Ausgabe 
29.7.1900
 
Einzelbild herunterladen

422

Behutsam wurde drinnen der Schlüssel gedreht, einer der Flügel that sich behutsam um ein geringes aus, und das gespensterhaft farblose Antlitz des Flüchtlings zeigte sich in dem schwalen Spalt. Betroffen wollte er beim Anblick des Offiziers zurückweichen; denn feine erste Regung war naturgemäß der Gedanke an eine Verräterei. Elisabeth hatte jedoch! bereits ihren Fuß, auf die Schwelle gesetzt, und in raschen, eindringlichen Worten teilte sie dem Zitternden mit, daß der Leutnant von Plothow sich auf ihre Bitte bereit gefunden habe, seine Flucht zu unter­stützen, und daß er sich rückhaltlos seiner Führung anver­trauen dürfe.

Wie ein zum Tode Verdammter, dem am Fuße des Schafsots seine Begnadigung verkündet wird, atmete Franz von der Räcknitz aus. Stammelnde, schluchzende, über- schwengliche Worte des Dankes kamen von seinen Lippen. Der junge Offizier aber, der außerhalb des Zimmers stehen geblieben war, unterbrach in ernstem, fast befehlen­dem Tone feine Versichxerungen.

Dazu haben wir jetzt nicht Zeit. Auch geschieht das, was ich thun werde, nicht um Ihretwillen, Herr von der Räcknitz! Lassen Sie Ihren Mantel hier zurück und nehmen Sie statt dessen den meinigen. Alles weitere können wir unterwegs besprechen. Sie dürfen das gnädige Fräulein nicht länger durch Ihre Anwesenheit gefährden".

Ohne Widerstreben gehorchte Franz der dringenden Aufforderung. Doch bevor er das Gemach verließ, wandte er sich noch einmal an seine regungslos dastehende junge Base.

Lebe wohl, Elisabeth! Ein Schurke will ich sein, wenn ich jemals vergessen kann, was Du in dieser Stunde für mich gethan. Komme ich glücklich davon"

,,Geh! Geh!" fiel sie ihm hastig in die Rede, und als er seine Hände ausstreckte, um zum Abschied die ihrigen zu erfassen, wich sie abwehrend um einen Schritt zurück. Das Mitleid, das ihr vorher den Mut gegeben hatte, Sixtus von Plothow gegenüber alle mädchenhafte Scheu und Zu­rückhaltung abzulegen, war jetzt seltsamerweise in ihrem Herzen völlig erstickt von einem Gefühl des Widerwillens gegen den unmännlichen Feigling, der sie durch die Raserei seiner Verzweiflung zu solchem Schritt getrieben hatte.

So geh doch!" wiederholte sie beinahe heftig, da sie ihn noch immer zaudern sah, und sie wußte es dem Leutnant Dank, daß er ohne alle Umstände den Arm seines aufgezwungenen Schützlings erfaßte, um ihn eilig mit sich fortzuziehen. Sie lauschte auf das verklingende Geräusch ihrer Schritte, bis sie nichts mehr vernahm als das dumpfe Pochen ihres eigenen, stürmisch erregten Herzens. Dann eilte sie zum Fenster und spähte zwischen den Gardinen auf die Straße hinab, um das Heraustreten der beiden Männer zu erwarten.

Dem sonnigen Tage war ein trüber, regnerischer Abend gefolgt, und der Mond mühte sich umsonst, die Wolken zu durchbrechen. So konnte Elisabeth die Gestalten des Leutnants und seines Begleiters nur ein paar dutzend Schritte weit verfolgen. Aber sie sah, daß zwei Offiziere, die ihnen begegneten, mit militärischem Gruße vorüber­gingen und nicht ein einziges Mal nach den Beiden zurück- schauten. Sie hatten also nichts Auffälliges an ihnen bemerkt, und Elisabeth durfte hoffen, daß der Flüchtling mit seinem tapferen Beschützer unangefochten bis an das Ziel des kurzen Weges gelangen werde.

Viertes Kapitel.

Bis zum hellen Morgen lag das junge Mädchen schlummerlos und mit offenen angstvollen Augen in den Kissen. Vergeblich hatte sie am verflossenen Abend gehofft, daß ihr Sixtus von Plothow eine Nachricht über das glück­liche Gelingen des verwegenen Unternehmens zukommen lassen werde, und wenn sie auch ihr zagendes Gemüt zu überzeugen versuchte, daß das Ausbleiben der erwarteten Kunde sicherlich nur ein günstiges Zeichen sei, so konnte sie damit doch die schrecklichen Bilder nicht verscheuchen, mit denen die Einsamkeit und Dunkelheit der endlosen Nacht ihre aufgeregte Phantasie erfüllten. Immer wieder sah sie Franz von der Räcknitz mit gefesselten Händen zwischen den Schergen, die ihn ins Gefängnis abführten, und alles, was sie jemals von den Schrecknissen des Kerkers oder den Qualen hochnotpeinlicher Prozesse gehört hatte, ge­

staltete sich ihr in diesem Zustande peinvoller Ungewißheit zu greifbar deutlichen Vorstellungen von Grauen erregen­der Furchtbarkeit.

