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gezettelt, weil Sie mich damit los zu werden hofften. Begehen Sie nun wenigstens nicht noch obendrein die Feigheit, es zu leugnen".
(Fortsetzung folgt.)
Die Naturheilmethode.
Studie von Dr. H. Balder.
Nachdruck verboten.
Vor wenigen Monaten feierte man im Lager der Naturheilmethode oder — wissenschaftlich gesprochen — der ph ysikalisch-diätetischen Therapie den hundertsten Geburtstag ihres Begründers, des genialen „Wasserdoktors" auf dem Gräfenberg in Oesterreich-Schlesien, Vincenz Prießnitz.
Ben Akibas Wort: „Alles fchon dagewesen" gilt auch Don der physiatrischen Heilmethode.
In einfachen Naturbeobachtungen an Menschen und Tieren liegt der Ausgang aller ärztlichen Kunst im Heilen von Krankheiten. Priester, Hirten, „weise" Frauen leisteten den Kranken und Verwundeten nach bestem Wissen und Können, das sie aus dem innigen Naturleben ausgenommen Hatten, Hilfe.
In den Tempeln der Isis und Serapis mit ihren Hainen und Lustgärten, geschmückt mit Bildern und Sta- tuen, mit ihren Badevorrichtungen und Ruhebetten bedienten die Priester die Leidenden. Von Aegypten aus kam der Heilkultus zu den Griechen und Römern. Griechenland ist die Heimat des „Wasserphilosophen" Thales, der alles Werden und Vergehen, alle Wandlungen im Tier- und Pflanzenleben aus dem Wasser, als dem Urstoff, hervorgehen ließ. Ein Sohn des Lichtgottes Apollo, Asklepios (Aeskulap bei den Römern), war der Gott der Heilkunst. Jahrhunderte lang waren die Tempel Heilstätten für die Kranken. Später wurde die Medizin in den Philosophenschulen und Gymnasien weiter ausgebildet. In den Gymnasien besaßen die Griechen eine vorbeugende Sonnentherapie für das ganze Volk, die uns noch ganz fremd ist. Und Aristoteles schon meinte, daß das, was am meisten für den Menschen in Betracht komme, wie Luft und Wasser doch auch von größter Bedeutung für die Heilung sein müsse. Plato sagt von den Aerzten, daß sie das Blut aus den Wunden aussogen, mildernde Kräuter auflegten, aber sich sonst nicht um diese kümmerten: „denn daß ein von Natur Kränklicher oder Zügelloser am Leben bleibe, das hielten sie weder für ihn noch für andere für ersprießlich, Noch müsse ihre Kunst dahin wirken und solche behandeln, sollten sie auch reicher als Midas sein." Und int Griechenheer vor Troja war Machaon Held und hilfreicher Chirurg in einer Person.
In der germanischen Gudrunsage heilt der alte Sturmriese Wate nach der grausigen Schlacht auf dem Wülpen- sande sich und die anderen Helden mit Wurz, Kräutern und Salben so erfolgreich, daß der Dichter singt:
„Von also großen Künsten hört' ich früher nicht noch später sagen."
Und in den Mbelungen heißt es:
„Den erfahrenen Aerzten gab man reichen Sold, Silber ungewogen, dazu das lichte Gold."
Der Erfolg entscheidet. Wer Erfolg hat, hat recht. Und die physikalisch-diätetische Therapie hat den Ersolg für sich. Die physiatrischen Methoden lassen ftch wohl auf die ersten Anfänge der Zivilisation zurückverfolgen; sicherlich hat es zu allen Zeiten Aerzte gegeben, die physt- kalisch-diätetisch gedacht und gehandelt haben; aber als besondere therapeutische Richtung tritt die physikalisch^dtä- tetische Therapie erst seit Prießnitz zielbewußt in die Erscheinung. Der Bauer wußte nichts von seinen Vorgängern, seine Lehrmeisterin war die Natur, und mit der Ursprünglichkeit eines Genies schuf er aus ftch selbst Heraus ein Heilsystem, das an Erfolgen seinesgleichen sucht. Mit elementarer Gewalt trat die physiatrische Therapre auf, ihre großartigen Heilungen und ihrer Apostel mächtiges Wort zwangen weite Schichten des Volkes in ehren Bann und weckten und förderten das Verlangen nach
hygieinischer Aufklärung.
