Ausgabe 
29.4.1900
 
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fiel) werden die Frauen gern aus fremden Stämmen ent­führt. Letztere Sitte herrscht bei den ausgestorbenen Tasmaniern, sowie bei den Papuanen Neu-Guineas und aus den Fidschi-Inseln. Noch heute muß der Samojede und der Lappe sich mit List oder Gewalt eines Mädchens aus fremdem Stamme bemächtigen. Dem Gebrauche des Frauenraubes begegnen wir auch in den Traditionen zahl­reicher Völker, z. B. in jener Erzählung der Bibel, wonach die Männer des Stammes Benjamin die zum Tauz ver- sammelten Töchter Siloh's entführten, sowie in der be­kannten römischen Sage vom Raube der Sabinerinnen, in welcher der in den römischen Sitten als Zeremonie fort­lebende Frauenraub in historische Form gebracht war. Wie verbreitet diese Sitte in alter Zeit war, geht daraus hervor, daß sie sich bei vielen Völkern, bei denen mildere Sitten die Oberhand gewannen, als zeremonieller Gebrauch er­hielt. So führten nach P l u t a r ch's Bericht bei den Spar­tanern, obwohl bei ihnen die Ehen unter Einwilligung der beteiligten Familien geschlossen wurden, die Freunde des Bräutigams eine Szene auf, die eine gewaltsame Ent­führung der Braut vorstellte. Derselbe Gebrauch herrschte noch vor wenigen Generationen in Wales, wo die kriegerisch ausgerüsteten Freunde des Bräutigams die Braut ent­führten. In Irland wurden sogar Speere gegen die An­gehörigen der Braut geschleudert, allerdiugs aus einer solchen Entfernung, daß eine Verletzung ausgeschlossen war. Trotzdem ereigneten sich zuweilen bei diesem Scheinkampfe infolge von Unvorsichtigkeit Unfälle, und ein solcher Unfall, der für einen gewissen Lord Hoath den Verlust eines Auges zur Folge hatte, scheint dieser Sitte ein Ende gemacht zu haben.

Eine andere Art des Erwerbes von Frauen ist der Brautkauf. Als nackten Brautkauf finden wir die Ehe z. B. in Afrika. Man einigt sich vielfach schachernd und feilschend über den Kauf der Braut, wie über ein anderes Kaufobjekt. Aber nicht blos in Afrika, auch unter den Beduinen Süd-Arabiens ist das der Fall. In Süd-Afrika wird der Kaufpreis gewöhnlich nach Ochsen ausgedrückt, und die Mädchen erscheinen nicht billig taxiert; bei den Kaffern zahlt der Bräutigam wohl 6 bis 30 Ochsen für die Braut. Für den Mann, der eine Anzahl Töchter besitzt, ist also die Heirat oft ein sehr profitables Geschäft und kann (int großen Gegensätze zu unseren Verhältnissen) zu einer Quelle des Reichtums werden; denn indem er sie ver­kauft, bekommt er vielfach herein, was ihm die eigene Ehe­hälfte gekostet. Von diesem Standpunkte aus erscheint so­mit die Frau als eine ganz gute Kapitalanlage. Spekulative Häuptlinge haben sogar aus dem Umstande, daß der Be­sitz der Tochter unter Vaterrecht zu einem Ausflusse der väterlichen Macht geworden ist, Nutzen gezogen. Sie ver­suchten im großen, was die armen Arekunas nur günstigen­falls Km kleinen thaten; sie etablierten ein Geschäft in Bräuten. So.wußte der Basutohäuptling Mosheswe, als er 1815 zur Regierung gelangte, das Volk dadurch für fich zu gewinnen, daß er fein Viehvermögen dazu verwendete, den armen Leuten, die aus Mangel an Mitteln hatten Jun'gesellen bleiben müssen, zu dem ersehnten Weibe zu verhelfen. Zugleich wußte er es so einzurichten, daß seine Vermittelung eine ganz gute Kapitalanlage wurde. In­dem er nämlich einem Unterthanen um ein paar Ochsen eilt Weib kaufte, bedang er sich den Ertrag als Kapital­rückzahlung aus. So fielen ihm also alle Töchter aus solchen Ehen anheim, und da er diese schon nach zwölf Jahren wieder verkaufen konnte, so floß ihm sein Anlage­kapital bald und reichlich zurück. Kein Finanzkünstler aber hat noch die alten Könige von Dahomey übertroffen, welche, indem sie das Vaterrecht int Stamme auf sich bezogen und beschränkten, als Väter desselben die geschätzteste aller Waren, die Frau, für sich im ganzen Staate monopolisiert haben. Dort zog der König die volle Konsequenz aus der Königsvorstellung, wie sie noch in Ostasien lebt; er be­trachtete sich als den großen Familienvater aller und sonach für den Herrn und Mundinhaber aller Frauen und verkaufte sie für seine Rechnung den Unterthanen zur Ehe.

