, weil sie in 60 von 100 Fällen irre, und es vorkommen kann, daß auf Nikotinvergiftung dia­gnostiziert tvird bei'einem Kranken, der nur Kartoffelkraut geraucht hat". Und dem Kranken kommt es doch nicht in erster Linie auf die Diagnose an nein, gesund will er werden.

Am, Ende des achtzehnten Jahrhunderts erschpll von Frankreich aus der Ruf: Kehrt zurück zur Natur! Er führte zur Revolution. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts spricht die Natur wieder laut und ein­dringlich durch tausend beredte Zeugen zu der Menschen Herzen. Diese Rückkehr zur Natur wird wohl eine Refor­mation anbahnen. , ' ,;

Die Medizin und Heilkunde steht schon im Zeichen der Reform. Von berufener Seite wird es alsein großes Unglück für die Schulmedizin" angesehen,daß die wich- tigsten Heilfaktoren (nämlich die physikalisch-diätetischen) im Schulunterricht noch nicht die gebührende Beachtung gefunden haben", und die Forderung einer zeitgemäßen Umgestaltung des ärztlichen Unterrichtes aufgestellt.

Und es will sich wenden. Vor mehr als einem Jahr­zehnte schon hatte Hofrat Winternitz in der alten Kaiser­stadt an der Donau einen Lehrstuhl für die Hydrotherapie errichtet und mustergiltige Einrichtungen geschaffen. Seit vier Jahren besitzt Heidelberg eine der Universitäts-Poli­klinik angeschlossene Anstalt für ambulante hydrothera­peutische Behandlung. München errichtete im Oktober 1899 im Krankenhause links der Isar einemechanisch- hhdriatische Abteilung" und erbaute in Harlaching ein Sanatorium, das mit den großen Krankenhäusern in inniger Verbindung steht. Und Berlin schuf an der Jahr­hundertwende " eine neue Lehrkanzel fürallgemeine Therapie", die vor allem die physikalisch-diätetischen Heil­faktoren berücksichtigen soll.Gelingt es, diesen Mangel im Unterrichte der Aerzte zu beseitigen", erklärt Dr.

Hüppe, Vorstand des hygienischen Instituts der Universität Prag,so hört der Gegensatz zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde mit einem Schlage auf".

Litterarisches.

PreisaussKreiben. DasHygienisch« Ouarkal", Vierteljahrsschrift für naturgemäße Lebens- und , Heilweise hat 300- Mark für die 4 besten und wirklich gnten Arbeiten aus dem Gebiete- der naturgemäßen Lebens-, Heil- und Erziehungsweife ausgesetzt. Das Thema können sich die Preisbewerber selbst wählen. Die Arbeiten müssen mit Angabe eines Mottos bis zum 1. Januar 1901 an den Verlag Okto Borggold in Leipzig, Poststraße eingesandt werden.

Dis Lunge, ihre Pflege und Behandlung im gefunden und kranken Zustande. Von Dr. Paul Niemeyer. Mit 41 Textabbildungen, Reimte, umgcarbeitete Auflage von Sanitätsrat Dr. Gerster. In Originalleinenband 3 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig.

Nahezu die Hälfte aller Todesfälle, von denen bei uns junge Leute im Alter von 15 bis 25 Jahren hinweggerafft werden, sind aus Lungenschwindsucht zurückzuführen. Das kommt daher, daß die Pflege und Ausbildung des Atemorgans zu den Dingen gehört, die bei uns in geradezu sträflicher Weife vernachlässigt werden. Hierin Wandel zu schaffen, ist das Ziel, das sich das vorliegende Buch gesetzt hat. Mik Recht hat es der vorbeugenden Gesundheitspflege den Löwenanteil zu­gewiesen. Bei Erörterung der krankhaften Zustände der Lunge setzt es den Leser in den Stand, den vorbeugenden Ratschlägen des Arztes mit vollem Verständnis und rein heilkundtichen Verordnungen mit Vertrauen zn folgen. Welchen Anklang Niemeyers trefflicher Ratgeber gefunden hat, erhellt schon daraus, daß er heule in neunter Ansla ge erscheint, die Sanitätsrat Dr. Gerster auf Grund der neuesten Erfahrungen der medizinischen Wissenschaft bearbeitet hat, ohne doch die frische, anregende und vor allem gemeinverständliche Schreibart Niemeyers auszugeben.

(Bitte drohende Gefahr. Kaum haben die denkenden Frauen erleichtert aufgeatmet, weil das gesundheitszerstörende Mieder endlich vernünftige Formen angenommen hat, und schon kommt aus Paris die Schreckensnachricht von der neuesten Modethorheit, demCorset mystere, das nach einer Schilderung im neuesten Heft derWiener Mode" ein ganz verzwicktes Marterwerkzeug zu sein scheint. Ein geringer Trost liegt in der Mitteilung in demselben Hefte, daß ebenfalls von Paris ans das ganz kurze Kleid verbreitet wird, so daß uns wenigstens die staubaufwirbelnden Schleppen für einige Zeit erspart bleiben dürften^ und diejenigen Damen, die jede Modethorheit mitmachen wollen, nur sich selbst, nicht aber auch ihre Mitmenschen krank machen werden. Preis vierteljährlich 2 Mk. 50 Pf. Zu beziehen durch alle Buchhand­lungen und Postanstalten oder direkt vom Verlag derSBiener Mode" Wien, IV. Wienstraße 19. Probebczug für den Monat Dezember direkt durch den Verlag zum Preise von 90 Psg. portofrei.

Skataufgabe.

Nachdruck verboten.

(»dock die vier Farben; A 2(8; K König; D Dame, Ober;

B Bube, Wenzel, Unter; V M 8 die drei Spieler.) Nachstehendes a-Handspiel wurde in Mittelhand verloren.

a, b, c, dB, alO, K; dA, 9, 8, 7.

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Das d-HandsPiel wäre ja unverlierbar gewesen, aber der Spieler zog das a-Spiel vor, weil es teurer war und weil er hoffte, Schneider zu machen. Die Gegentrümpfe sitzen verteilt, auch liegen 2 Trümpfe im Skat. Der Spieler bekommt im 2. Stich ein zn stechen. Wie war Kartenverteilung und Gang des Spieles?

Auflösung folgt in nächster Nummer.

Auflösung des Abstrich, ätsels in vor. Nr.: Hoffen und Harren macht viele zu Narren.

Briefkasten.

H. B .... ck, G. Es giebt ein immerhin anerkennendes lateinisches Sprichwort, das lautet: Ut desint vires, tarnen est laudanda voluntas, (zu deutsch: Fehlen die Kräfte, der Will' ist zu loben), das indes auf an kümmerlicher Dichteritis leidende, aussichtslos liebende Seelen keine Anwendung findet.

Es wagt sich ungestraft kein Zwerg

An den ergrauten Staufenberg;

Vergiß verschmähter Liebe Kummer,

Vergönn den Versen ew'gen Schlummer! D. R.

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.