„Bei uns waren die Vertreter
der Naturheilkunde"
— bekennt offen Professor Hüppe (Prag) — „eene Zett lang fast die alleinigen zielbewußten Förderer der persönlichen Gesundheitspflege. Indem sie durch vorbeugende Anwendung der hygieinischen Mittel bereits in den Tagen der Gesundheit aus die noch nicht erkrankten Familienmitglieder einzuwirken suchten, haben sie die hygieinischen Bestrebungen, in denen der bessere Teil der Heilungen liegt, oft tüchtig gefördert. Gerade in der Gesundheitslehre und Gesundheitspflege liegt aber ein großer Teil der Volkstümlichkeit der Medizin." Und Gesundheitslehrer, hygieinischer Berater seiner Schutzbefohlenen zu sein, das ist des Arztes schönste und höchste Aufgabe. So ist es denn ein Schritt vorwärts, daß die Hygieine grundsätzliche Berücksichtigung im Unterrichte gefunden hat.
Von hervorragenden Klinikern wird jetzt immer mehr betont: die Würde der Medizin liegt int Verhüten und Heilen. Dieser große Fortschritt, das Verhüten und Heilen als Hauptsache darzustellen, bedeutet eine Anerkennung der physiatrischen Anschauung. Die physikalisch-diätetische Therapie hat es nie mit dem exspektativen Verfahren, dem Abwarten, gehalten, sondern ist immer bei den ersten, anscheinend unwichtigen und unbestimmten Symptomen eingeschritten. Denn mit dem Abwarten geht eine kostbare, oft die kostbarste Zeit verloren. Und sie besitzt ttt ihrem Heilschatze vorbeugende, verhütende Maßnahmen von unersetzlichem Wert. , „
„Es ist namentlich das Wasser", schreibt Professor Kußmaul (Halle), „das sich als Heilmittel ein stetig wachsendes Vertrauen errang und wie kein anderes in mannigfach wechselnden Temperaturen und Formen der Anwendung den verschiedensten Kurzwecken dienstbar gemacht werden kann. Es regelt den Kreislauf und die Verteilung des Blutes, die Wärmebildung und den Stosfwechfel und beeinflußt die Atmung und die Nerven, also das ganze organische Getriebe." Nicht minder wirken Licht (Sonne und elektrisches Licht) und Luft und die Mechanotherapie (Gymnastik und Massage) auf den ganzen Organismus. Diese uralten, natürlichen Heilsaktoren hat man im Gegensätze zu den chemischen Mitteln der klinischen Therapie als physikalische bezeichnet. Damit verbindet die Physiatrie eine besondere Diät, die sich von der üblichen Krankenkost im wesentlichen dadurch unterscheidet, daß sie den kranken Körper nicht stärker ernährt, als zu seiner Erhaltung nötig ist, und ihm nicht mehr Nährstoffe zuführt, als er bewältigen kann, daß sie im hohen Grade milde ist, elektrische Spannkräfte gebende Pflanzen- und Obstsäuren, mit Liebigs altbewährtem Fleisch-Extrakt richtig zubereiteteG Blatt- und Wurzelgemüse bevorzugt und alle künstlichen Reizmittel aus der Speisekarte ausschaltet.
Das deutsche Wort „Naturheilverfahren" will sagen, „daß diese Methode in der Krankenbehandlung heilen will, wie die Natur heilt, durch natürliche Kräfte, die in Verbindung stehen mit der eigenen Kraft des Körpers, die geeignet sind, die Naturheilkraft, das Heilbestreben und Heilvermögen des Körpers zu fördern" (Dr. med. Weyl).
„Natura sanat, medicus curat" (Die Natur heilt, der Arzt sorgt für): das ist der Wahlspruch der physiatrischen Therapie. Sie betrachtet als ihre Aufgabe, die Natur zu ergründen und die Wege, die diese bdim Heilen einschlägt, und die passenden Mittel zu wählen, um die Heilkraft des Organismus zu unterstützen. Sie räumt zunächst alle Hindernisse hinweg, sorgt für frische Luft und Reinltch- keit, für eine milde, von allen Reizmitteln freie Diät. Den Abfluß der im fiebernden Körper sich stauenden Wärme, den die Natur anstrebt, befördert sie durch feuchte, kühle Umschläge und Wickel. Gilt es, Krankheitsstofse aufzulösen und auszuscheiden, so bleiben die Wickel länger liegen; man will mit der Kühle die Wärme verbinden. Kühle Teile suchen wir zu erwärmen, um die mangelhafte, gestörte Zirkulation, die gleichmäßige Wärme wteder herzustellen.
Und wie die Natur die Thätigkett des ganzen Organismus heranzieht, um ein Leiden, auch ein scheinbar örtlich sich entwickelndes Leiden, zu heilem, so stellt auch die physikalisch-diätetische Therapie im Prinzip die Ml- gemeinbehandlung über die Lokalbehandlung, faßt jede Krankheit als ein Ergriffensein des ganzen Körpers auf und beeinflußt und unterstützt zu ihrer Abwehr und Heilung die natürlichen Schutzeinrichtungen des Orga-


