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^^Much an Dornen fehlt'S wohl nicht, Denk' ich, wenn ich Rosen sehe;
irr' Rosen sind wohl in der Nähe
Denk' ich, wenn ein Dorn mich sticht.
Robert Hamerling.
(Nachdruck verboten.)
Brennende Liebe.
Eine lustige Geschichte von AlwinRömer.
I.
Die schrägen Strahlen der rotglühenden Abendsonne sielen durchs die Buchenwipfel und ließen die buntfarbige Herrlichkeit des herbstlichen Waldes ttodE). einmal hell auf- leuchten, ehe sie den Schatten der Nacht sür ihr glanztötendes graues Gewerbe Raum gaben. Es war feierlich still im hohen Bergwald; kaum ein Grillenlaut ließ, sich vernehmen; auch die Vögel schwiegen, .spie in Andacht vor dem majestätischen Schauspiel des nahenden Sonnenuntergangs versunken. Kein Beilschlag mehr von der nahen Lichtung, wo die Holzhauer -tagsüber schafften; kein Jodeln der romantisch angelegten Stadtdamen, die unten im kleinen Badeort Wodenquell als Patienten oder Sommerfrischler Aufenthalt genommen hatten; kein Hundegebell von den Rüden des pürschenden Försters! Nur ein leiser Abendwind rauschte durch die Kronen der hochstämmigen Buchen wie geheimnisvoll verhallender Orgelklang.-
Sigrid Lorenzen war ganz gefangen genominen von dem Zauber dieses köstlichen Wendfriedens. Wie, von einer überirdischen Sehnsucht ergriffen, saß sie auf der roh gezimmerten Waldbank, die Hände gefaltet und den Blick auf die langsam finkende, feurige Sonne gerichtet. Ein Gefühl seliger Ruhe senkte sich auf sie. So rein und unbeirrt hatte sie die Wunder der Waldeinsamkeit lange nicht genossen. , .
Ein Sonett Krummachers kam ihr rn den Sinn:
„Bist Du einmal in stiller Abendzeit,
Wenn schon ihr letztes Lied die Vögel sangen, In Dich, gekehrt durch einen Wald gegangen, Der einz'ge Mensch im Dickicht weit und breit? — Da kam's Dich an tote Lust und halb wie Leid". — Aber nun ließ sie ihr Gedächtnis im Stich, und während sie noch grübelte, die Fortsetzung zu finden, hörte sie plötzlich an dem Knacken dürren Reisigs, daß ein Mensch in ihre Nähe kam, und noch dazu einer, der von! der Poesie dieses herrlichen Sonnunterganges mcht die geringste Ahnung zu haben schien. Denn noch ehe
sie des Störenfrieds ansichtig geworden war, hörte sie auf einmal seine Stimme zu einer forschen Liedzeile einsetzen. Gerade, wie sie die folgenden Verse ihres Sonetts gefunden hatte: •
„Es war ein tiefes, heimtoehvolles Bangen,
Es war ein stilles seliges Verlangen,
Daß Dich beschlich in dieser Einsamkeit". — gerade in diesem Augenblick schallte es durch die Stämme halb lustig, halb voll Grimm Zu ihr herüber:
„Hängt Euch auf, alle mit einander, — alle mit einander, — alle mit einander! Hängt Euch, auf —"
„Entsetzlich)" murmelte sie. „So ein Klotz!" Und arg verstimmt erhob sie sich, und trat hinter eine der Fichtengruppen, die den Buchenwald Nach. dem Berg-Abhange zu abgrenzten, um jede Begegnung mit einem solchen Barbaren zu vermeiden.
Indessen war der kühne Sänger, der seinen menschenfreundlichen Imperativ immer behaglicher wechselte, in die Nähe der Aussichtsbank gekommen. Sein Blick glitt in die Landschaft hinaus, die ihm bisher der Wald verdeckt hatte, und auch auf ihn schien das wunderbare Bild seine Wirkung nicht zu verfehlen. Seine liebenswürdige Aufforderung an irgend eine Freundesgruppe, „durch, Seilers Fenster zu gucken", blieb ihm plötzlich, in der Kehle stecken, seine gebräunte Stirn, die bis dahin arge Falten gezogen, glättete sich, und seine Augen wurden mild und freundlich.
„Hm —", brummte er vor sich hin, „ist doch schön, unseres Herrgotts Erde; das mNß man ihm lassen! — Trotz alles Gesindels, das darauf herumwimmelt!"
Nach einer Weile fiel sein Blick auf die Bank, auf der zu seiner Verwunderung ein weißes Bündel lag. Hatte das jemand vergessen? Er trat herzu und schaute in das nur lose geknüpfte, feine Taschentuch hinein. Ein Ruf ärgerlichen Erstaunens kam dabei über seine Lippen. Es waren Pilze in dem Bündel, Pilz« von allen Sorten. Eßbare und giftige bunt durcheinander.
„Wer hat sich, denn diesen Blödsinn geleistet?" sagte er, entrüstet über so viel Unverstand den Kopf schüttelnd. Ein wahres Glück, daß das Bündel liegen geblieben ist! Das wäre eine nette Mahlzeit geworden !"
Darauf schob er die Spitze seines Bergstocks unter die geknoteten Zipfel und ließ die Pilze mit einem Ruck aus dem Tuch zur Erde fliegen, wo er sie sogleich mit seinem Stocke zerstieß und Mit den Absätzen seiner derben Stiefel zertrat.
„So!" meinte er dann, offenbar sehr befriedigt, „art dem Brei wird sich, wohl keiner mehr den Magen verderben!"
Wer diese Eigenmächtigkeit war der Sammlerin der zerstörten Schwämme denn doch etwas zu bunt. Ent-


