Ausgabe 
29.7.1900
 
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aber nur gütig und geduldig gesehen. Gewiß war seine Arbeit heute sehr schlecht, und er würde das heiß ersehnte Ziel nie erreichen, ein guter Musiker zu sein.

Seufzend lehnte er sich an den Treppenpfosten, heiße Thränen rannen aus seinen Augen. Da trat Elisabeth aus den Flur. Ihre Gestalt war groß und schlank geworden, ihr holdes Antlitz war ernst; voll Mitleid trat sie zu dem Betrübten.

Was habt Ihr/ Altnikol? Ist Euch ein Kummer wider­fahren ?"

Euer Vater hat meine Komposition verworfen, Jungfer Bach, und doch war sie mit so viel Liebe verfaßt! Nie werde ich etwas Tüchtiges leisten!"

Hat der Vater.Euch fortgeschickt?"

Gottlob, nein."

So verzagt nicht, gewiß war sein Tadel gerecht, aber da er Euch als seinen Schüler behält, glaubt er an Euer Talent."

Ach, Jungfer Bach, Ihr gebt mW dem Leben wieder. Habt Dank! 9iun will ich den Zweifel abthun und un­ermüdet weiter streben."

Thut das", erwiderte sie freundlich.Ohne Ringen kein Sieg, ohne Leid keine Freude!"

Elisabeth!" ertönte eine schwache Stimme.

Die Mutter ruft. Geht, lieber Altnikol!"

Sie reichte ihm die Hand und schlüpfte in das Schlaf­zimmer, wo Frau Anna Magdalena, die ihrem Gatten vor kurzem ein Töchterchen geschenkt, ruhte. Mit geschickter Hand bettete Elisabeth die Leidende besser, versorgte das kleine Mägdlein und beschwichtigte das laute Gespräch der Brüder in der Kammer.

Und wieder tönte es:Elisabeth!" Es war Bachs Stimme. Das Mädchen flog die Treppe hinaus. Die Schüler waren gegangen, Bach saß über ein Notenheft gebeugt. Hier, Kind, dieses Gloria muß in wenigen Tagen kopiert sein. Willst Du die Arbeit statt der Mutter übernehmen?"

Gerne, Vater, wenn ich darf."

Er gab ihr die nötigen Anweisungen und rüstete sich dann zum Spaziergange. Elisabeth aber versenkte sich ganz in die Komposition. Ein friedlicher Ausdruck lag aus ihren Zügen. Der Sturm, der einst ihre Seele durch­braust, war längst gestillt, die schnelle Liebe zu Rovelli ertötet. Aber die tiefe Scham, daß sie einem Unwürdigen ihr Herz geschenkt, und das Leid, wären nicht so bald gewichen, wenn ihr Vater ihr nicht geholfen, ihr herrlicher Vater, der nicht nur ein hervorragender Musiker, sondern auch ein so guter und großer Mensch war. Er gab ihr als Trost die Arbeit, und was anfangs nur Mittel, ward ihr allmählich Lebenszweck. Ihre Thätigkeit befriedigte und beglückte sie.

Altnikol fiel ihr ein. Bisher hatte sie wenig auf ihn geachtet. Er war still gekommen und gegangen; heute hatte sein feines, intelligentes Gesicht mit den sanften Augen, der sittliche Ernst, der aus seinen Worten sprach, ihr gefallen. O, der würde schon ans Ziel kommen, und ihr Vater sollte ihm dazu helfen.

Der Weihnachtsabend des Jahres 1734 nahte sich seinem Ende. Hell brannten die Kerzen in der Thomas- kirche. Das Musikchor, die Sänger, versammelten sich; in dem ersteren wirkten, wie immer, bei Festaufführungen Bachs Privatschüler mit, als erster Geiger dieses Mal Alt­nikol. Er sah frisch und zufrieden aus, feine Leistungen hatten immer mehr des Meisters Wohlgefallen erregt, er war jetzt sein Liebling. Da erschien Bach, und nun be­gann die Sinfonia zu seinem eben komponierten Weih­nachtsoratorium. Er mußte in glülckicher Stimmung ge­wesen fein, als er sie schrieb, denn eine holdere Sprache hatte er noch nie geredet. Als das Ende verklang und das Publikum in weihevoller Stimmung die Kirche verließ, war des großen Tondichters Antlitz von Freude verklärt; er wußte, er hatte etwas Unsterbliches geschaffen.

