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stürme über dieses Stück hervorgezauberter Erde hinweg, erstickten für einen Moment die geflüsterten Worte der Greisin.
Aber Paul hatte sie doch verstanden. —
Die Großmutter hatte geglaubt, daß er vor lieber» raschung, vor Freude außer sich geraten würde.
„Paul!" stieß sie hervor, „denke doch, mein Sohn! Sielst da! Wir haben sie wiedergefunden!"
Er nickte nur, stumm und erschüttert. Er fand kein lebhaftes Wort. In seinem Innern war alles so still und erstorben, es gab keinen Widerhall mehr da drinnen für großes Leid, und auch nicht für große Freude. Nur Wehmut durchschauerte ihn, es war ihm bei der Nachricht von diesem Wiederfinden, als blicke er in das Jugendland zurück, das für alle Ewigkeiten abgeschlossen hinter ihm lag.
„Jung', — freust Du Dich nicht — so wache doch auf, Paul!!" Die alte Frau hatte seinen Arm erfaßt und zog ihn vom Sitz empor. „Die Pause ist da, — komm hinaus, sie wartet draußen mit Sehnsucht".
Als sie in den Rundgang kamen, war Nettchen nicht mehr da.
Ein kleines Mädchen, eine Portiers- oder Logen- schließertochter stand am Eingänge zu den Artistinnen-Gar- deroben und trat sofort auf sie zu. „Sind Sie die Familie Brinkmann? Eine Empfehlung von Fräulein Nettchen, und sie hat nicht so lange warten dürfen, sie kleidet eben Fräulein Clotilde Hager an. Bis einhalb 11 ist sie beschäftigt, und darf nicht von ihrem Posten fort. Ob die Herrschaften so freundlich sind und das Fräulein hier im Zirkusrestaurant erwarten wollen?"
„Warum nicht, Paul", sagte die Großmutter, der plötzlich Nnternehmungs- und Lebenslust in die Glieder gefahren zu sein schien. „Wir essen dort 'ne Portion Würstchen mit Salat, und trinken Bier dazu".
Paul blickte nach der Großmutter hin. So frisch hatte ihre Stimme schon lange nicht geklungen, es war als wenn neue Daseinsfreude von ihr ausging. Hatte Nettchen diesen Strom von Leben mitgebracht?
Er sah sie im Geiste vor sich, das blühende, gesunde Mädchen, 'mit dem unverwüstlichen Frohsinn, den immer lachenden Lippen. Und Johannes Bild stieg vor ihm auf, — sanft und still, voll schmerzlichen Ernstes. Da ergriff ihn eine seltsame Empfindung. Etwas wie stumme Abwehr — fast etwas wie Haß gegen die einstige Jugendgeliebte, die von neuem zwischen ihn und die Seinen und das Andenken an die Tote zu treten begann. Johanne in ihrer milden Verklärtheit, und Nettchen in der gesunden Lebensfülle, von der einst eine ko grausame Macht auf ihn ausgegangen war, standen in seinem Herzen einander gegenüber, und sehnsüchtig flüchtete er sich zu dem stillen Bilde der Verklärten.---
„Hier also ist es !" dachte Nettchen, als sie den kleinen Hof des Tempelhofer Grundstückes betrat. Den freien Sonntagmorgen, welcher dem Tage des Wiedersehens gefolgt war, hatte sie benützt, um sich in frühester Stünde auf die Bahn zu setzen und dem Wohnort der geliebten Menschen entgegenzufahren. Es war acht Uhr morgens, und viele Fensterladen in der einsamen Straße noch geq schlossen, während sie der Wohnung zuschritt. Ihre Gedanken eilten ihr voran und umfaßten in Liebe die, welche sie so verändert wiedergefunden hatte. Wie hatte sich die Hand des Schicksals auch hier niedergesenkt, und zerbrochen und vernichtet. Wie klein schien ihr jetzt ihr eigener Gram, gegenüber der tiefen Entmutigung, die sie in Pauls Zügen gelesen hatte! Sie hatte sich wieder vom Boden erhoben) war wieder gesundet und zu Kraft gelangt. Gute Menschen hatten sich ihrer angenommen, sie hatte Arbeit gefunden, und täglich mehr fühlte sie, wie ein neuer Lebensmut in ihren Adern kreiste, wie ihr Wesen sich zu hebeu itnb zur alten Kraft zurückzukehren begann.
Lange stand sie vor dem kleinen, dürftigen Hofgebäude, !d.as ihr als die Wohnung der Brinkmanns bezeichnet wurde.
Wo war der einstige Wohlstand hin? In den zwei Stuben, durch welche die Großmutter sie in stummer Wehmut führte, fah es fast ärmlich aus. Die besten Stücke vom Hausrat fehlten — „das alles hat der Brand auf dem Gewissen", sagte tonlos die alte Frau. „Ich will Dir
nur sageu", fuhr sie flüsternd fort, „wenn's im Geschäft nicht bald besser wird, dann kommt der Konkurs."
