302
migen Pflanzengruppe, die er umgehen mußte, stehen. Die Thür des zierlichen, von Kletterrosen umrankten Baues war offen, Gräfin Frieda stand im Rahmen derselben. Golden schimmerten im Sonnenlicht ihre gelösten, nur durch einen kleinen Schildpattkamm zusammengehaltenen Locken, ein loses Gewand von weicher tiefroter Seide floß in malerischen Falten an ihrer biegsamen Gestalt herab. Der sie selbstvergessen Anschauende glaubte nie etwas Liebreizenderes erblickt zu haben, und als sie jetzt leicht das Köpfchen neigte, so daß das schimmernde Lockengewirr fast die dunklen feingezeichneten Brauen berührte, abs sie dann wieder aufblickte und mit träumerisch-sehnsüchtigen Augen in die Ferne schaute, da durchzuckte es ihn eigen, mit fast quälender Gewalt. Vor seinem Geiste flatterte etwas, ein Schemen, ein traumhafter Gedanke, eine unklare tastende Empfindung, die sich nicht sesthalten, in keine bestimmte Form bringen ließ. Und das Sonderbarste: Genau so war es ihm schon einmal gewesen, am verflossenen Tage, als zum erstenmale die weiche dunkle Stimme des schönen Mädchens an sein Ohr schlug.
Aber hier war nicht der Ort, solchen momentanen Regungen nachzuspüren! Er mußte vortreten, sich zeigen, wollte er nicht als dreister Späher etfcfyemen. Mit tief- gezogenem Hute schritt er auf die Träumende zu.
„Verzeihung für den Eindringling!" bat er. „Ich weiß, ich war kühn, aber die Schönheit dieses herrlichen Fleckchens Erde könnte selbst weniger schönheitsdurstige Augen wie die meinen zu unbefugter Umschau verleiten."
Sie hatte ihm erst blaß und sprachlos — vor Schreck über sein plötzliches Erscheinen, schalt das Gewissen des Gelehrten — «entgegeNgesehen, jetzt reichte sie ihm hocherglühend, mit strahlendem Lächeln, die Hand.
„Willkommen, Herr Professor! Willkommen in meinem eigensten Reich! Nicht währ, es ist schön hier oben? Und besonders hier auf meinem Lieblingsplätzchen, das einen so. entzückenden Blick auf Park und Wald gewährt".
Er trat, ihr zustimmend, an ihre Seite, dann wendete er den Kopf zu der Statue, welche vorhin seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
„Wen haben Sie sich hier als Hüterin Ihres Edens bestellt?" fragte er. „Ach, eine sehr gut ausgeführte Nymphengestalt! Wie reizend der schlanke erhobene Arm, die Haltung des feinen lockigen Köpfchens!"
Er neigte sich tiefer um die im Sockel eingegrabenjen Buchstaben zu erkennen. „Echo? Warum gerade diese Bezeichnung? Eine Künstlerlaune, nicht wahr, gnädigste Komtesse?"
Er hob sein Gesicht zu ihr empor, und ihn befremdete der eigentümliche, sehnsüchtig forschende Ausdruck, mit dem ihre Augen die seinen streiften.
„Wnstlerlaune", wiederholte sie leise, „gewiß! Wer nun", sie richtete sich aus ihrer träumerischen Versunkenheit auf, „kommen Sie, Herr Professor! Es wäre ungastlich, Sie nach so weiter Wanderung noch länger der Sonnenglut auszusetzen".
Er bot ihr seinen Arm, und so schritten sie zusammen den breiten, zu beiden Seiten mit köstlich duftender Reseda eingefaßten Weg entlang, der zur Hinterfront des Schlosses führte. Nur einmal blieben sie noch vor einem hochstämmigen, über und über mit herrlichen Blüten bedeckten Rosenbäumchen stehen. „Meine Lieblingsblume", hatte sie gesagt, und ;er trat näher, ihr einen Zweig der voll erschlossenen, tiefroten Rosen zu brechen. Der Lederhandschuhe hinderte ihn dabei, er streifte ihn ab, und wieder berührte es ihn sonderbar, den leidenschaftlich gespannten Ausdruck ihres Gesichtes wahrzunehmen, mit welchem sie sein ThUn beobachtete. War es der ungewöhnlich breite Goldreif am kleinen Finger seiner Rechten, der ihre Aufmerksamkeit in so hohem Grade erregte? Auch ein tiefes Atemholen, fast ein leises Seufzen, hatte sein Ohr gestreift, aber er hatte sich doch wohl geirrt; denn als sie nun an seinem Arm weiterschritt, bemerkte er, daß sie mit strahlenden Augen einem alten weißhaarigen Mütterchen zunickte, das, die Augen mit der Hand beschattend, von einem offenstehenden Erkerfenster zu ihnen herabsah.
