(Nachdruck verboten.)
Geächtet.
Roman von Lothar Brenkendorf.
(Fortsetzung.)
Schon war sie an ihm vorüber bis zur Thür gegangen, da trat er ihr mit bittender Gebärde in den Weg.
„Hören Sie mich! an, Fräulein Elisabeth !" Ich bin gewiß, daß Sie nickst einmal dunkel ahnen, einen wie schweren Verstoß gegen meine Pflichten als Offizier und als Staatsbürger Sie von mir verlangen —"
„Ich verlangte einen Beweis Ihres Edelsinns und Ihres Mutes — sonst nichts!" entgegnete sie kalt. „Vielleicht wäre eine Gefahr dabei gewesen. Ich kann es nicht recht einsehen, doch ich will es glauben. Und ich begreife, daß Sie keine Ursache haben, sich meinetwegen in Gefahr zu begeben. Aber ein einfaches Nein ist mehr als genug. Daß ich Ihre — Ihre weise Vorsicht noch bewundern werde, haben Sie doch wohl micht erwartet".
„Für einen Feigling also halten Sie mich, Elisabeth? Sie meinen, daß ich Ihnen nur um meiner eigenen Sicherheit willen die Erfüllung der ersten Bitte versage?"
Sie blieb ihm die Erwiderung schuldig; aber die Bewegung, mit der sie sich von ihm abwandte, war von grausamerer Deutlichkeit als irgend ein gesprochenes Wort. Sixtus von Plothow grub die Zähne in die Unterlippe, und seine breite Brust arbeitete ungestüm wie nach einer schweren Anstrengung oder nach einem stürmischen Ritt. Dann, in dem Augenblick, wo Elisabeth ihre Hand auf den Thürdrücker legte, stieße er nach einem letzten, furchtbaren Seelenkampfe hervor: „Wohl — komme, was kommen niag — ich bin bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen".
Sie blieb zweifelnd, ungewiß, ob sie ein auf solche Art erlangtes Zugeständnis annehmen oder zurückweisen solle. Nun aber schienen mit einemmale die Rollen zwischen ihnen vertauscht, denn jetzt war es der junge Offizier, der zu raschem Handeln drängte.
„Warum zaudern Sie, da doch, soeben noch! die Minuten so kostbar waren? — Sie hören ja, daß ich« auf jede Gefahr hin thun will, was Sie von mir verlangen. Erteilen Sie mir Ihre Befehle — ich werde Ihnen ohne Widerspruch, gehorchen".
1900.
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ensch, denkst du Gott zu schauen, Dort oder hier auf Erden: So muß dein Herz zuvor Ein reiner Spiegel werden.
Joh. Scheffler.
Hätte es ihr eigenes Wohl und Wehe gegolten, Elisabeth würde seinen Beistand jetzt sicherlich abgelehnt haben. Aber es handelte sich um das Leben eines andern, und sie durfte sich nicht das Recht zugestehen, auf Kosten ihres unglücklichen Vetters die Stolze und Hochmütige zu spielen. Darum kämpfte sie alle ihre Bedenklichkeiten nieder, und nach einem schüchternen Dankeswort, das ihre Lippen kaum vernehmlich sprachen, während ihre Augen den Boden suchten, sagte sie in ganz verändertem, demütigem Tone: „Wie dürfte ich Ihnen befehlen, da Sie doch hundertmal eher den rechten Weg zur Rettung des Verfolgten finden werden, als ich! Auf welchen Plan er selber seine Hoffnungen setzt, habe ich Ihnen ja bereits gesagt".
„Gut — und es mag dabei sein Bewenden haben; denn er allein soll die Verantwortung für das Gelingen oder Mißraten tragen. Darf ich Sie bitten, gnädiges Fräulein, den Herrn von der Röcknitz hierher zu bringen?"
„Das wäre ein zu gefährliches Beginnem Nur an dem Ort, wo er sich gegenwärtig befindet, ist er vor einer Ueberraschung durch meinen Vater gesichert. Man müßte die Verkleidung, die ihn retten soll, dorthin zu schaffen suchen."
Sixtus von Plothow schüttelte den Kopf. „Daran ist nicht zu denken. Wenn Ihr Vetter sich in meine Uniform kleiden will, kann das einzig in meiner Wohnung geschehen. Der Weg dahin ist nicht weit. Selbst wenn bereits nach ihm gesucht werden sollte, wird man ihn in meiner Begleitung schwerlich anhalten, und er kann sich zum Ueber- fluß in meinen Offiziersmantel hüllen, den ich sogleich aus dem Ordonnanzzimmer holen werde." ’
Der kalte und gemessene Ton, in dem er dies alles sagte, verriet nur zu deutlich!, wie schwere Ueberwindung ihn die Teilnahme an dem Abenteuer kostete.
Jedes seiner Worte gab Elisabeth einen Stiche ins Herz. Sie fühlte sich beschämt und unglücklich. Die Thränen standen ihr in den Augen. Wer sie dachte an die entsetzlichen Augenblicke, die sie vorhin in ihrem Schlafzimmer durchlebt hatte, an die Didesangst des Verfolgten, an sein verzweifeltes, jammerndes Flehen — und unter dem Einfluß dieser Vorstellungen schwand ihre Empfindlichkeit dahin.
„So holen Sie den Mantel, Herr von Plothow", sagte sie leise. „Ich werde hier auf Ihre Rückkehr warten, um Sie dann zu meinem armen Vetter zu führen".
Schon nach Verlauf weniger Minuten trat er wieder ein, den zusammengelegten Osfiziersmantel über dem Arm. Schweigend ging Elisabeth ihm voran bis an die Thür ihres Zimmers, an der sie vorsichtig pochte, um dann mit gedämpfter Stimme dem darin Eingeschlossenen znzurufen: „Oeffne mir, Franz! Du hast nichts zu fürchten; denn ich bringe Dir einen Freund und Retter".


