Ausgabe 
29.4.1900
 
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Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Schmetternde Musik, lautes Lachen des Publikums, ungestüme Bravorufe, Welleu und Wogen entfernten Lärmes, der zu der einsamen Gruppe hinüberdrang Versunken in dieser Umarmung, in der sich die Trennung so langer Jahre endlich zu Thränen, zu schluchzenden Worten auflöste, standen sie aneinander gelehnt, und ver­nahmen nichts von dem verworrenen Getön. Nettchen hielt ihre Lippen auf die zerfurchten Greisenhände gepreßt, ihr Arm stützte die schwanke, alte Gestalt. So standen sie lange, bis der kleine Paul, verwirrt von der Szene, beiseite blieb, sich an die Großmutter drängte, und eindringlich seinen Kopf zwischen ihre Kleiderfalten schob da sah ihn Nettchen, kniete nieder vor ihm und legte bittend, fast andächtig ihre Arme um den blonden Lockenkopf, aus dem ihr des Jugendfreuudes schüchterne Augen entgegen­schauten. , , ,

Paul der Aeltere hatte in großer Unruhe den Fort­gang der Vorstellung über sich ergehen lassen. Pauls und der Großmutter langes Fortbleiben ängstigte ihn. Er wäre gern aufgestauden, um ihnen nachzugehen, aber er zitterte davor, dieselben Blicke, welche vorhin so verweisend fernen Sohn getroffen hatten, nunmehr auch auf sich zu lenken. Eine furchtbare Schüchternheit hielt ihn gepackt; die Pro­grammnummer ging vorüber, eine neue begann und neigte sich bereits gleichfalls ihrem Ende, ohne daß er es gewagt hätte fich zu entfernen. Schweiß stand ihm auf der Strrn. Er fühlte daß, so groß seine Sorge um seine beiden An­gehörigen war, es ihm physisch unmöglich fern wurde, stch während der herrschenden, andächtigen Stille aus der drcht- gedrängten Reihe zu erheben, um an allen vorbei nach dem Ausgange zu streben. , .<

Heiße Scham vor seiner eigenen Feigheit erfüllte rhn.

1900.

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as auf das Leben folgt, Deckt tiefe Finsternis;

Was uns zu thun gebühret, Des nur sind wir gewiß.

Dem kann kein Mißgeschick,

Kein Tod die Hoffnung rauben, Der glaubt, um recht zu thun, Recht thut, um froh zu glauben.

Immanuel Kant.

Warum war er hervorgekommen aus seinem verborgenen Winkel er, der das Leben fürchtete, der vor den Menschen zitterte, der sich wie ein Maulwurf ungesehen dahinstahl, der keinen Mut zum Dasein hatte, und zu furchtsam war, um dem geringsten Kampfe in's Auge zu sehen? So war er gewesen von Jugend an damals als ihn noch die Schulkollegen mit seinem kurzen Fuße höhnten, damals als er Nettchen liebte, damals als das Geschäft abbrannte, damals als Johanne starb. So war er und blieb er bis in die kleinen Gelegenheiten hinein, in denen das Leben von ihm die geringste Kraftanstrengung, den kleinsten Be­weis von männlicher Selbständigkeit forderte. Er vermied, er floh den Kampf, und er würde mit den Seinen unter­gehen in der Armut und Hilflosigkeit, die seit dem Unglück über sie hereingebrochen waren, er würde das Geschäft völlig zu Grunde gehen lassen, und sich auflösen in dieser grauen Schwermut, dem dumpfen Zagen und Bangen,

Und staunend, voll bitteren Neides streifte fein Blick all' die lachenden, frohen Gesichter, welche der Manege zu- gewandt waren. Lautes, Helles Gelächter, das so lercht emporflog, und an den dünnen Wänden wiederschallte. Blicke voll Glanz und Leben, und auf den Kindergesichtern ein wahres Schmetterlingsflattern von Lächeln und Ent­zücken. Paul der Kleine trat vor seine geistigen Augen, in seinem stillen Kinderernst, seiner großväterischen Kinderwürde. Und eine unnennbare Angst krampfte des Vaters Herz zusammen.Nein, armes Kind, nicht wie ich sollst Du werden!"

Er war aufgesprungen, wollte hinaus. Da sah er bei der zweiten Tribünenreihe die Großmutter daherkommen, den Knaben an der Hand. Eilig, das Gesicht von einem seltsamen Strahl erfüllt, kam sie näher. Die ungeduldigen Zurufe der Menschen störten sie nicht.

Paul", flüsterte sie, als sie den Platz erreicht hatte, und sich tiefaufatmend neben dem jungen Manne nieder­gelassen hatte.Ich sage es ja immer, der liebe Gott lebt noch, Paul!" Sie faßte krampfhaft seine Hand. Paul blickte ihr besorgt ins Gesicht. Ihre runzligen Wangen waren gerötet, ihre Hände bebten, und in ihren Augen lag ein unruhiger Glanz.

Was ist Dir?" fragte er, indem er die Menschen rings um sich, seine Schüchternheit und seine Angst ver­gaß, und nichts sah, als dieses tief erregte, thränenfeuchte Gesicht.

Da begann schmetternd das Atusikkorps einzusetzen, eine Wolke von Papierschnee senkte sich aus der Höhe der Wöl­bung herab, bunte, bengalische Flammen zuckten in der Manege zwischen eisbedeckten Blöcken und wilden Fels­riffen auf. Nordpolfahrer in weißen Pelzröcken, Eisbären und Erdhütten erschienen blitzschnell aus der Szenerie, und ein pfeifendes, johlendes Geräusch, als brausten Nord-