Paul sah im Wohnzimmer und schrieb. Es waren Geschäftsbriefe, die er verfaßte, Rechnungsformulare, Bescheinigungen für gelieferte Beträge. Aber er quälte sich an ihnen herum ohne Lust und Eifer, und auf seinen Zügen lag Abspannung. Das Zimmer war voll Sonnenschein. Nettchen lief auf Paul den Kleinen zu, der in der Mitte der Diele auf einem niedrigen Rohrstuhl saß und ernsthaft seinen kleinen Stiefel mit der flachen Hand besohlte. Sie nahm ihn auf ihre Arme, küßte seinen kleinen, runden Hals und lief mit ihm ans Fenster. Ein Kind im Arme halten, das war ein neues, seliges Gefühl, das war eine Wonne, die sie sich während ihrer traurigen Ehe im Trauni und im Wachen ausgemalt hatte. „Paul!" rief sie aus, „wie kannst Du den Kopf hängen lassen, da Du das Kind hast!" ;
Sie trat zu ihm hin und hielt ihm den kleinen Menschen entgegen, der zum ersten Male eine solche Flut von lebendiger Wärme um sich fühlte, und unter den ungestümen Küssen ganz rot und atemlos geworden war.
„Nein," fuhr sie fort, „ich werde nicht müde, ihn an- zusehen, er ist Johanne ganz und gar!" Ihre Augen schweiften über die Wände und blieben an dem Bilde der Verstorbenen hängen. Dann ließ sie sie mit scheuem Prüfen über die Gegenstände streifen, die sie noch kannte, den großen Eßtisch, an dem sie einst ihre Schularbeiten gemacht hatte, die Hängelampe mit der blauen Kuppel, den Fenstertritt mit den Gummibäumen und das ausgesessene Ledersofa. Unzählige Erinnerungen stürmten auf sie ein, und hoch war neues in dieser gelichteten, schlichten Umgebung, Reste einstigen, anmutigen Schmuckes; hier ein geflochtenes Körbchen, aus d'em künstliche Blumen hingen, dort über dem Sofa ein Bündel vergoldeter Tannenzapfen. Der Kanarienvogel, der alt und kahl geworden war, und wie ein Philosoph nachgrübelnd auf seiner Stange saß, hatte ein Bauer aus weißlackierten Birkenzweigen — und eine dicke Dolde Ebereschen, deren längst verdorrte Blätter mit silberner Tusche gerändert waren, hing wie eine Baumkrone über dem Vogelhausdach.
„Kennst' alles noch?" fragte die Großmutter mit einem wehmütigen Lächeln. Sie war eingetreten und stellte die Kaffetassen auf dem Tisch zurecht. — Plötzlich ging sie in die Ecke und holte Paul des Jüngeren Puppe hervor; dasselbe einbeinige und träumerisch lächelnde Wesen, das Nettchen seinerzeit so gern an die Decke geschleudert hatte und dessen Augen im Laufe der Zeit aus den Höhlen getreten waren und wie Fühlhörner an den langen Stielen hingen. r
(Fortsetzung folgt.)
Vom Heiraten.
Nachdruck verboten.
Die Art und Weise, sich eine Frau zu verschaffen, ist bei den Völkern der Erde sehr verschieden. Hie und da, so bei einigen Jndianerstämmen, findet sich die Anschauung, daß das Weib ein Gegenstand sei, den der Stärkere dem Schwächeren jederzeit nehmen dürfe. Diese Auffassung leitet zu einem Erwerbe des Weibes durch Wettkampf. Bei den Hudsonsbai-Jndianern z. B. war es Sitte, um den Besitz eines Weibes zu ringen. Bei den Chavantes (Süd- Amerika) führt unter mehreren Bewerbern derjenige die Braut heim, welcher einen schweren Holzblock am weitesten tragen oder im Laufe aufraffen und am weitesten werfen kann. Bei mehreren Stämmen der Indios bravos von Peru werden die Jungfrauen als Preis ausgesetzt, und die jüngeren Männer müssen untereinander auf Leben und Tod für sie kämpfen. Die alten Krieger sind dabei die Schiedsrichter. Dem entspricht es im Altertum, wenn Ata- lanta sich dem besteck Läufer ergiebt, oder in Neu-Seeland, zwei Werber das Mädchen je an einem Arme fassen und derjenige es erwirbt, welcher es zu sich hinzieht. Im Aztekenreiche in Mexiko wurde, wenn mehrere sich um ein Mädchen bewarben, die Entscheidung durch eine Art von Duell herbeigeführt.
Auf gewissen Entwickelungsstufen ist der Raub die regelmäßige Form, zu einem Weibe zu gelangen; nament-