Auch die altjüdischen Ehen sind echte Kaufehen int ausgesprochensten Sinne. Die Texte sprechen nnbemäntelt

vomErkaufen zum Weibe", vomKaufpreise einer Jung­frau" als von dem Gewöhnlichen.

Das Gleiche gilt von der altgriechischen Ehe. Der Preis der Braut wird ganz, wie es heute in Süd-Afrika üblich ist, nach, Rindern bestimmt; nur müssen letztere bedeutend wertvoller gewesen sein, als sie es heute in Afrika sind; denn einmal schätzt Homer sogar ein kunst­verständiges Weib nur auf vier Feldochsen. So galt es für ein Glück, Töchter zu besitzen; denn sie sindrinder­erwerbend", sie bringen dem Vater Rinder zum Austausche ins Haus.

Daß auch die germanische Ehe ganz auf demselben Grunde ruhte, ist schon wiederholt gezeigt worden. Mochte auch Tacitus nichts gesehen haben als Mitgift und Morgen­gabe, so sprechen doch die Volksrechte ganz unzweideutig vompretium emtionis", dem Kaufpreise, und das sächsische möchte wohl gar einen Tarif aufstellen, indem es sagt: Wer ein Weib heimführen will, der gebe den Eltern dreihundert Schillinge. Von den Dithmarschen erzählt Ne- ocorus,daß sie ihre Töchter ohne Brautschatz verloben und verheiraten; es schenket und bezahlet der Bräutigam dem, in wessen Gewalt die Braut ist, so viel, als unter ihnen bewilligt und beliebt wurde".

Eine weniger verbreitete Form des Frauenkaufes ist der Tausch. Sie scheint sich, bei den Malaien und einigen abessinischen Völkerschaften zu finden. Wer sich ein Weib verschaffen will, gießt dafür seine Schwester oder eine andere Frau, die er etwa aus einem benachbarten Stamme entführt hat. Auch in Australien besteht eine derartige Tauschmethode, indem der Bräutigam für das ungefähr zwölfjährige Mädchen, das er sich vermählt, seine eigene Schwester oder eine nahe Verwandte aus seiner oder seines Vaters Mundschaft dem fremden Stamme hingiebt.

Bei zahlreichen Völkerschaften findet man endlich die Sitte, daß die Braut durch Dienst bei den Schwiegereltern erworben wird. Das ist der Fall bei manchen nordamerika­nischen Jndiauerstämmen, bei den brasilianischen Indi­anern, bei den Battak auf Sumatra, den Tagalen auf den Philippinen; ebenso verdiente nach dem Berichte der Bibel Jakob seine Frau.

Nur ganz vereinzelt kommt es vor, daß die Weiber sich die Männer wählen; bei den Visirern z. B. soll der Mann die Frau, welche ihn wählt, heiraten müssen, falls er dem Vater ihren Preis bezahlen kann, und von einigen Ortschaften in Nicaragua wird berichtet, daß die Mädchen sich aus den bei Festmahlen versammelten Junggesellen ihre Männer wählen.

Haben wir in Vorstehendem die verschiedenen Arten, wie sich die Völker Frauen erwerben, kennen gelernt, so soll int Folgenden noch einiger seltsamer Hochzeitsgebräuche gedacht werden.

Sehr verbreitet ist z. B. die Sitte, den Ehebund durch gemeinsames Genießen von derselben Speise und demselben Tranke abzuschließen. Hält dabei die Sitte an einer be­stimmten, altertümlichen Speise fest, wie z. B. an gerösteten Getreidekörneru, so entstehen Formen wie die der römischen Konfarreation. Bon einer Speise essen und von einem Tranke trinken, gilt überhaupt als Ausdruck enger Ver­brüderung und künstlicher Blutsbefreundung. Darum ist noch heute das gemeinsame Mahl auch bei der deutschen Hochzeit keineswegs das Letzte und Kleinste und es hat sich außerdem die Sitte erhalten, daß der Braut und dem Bräutigam vorab gewisse Speisen und Getränke zum ge­meinsamen Genüsse gereicht werden. Auch wird bei der Mahlzeit selbst gern auf die veralteten Gerichte der Vor­fahren zurückgegriffen. So kommt in Böhmen bei Hoch­zeiten regelmäßig die sonst ziemlich verdrängte Hirse wieder zu Ehren, und anderswo greift man selbst auf die gerösteten Speltkörner wieder zurück. Brasilianische Indianer thun gemeinschaftlich einen Trnnk Branntwein und die Ehe ist geschlossen. Die serbischen Brautleute trinken dreimal asus demselben Glase roten Wein. Auch die chinesische Hochzeit wird durch gemeinsames Essen und Trinken der Eheleute eingeleitet. Doch trinken diese nicht aus einem einzigen Glase, sondern sie wechseln zwei Gläser, welche durch einenroten" Faden verbunden sind. DasZusam­menessen" als Zeichen des Eheabschlnsses kennen außerdem sowohl die Indianer von Süd-Amerika, als auch die Lappen