„Meine einstige Wärterin", beantwortete sie seinen fragenden Blick.
Drinnen im kühlen, durch schwere Vorhänge und her
abgelassene Stores dämmerigen Gemach saß er ihr dann gegenüber und brachte sein Anliegen vor. Es schien ihr willkommen zu sein, wenigstens war ein Leuchten in ihren Augen, das nicht auf das Gegenteil schließen ließ. Erwartete sie zu dem Fest jemand, dem ihr Herz entgegenschlug, dem es sich bereits zu eigen gegeben fürs Leben?
Hans Volkmann sprang plötzlich auf und trat vor ein großes Gemälde, welches einen beträchtlichen Teil der gegenüberliegenden Wand einnahm. Erst blickte er darauf hin, ohne etwas wahrzunehmen, dann wurde er aufmerksamer.
Er trat näher. „Welch ein herrliches Gemälde!" rief er. „Was stellt es vor, Gräfin? Ist es ein Porträt?" Sie gab keine Antwort, sondern schritt zum Fenster und zog den schweren Vorhang zurück. Eine Fülle von Licht überflutete plötzlich das Bild. Da sie noch immer schwieg, schaute er wieder darauf hin, und gab seiner Bewunderung Ausdruck.
„Ganz köstlich", sagte er hingerissen, „das schuf eines Meisters Hand. Dieser tiefe Waldesfrieden, diese alten mächtigen Bäume, die nickenden Gräser und Blumen zu ihren Füßen, und mitten in dieser schweigenden Einsamkeit wie ein lebendig gewordenes Märchen dieses junge, holdselige, träumerische Geschöpf. Sieht man nicht förmlich die Sonnenstrahlen über das braune Köpfchen huschen, aus dem weißen Gewand, den zarten blumentragenden Händen gaukeln?"
„Wer wie ist mir", fuhr der Sprechende sinnend fort. „Sollte ich dieses edle Profil, diese tiefblauen sehnsüchtigen Träumeraugen nicht kennen, nicht bereits in Wirklichkeit erblickt haben?"
Er bemerkte nicht, daß die junge Gräfin jetzt netzen ihm stand und totenbleich, beide Hände aufs Herz gepreßt, zu ihm aufschaute.
Die Thür wurde geräuschvoll geöffnet, Frau von Suchen trat über die Schwelle.
„Willkommen, mein lieber Herr Professor!" ries sie schon von weitem. „Was mögen Sie nur von mir denken, und auch Sie, Komtesse? Man hat einfach unterlassen, mir den Gast zu melden. Unbegreiflich, nicht wahr? Wer Sie sind mir deswegen nicht böse? Beide nicht?"
Nein, man war es nicht! Der Gelehrte begrüßte sie zerstreut und Gräfin Frieda mit einem Lächeln, an dem ihre Augen keinen Anteil hatten.
Die alte Dame trat ihr näher. „Wie blaß Sie sind, Komtesse", meinte sie besorgt. „Aber das macht die Hitze, nichts weiter. Sie sollten um diese Zeit nicht so viel im Freien sein oder sich wenigstens mehr vor den Sonnenstrahlen schützen. Ich glaube wirklich. Sie vergaßen heute wieder Ihren Garteinhut. Daß Ihr Teint dabei feine Färbung behält, ist unbegreiflich!"
Die behäbige Dame ließ sich schwer in einen der seidenen Sessel fallen und wehte sich mit ihrem Battisttuche Kühlung zu.
„Sie bleiben doch zum Diner, Herr Professor?"
Der Angeredete schaute auf die junge Schloßherrin, welche noch immer vor dem Bilde stand.
„Gnädige Gräfin sehen in der That ermüdet aus; ich fürchte zu stören".
Sie blickte ihn wie erwachend an. „Gewiß nicht, Herr Volkmann! Nur bitte ich mich für kurze Zeit zu entschuldigen, nur so lange, um" — sie sah mit schwachem Lächeln an ihrem losen, schleppenden Gewände herab — „meiner Jungfer eine kleine Audienz zu gewähren".
Sie neigte sich mit der leichten Anmut, welche jeder ihrer Bewegungen eigen war, dann schugen die schweren Falten der bronzefarbenen Thürdraperie hinter ihr zusammen.
(Fortsetzung folgt.)
Tinte.
Nachdruck verboten.
Die sonderbare Thatsache, daß gewisse, vor sechs bis stcht Jahrhunderten geschriebene Dokumente und Bücher bedeutend besser lesbar sind, als viele Schriftstücke, die nvch nicht einmal hundert Jahre überdauert haben, könnte uns fast glauben machen, daß die Kunst der Tintenbereitung seit dem Mittelalter znrückgegangen sei.