Dazu kam, daß die folgenschweren Entschlüsse des gestrigen Tages das geräuschvolle militärische Leben in den Straßen während der ganzen Nacht nicht völlig ver­stummen ließen. Bald rasselten Säbel über das Pflaster, bald tönte der Hufschlag galoppierender Pferde, oder der schwere, taktmäßige Marschtritt einer Infanteriekolonne zu Elisabeths Fenstern herauf. Und jedesmal glaubte sie nicht anders, als daß nun im nächsten Augenblick dumpfe Schläge gegen die Hausthür dröhnen und rauhe Männer­stimmen nach dem versteckten Mörder fragen müßten. Nie in ihrem jungen Dasein hatte sie eine gleich fürchterliche Nacht durchlebt, und nie hatte sie mit gleicher Inbrunst den ersten Strahl des Morgenlichtes herbeigesehnt. Als end­lich, endlich das Herausdämmern des neuen Tages eine fahle Helligkeit im Zimmer verbreitete, als die gespensti- schen Schatten allmählich! verschwanden, und die Dinge rings umher wieder ihr wirkliches Gesicht zu zeigen be­gannen, forderte auch der jugendliche Körper gebieterisch seine so lange vorenthaltenen Rechte, und tiefer, traum­loser Schlaf legte sich wohlthätig auf Elisabeths heiße Lider.

Wirr und schlummerbefangen fuhr fie in später Vor­mittagsstunde auf den wiederholten Zuruf der vor ihrem Bette stehenden Sophie empor. Aber der Anblick der Zofe, aus deren Munde sie gestern die erste Schreckensnachricht erhalten, reichte vollkommen hin, ihr alle Ereignisse des verwichenen Abends ins Gedächtnis zurückzurufen.

Was giebt es, Sophie?" fragte sie erschrocken.Was ist geschehen? Sage mir die Wahrheit man hat ihn ergriffen?"

Doch die einfältige Person schien den gestrigen Vorfall bereits vergessen zu haben; denn sie schüttelte verständnis­los den Kopf.

Von wem spricht das gnädige Fräulein? Gewiß hat das Fräulein geträumt. Es ist immer ungesund, so in den Tag hinein zu schlafen. Und Seine Gnaden, der Herr General haben nun schon zum drittenmale nach dem Fräulein gefragt".

Eine Bergeslast wälzte sich von Elisabeths Brust; aber fie war noch immer nicht ganz beruhigt.

Mein Vater? Und sah er zornig aus, Sophie? Glaubst Du, daß es eine besondere Ursache hatte, weshalb er nach mir fragte?"

Eine besondere Ursache? Ei, ja wohl. Wir müssen uns wahrscheinlich noch heute reisefertig machen, gnädiges Fräulein! Der Krieg steht vor der Thür, und da sei für schutzlose Frauenzimmer hier in dem großen Hause nicht der rechte Ort meinten Seine Gnaden"..

Elisabeth war während dieser Auskunft aus dem Bette gesprungen. Statt der lähmenden Bangigkeit hatte sich jetzt eine brennende Ungeduld ihrer bemächtigt, ein unwiderstehliches Verlangen, Sixtus von Plothow wieder­zusehen, aus seinem eigenen Munde zu vernehmen, daß Franz glücklich geborgen sei, und in seinen Augen zu lesen, daß er ihr nicht mehr zürne, weil ihre Bitten ihn in chn so gefährliches Abenteuer gedrängt hatten.

Viel schneller als sonst hatte sie mit Sophiens Hilfe ihre Toilette beendet. Die behutsamen Fragen, die sie wählend des Ankleidens an ihre Zofe gerichtet, hatten sie vollends überzeugt, daß hier im Hause bisher weder von der That ihres Vetters, noch von seiner Flucht etwas bekannt geworden war, und in beinahe heiterer Stimmung eilte sie eine Viertelstunde später in die Gemächer des Vaters, um ihm den heute so arg verspäteten Morgengruß zu bieten.

(Fortsetzung folgt.)

Vatertrme.

Ein Erinnerungsblatt zu Johann Sebastian Bachs

150. Todestag, 28. Juli.

Von C. Norden.

Nachdruck verboten.

In dichten Reihen saßen die Andächtigen an einem Sonntage des Jahres 1727 in der Thomaskirche zu Leipzig und lauschten voll Bewunderung einer Kantate, die von