Noch die goldenen Melodien in den Ohren, schritt Altnikol feiner Behausung zu. Lichterglanz strahlte ihm aus seinem Kämmerlein entgegen; ein winziges Tannen­

bäumchen stand auf dem Tisch und darunter lagen einige praktische Sachen. Seine Augen feuchteten sich er wußte, wer feiner, des Verwaisten, gedacht, Elisabeth, sein Schutzengel, sein guter Geist, Elisabeth, die er liebte! Es drängte ihn, ihr zu danken; schnell trugen ihn seine Füße über den knirschenden Schnee zur Thomasschüle.

Er traf Elisabeth an derselben Stelle an, an der sie ihn damals getröstet. Da ergrifss seine Seele mit Stnrmes- gewalt, und er bekannte ihr seine Liebe. Und sie? Längst war auch in ihr Herz jenes Gefühl eingezogen, dessen Ab­glanz sie einst unglücklich gemacht, doch jetzt war es eine starke, wärmende Flamme.

Innig schmiegte sie sich in seinen Arm, und so traten sie vor den alten Bach. Er umschloß ihre vereinten Hände mit den seinen, tief senkte sich sein Blick in seines Kindes klares Auge und er sagte warm:

So ist kein Ding vergessen. Ihm kommt ein Blütentag!"

Wenige Jahre danach ward Elisabeth Altnikols ge­liebtes Weib. Mit dem Vater blieben sie in steter Verbin­dung, und als der greife Meister zum Sterben kam, standen Elisabeth und Altnikol an seinem Lager, und er diktierte dem letzteren den Choral:Wenn wir in höchsten Nöten sein!"

Nach einem reichen, langen Leben ereilte ihn der Tod am 28. Juli 1750. Gesegnet sei sein Andenken!

Ctttcrarifcbes.

Heinrich Seidels Erzählende Schriften, Bd. 4. Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger, G. m. b. H., Stuttgart.

Nun wollen wir aber mit dem Seidel aufhören", sagte meine Schwester, der ich obgedachte Bandausgabe zu verehren versprochen hatte, nach Erhalt des 3. Bandes. Dieser Band fällt doch gar zu sehr ab gegen die beiden ersten!"Ja, Leberecht Hühnchen, das ist eine Perle von bleibendem Wert, auch der erste Band der Vorstadt- geschichten ist nicht ohne Reize, aber der zweite läßt mich mit wenigen Ausnahmen kalt".Ja, beste Schwester, wenn das nur so ginge", erwiderte ich,dieser Seidel wird aber nicht Muckweise verzapft, man muß halt sämt­liche Bände, sieben an der Zahl, abnehmen. Zudem hat der Dichter, wie andere Sterbliche, zuweilen auch schwache Stunden; nicht alles gelingt ihm gleich vollendet. Warte nur den vierten Band ab, der wird Dich sicher versöhnen".

Und in der That, nun er vor ober vielmehr hinter mir liegt mit seinem reichen Inhalt:

Odysseus, die goldene Zeit, Drei Rosen an einem Zweig, Eva, Hans Beinharts Abenteuer, Jorinde,

davon die erste und vorletzte Erzählung vor etwa zwölf Jahren zuerst im Daheim erschienen, finde ich mein Urteil gerechtfertigt. Das find wieder durchweg echte Kinder Seidel'fcher Muse, tief empfundene Schilderungen, fesselnd durch ureigene Anmut, lebenswahr und lebenswarm; mit einem Worte Heimatgeschichten.

Anagramm.

Nachdruck verboten.

Ein nützlich' Tier ist es, Vier Zeichen hat sein Name.

Stellst du sie richtig um, So wird es eine Dame. m.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer:

Saul Anna Unze Laer

RMtiro: L. vnrkhnrdt. Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitit»-Buch- und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in Bietzen.