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per Orgelempore herabtönte. Vor den Sängern stand der Komponist des Werkes, Johann Sebastian Bach. Seine kräftige Gestalt war hochaufgerichtet, sein geistvolles Antlitz unter der großen Allongeperrücke spiegelte alle Regungen seiner Seele wieder. Jeden Sonntag pflegte er ein Kantate aufzuführen; in den vier Jahren, die er hier verlebt, hatte er den Leipzigern manche köstliche Blüte seines Genius geschenkt. Aus die Kantate folgte der Gottesdienst; als sich die Menge nachj demselben zerstreute, setzte sich der Meister vor die Orgel. Klänge voll Majestät und Innigkeit hallten durch den hohen Raum. Im Schift der Kirche stand ein Jüngling und schaute mit leuchtenden Augen hinaus zur Empore. Als der letzte Ton leise verklang, strich er sich- erregt durch seine dunklen Locken und schritt dann rasch die Treppe empor zu dem einsamen Manne, der im stillen Gebet das Haupt gesenkt.
Erstaunt sah Bach auf, als der Jüngling lebhaft, mit fremdartigem Aceent ausrief: „Maestro Bach, ich muß Euch danken sür Eure Kantate, Euer Spiel! Der Ruf von Eurer Künstlerschaft drang zu mir nach Palermo, wo ufy — Riccardo Rovelli — Kapellmeister am Teatro Bellini bin. Den Wundermann mußt Du hören!" sagte ich mir und kam her. Meine Erwartungen sind noch übertroffen, Meister, ich verehre Euch!"
Er drückte seine Lippen auf des Komponisten Hand; wohl waren Bach überschwengliche Huldigungen unsympathisch, aber die Kunstbegeisterung des Fremden berührte ihn warm. Da derselbe mit den italienischen Musikverhältnissen vertraut schien, wandelte den Meister die Lust an,, mehr davon zu hören.
„Wenn Ihr mit unserem einfachen Mittagsmahl vorlieb nehmen wollt", sagte er, „so begleitet mich. Ein Teller Suppe ist sicher für Euch übrig."
Enthusiastisch stimmte Riccardo zu und schritt neben Bach zur Kantorwohnung, die sich in der nahen Thomas- schule befand. Schon war die zahlreiche Familie des Komponisten im Speisezimmer versammelt. Anmutig begrüßte Anna Magdalena, Bachs.zweite Frau, den Fremden und wies ihm einen Platz zwischen ihrem Manne und dem ältesten Sohne, dem genialen Friedemann, an.
Reben der Mutter saß die 16 jährige Elisabeth Friederike. Die Sonne siel durch das Fenster auf ihr blondes Haar, daß es wie gesponnenes Gold erglänzte. Des Italieners Blicke wurden magnetisch davon angezogen. In seiner Heimat gab es nur dunkelhaarige Frauen und Mädchen, und sie pflegten mit ihren Feueraugen den Mannern kühn ins Gesicht zu sehen. Dieses noch halb kindliche Mädchen hielt die Augen gesenkt und beteiligte sich nicht an dem Gespräch
Rach Tisch wurde musiziert; Friedemann spielte ein leidenschaftlichmelancholisches Stück auf seiner Geige, dann sang die junge Frau mit ihrer klaren Sopranstimme eine Arie ihres Gatten, und zum Schluß sagte der Meister: „Run, Elisabeth, laß uns auch etwas hören!"
Die Angeredete errötete tief; es war ihr peinvoll vor dem Fremden zu singen, aber gegen des Vaters Wunsch gab es keinen Widerspruch Gehorsam begab sie sich an das Cembalo und gleich darauf schwebte ihre weiche Altstimme durch das Zimmer.
„Kein Hälmlein wächst aus Erden, Der Himmel hats betaut, Und kann kein Blümlein werden, Die Sonne hats erschaut.
Wenn Du auch tief beklommen In Waldesnacht allein, Einst wird von Gott Dir kommen, Dein Tau und Sonnenschein.
Dann sproßt, was Dir indessen Als Keim im Herzen lag, So ist kein Ding vergessen, Ihm kommt ein Blütentag!"
Der innige Vortrag dieser Komposition Friedemanns entzückte Rovelli; seine Augen hingen an dem bewegten Antlitz der Sängerin, da schlug auch sie ihre Augen auf, große, blaue Veilchenaugen, wie Rovelli noch keine geschaut. In der Nacht träumte -e,r von diesen leuchtenden Sternen, und am anderen Tage war er wieder im Kantorhäuschen. Sebastian Bach sah den strebsamen Musiker gerne
kommen; heute hatte Riccardo seine Geige mitgebracht, und bewies, daß er ein Künstler war. Elisabeth saß in einer Fensternische; ihr Kinderherz erbebte bei dem jubelnden, klagenden Klang des kleinen Instrumentes. An diesem Abend sprach Rovelli zum ersten Male mit ihr, und dann uchte er jede Gelegenheit, ihr zu, nahen, ihr zuzuflüstern: „Bellissima Elisabeth«!"
Bach achtete dessen nicht, eine große Komposition be- chäftigte seinen Geist. Die Mutter aber, die ihre Stiefkinder mit derselben treuen Liebe umfing, wie die eigenen, äh mit Besorgnis Elisabeths heiße Wangen, des Italieners verlangende Blicke. Wohl gönnte sie dem Mädchen eine echte Liebe, einen guten Mann, wie ihr Sebastian es war, aber gegen Riccardo Rovelli empfand sie ein leises Mißtrauen.
Eines Tages erzählte Bach dem jungen Bekannten von seinem Dresdener Aufenthalt im Jahre 1717, als eine Anwesenheit den französischen Virtuosen Marchand vertrieben und fragte im Anschluß daran seinen Sohn: „Friedemann, wollen wir uns nicht die schönen Dresdener Liederchen wieder anhören?" Er meinte damit die italienische Oper, die von seinem guten Freunde Hasse geleitet wurde, und in welcher dessen schöne Gemahlin, Faustina, mitwirkte. Friedemann sagte mit Freuden ja, da bat Rovelli: „Nehmt auch mich mit, Meister, es interessiert mich, unsere Opern aus einer deutschen Bühne zu hören."
Als am nächsten Tage der Reisewagen vor der Thüre stand, ging Elisabeth schweren Herzens umher; wohl hatte Riccardo ihr zugeflüstert, sie werde ihn bald nach Leipzig zurückziehen, aber auch die kurze Trennung drückte sie hart. Gerade trug sie des Vaters Reisemantel durch den Vorraum, da sprang Novelli die Stufen empor. Mit leidenschaftlicher Bewegung zog er sie an sich, küßte ihr goldenes Haar, ihren Mund. Zwar entwand sie sich ihm, doch treses Glück erfüllte ihre Seele. In wunderseligen Träumen dachte sie der Zukunft. r ..
Einige Zeit war vergangen, da kehrten dre berden Bachs heim, Riccardo Novelli war nicht bei ihnen.
„Die schönen Augen der Faustina, und ihre Prachtstimme nahmen ihn ganz gefangen", berichtete Bach lächelnd, „er läßt Euch grüßen, geht aber mit Faustina nach Venedrg".
Mühsam einen Weheschrei unterdrückend, preßte Elisabeth die Hand aufs Herz; die Mutter sah ihr entfärbtes Antlitz und zog sie tröstend an sich. Da löste sich- des Mädchens Schmerz in Thränen.
„Der Bube soll es büßen!" rief Bach zornig, als er der Tochter Beichte vernommen, „ich! reise ihm nach —"
„Vater, laß ihn, Gott wird ihn richten!"
„Du hast recht, mein Kind, vergiß ihn, er war Deiner nicht wert. Denke an die Liedesworte:
„Wenn Du auch tief beklommen In Waldesnacht allein,
Einst wird von Gott Dir kommen' Dein Tau und Sonnenschein!"
Seine Stimme war weich geworden, zärtlich drückte er Elisabeth an sich, dann setzte er sich an das Cembalo und ernst, feierlich, tröstend verklang der Choral:
„Ein' feste Burg ist unser Gott."
Es war sechs Jahre später. Aus dem Studierzimmer Bachs ertönte seine zürnende Stimme. Er saß, umgeben von seinen Schülern Agricola, Kirnberger, Ziegler, seinem Sohn Philipp Emanuel und kritisierte die Komposition eines vor ihm stehenden jungen Mannes. , .
Höre Er, Altnikol, des Generalbasses Firns und Endursache soll anders nicht, als nur zu Gottes Ehre uno Rekreation des Gemüts sein. Wo dieses nicht m acht genommen wird, da ist keine eigentliche Musik, sondern ein teuflisches Geplärr und Geleyer. Er hat sich bisher stets nach seinem srüheren schlechten Lehrer gerichtet, nun laste Er seine eigene Seele wiedertönen in Harmonie, ^ch hoffe, dann wirds besser." „
Stumm entfernte sich der Jüngling, er hatte es ja schon in seiner Heimat gehört, daß der Meister seine Schuler oft hart anlasse, einen Alumnen sogar wahrenu des Gottesdienstes vom Chore gejagt, dem Organisten ferne Perrucke an den Kops geworfen mit den Worten: „Er hatte lieber sollen 'ein Schuhflicker werden!" Altnikol hatte ihn bisher


