Ausgabe 
29.3.1900
 
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hatte fortbestehen lassen, und es war gut für die kommen­den Tage, daß sie diese fromme Empfindung nicht verlor.

Als die Großmutter mit Paul die Wohnung erreicht hatte, fanden sie das beste Zimmer strahlend erhellt. Auf dem Sofa vor dem runden Tische saß ein kleiner dicker Herr, dem Johanne soeben ein Glas Wein präsentierte. Paul der ältere kramte hastig in seinem Schreibsekretär, auf dessen Platte verschiedene Papiere lagen. Er sah er­hitzt, belebt und umruhig aus. Als er die alte Frau ein­treten hörte, wendete er sich hastig um:

Da bist Du ja!" rief er, indem er ihr fast stürmisch entgegentrat.Wir wollten Dich damit überraschen, und haben Dir's bis heut verheimlicht, Mütterchen. Doch jetzt sollst Du es erfahren".

Die alte Frau war von dieser rätselhaften Einleitung so schreckhaft überrascht, daß sie sich setzen mußte.

Wir haben ein Geschäft gekauft, Großmutter, das ist es", flüsterte Johanne.

Ein Drogen- und Parfümeriewarengeschäft, verehrte Frau", nahm nun eilig der kleine Herr, der sich aus dem Sofa erhob, das Wort.Ihr Enkelsohn war in der gün­stigen Lage, mit seinem mütterlichen Kapital die lächerlich kleine Einzahlung zu leisten. Da er der Branche bereits so viele Jahre bei Perl u. Comp. en-gros gedient hat, ist es für ihn das einfachste von der Welt, einen Detailhandel zu feiten. Auf diese Weise Verehrte, wird er mit einem Schlage selbständig und sieht einer lukrativen Zukunft ent­gegen."

Bei diesen Worten hätte die alte Frau den Sprecher auf den Mund schlagen mögen. Ihre Augen hefteten sich auf das schlaue, feiste und höflich lächelnde Gesicht, und mit Worten, die sich nur schwer von ihrer Zunge lösten, fragte sie:

Sind Sie der bisherige Besitzer des Geschäftes selbst?"

Nein", entgegnete der kleine Mann, indem er sich etwas hastig verbeugte.Ich bin nur der Agent".

Die alte Frau wandte sich ab.Paul", sagte sie, und ihre Stimme zitterte.Warum hast Du mir von dem allen nichts mitgeteilt. Johanne! Warum hast auch Du mir's verschwiegen? Gott, o mein Gott, mir ahnt es, Ihr seid in Euer Unglück gerannt".--

Der Agent wollte nun eine Flut von Einsprüchen erheben. Aber Paul schnitt ihm das Wort ab, trat zu der alten Frau, die er in einen Stuhl niederzog, und nun begann er fieberhaft zu reden.

Die Acquisition wäre hie beste von der Welt, das sei doch klar. Durch die Zahlungsunfähigkeit des vor­herigen Inhabers, eines leichtsinnigen Nichtsthuers, der das' große und lukrative Geschäft auf die unerhörte Weise vernachlässigt habe, sei diese Drogerie in Konkurs gekommen, und durch Herrn Silber, den Agenten, zu einem wahren Spottpreis zum Verkauf angeboten worden. Der Kaufpreis ein lächerlicher, die ganze Sache förmlich auf der Straße gefunden"

Mach keinen Quatsch", unterbrach die alte Frau die enthusiastische Schilderung Pauls.Ich erkenne Dich kaum wieder. Die Spekulationswut, der größte Teufel unter Gottes Sonne, hat Dich erfaßt. Ich brauche nur den Herrn dort anzusehen, und ich weiß, mein Kind, Du bist verloren".

Der Agent hatte seinen Hut ergriffen und stellte sich dreist in Positur.

Madame", sagte er, indem er ein bedauerndes Lächeln um seine Lippen spielen ließ,Sie werden mir noch im Geiste diese raschen Worte abbitten, die ich Ihrer augenblicklichen, leichtbegreiflichen Besorghäit um das Wohl Ihrer Kinder zuschreibe. Wenn die Firma Brinkmann und Comp. in der Großbeerenstraße sich einen Weltruf erworben haben wird, werden Sie an mich zurückdenken".

Und wer soll dieComp." sein?" fragte die Groß­mutter, in deren Augen Thränen ohnmächtigen Zornes traten.

Du, liebste Mutter", sagte Johanne sanft.Wir haben den Wirtschaftszuschuß, den Du uns alle Jahre in Form Deiner Staatspension giebst, seit unserer Hoch­zeit beiseite gelegt, und nun die Summe mit ins Geschäft gesteckt. Den Anteil auf Konto dieser Summe erhältst Du schon nach dem ersten Jahr".

Ihr habt den Verstand verloren", sagte die alte Frau. Bleich, an allen Gliedern zitternd, ließ sie sich auf ihren Lehnstuhl nieder.

Noch eben hätte sie vor Omnibussen gebebt, vor den Wagenrädern da draußen, und inzwischen waren hier drinnen schwerere, grausamere Wagenräder über das Glück ihrer Lieben hinweggegangen. Diese beiden schüchternen Menschen, Paul und Johanne, hatten sich in den Kampf mit der grausamen Existenznot geworfen.

Wie viel hast Du für dasGeschäft" bezahlt?" fragte sie, indem sie dem sich empfehlenden Agenten einen Blick der Vernichtung zuwarf. Paul berichtete verwirrt, daß er all sein mütterliches Geld, die ganzen 10 000 Mark hingegeben hatte.

Und die 500 Thaler Pension, sind 11500 Mark", rechnete die Großmutter mit schwerer Zunge.O Sohn, Du hast mir seither keinen Kummer gemacht, von Deinen Kindesbeinen an; aber dieser wiegt alle schlimmen Stunden, die Du mir bislang erspart hast, auf".--

Es dauerte lange, ehe sich die Großmutter soweit beruhigt hatte, daß sie der dringenden Bitte Pauls, das Geschäft doch wenigstens in Augenschein zu nehmen, keinen Widerstand mehr entgegensetzte.Also führt mich hin zum Schaffst", sagte sie bitter, und so widerwillig wie noch nie im Leben, setzte sie den altmodischen Kapotthut auf, nahm die Mantille um und machte sich mit ihren Kindern auf den Weg.

Nach wenigen Minuten waren sie bis an die Halte­stelle der Pferdebahn gelangt, die sie bis zum Halleschen Thor benutzen mußten. . Denn dort, im äußersten Ende des Südwestens, in der Großbeerenstraße, lag das neu erworbene Geschäft.

Als die Großmutter von der weiten Reise erfuhr, die man zurückzulegen hatte, steigerte sich ihr Grimm aufs äußerste. Die Thorheit, in jener flauen, stillen, vom Getriebe des Geschäftsverkehrs so weit entfernten Gegend einen Laden aufzumachen, schien ihr so himmelschreiend, daß sie keine Worte mehr, nur noch dumpfes Gemurmel fand, in dem sie ihren Seelenschmerz zum Ausdruck brachte.

Nach fast einstüudiger Fahrt verließen sie die Pferde­bahn am Endpunkt der Linie und schritten schweigsam die kleine Ecke bis zur Großbeerenstraße hinab.

Zu jener Zeit war der Kreuzberg noch ein kahler, grotesker Sandhügel, ohne alle die Wunder der Gartenbau­kunst, welche die neueste Kultur über seine traurigen Flächen gebreitet hat. Wo jetzt Wasserfälle rauschen, Fels­grotten winken, !und bunte, glühende Blumen aus dem südlichen Dickicht' der Pflanzen auftauchen, war damals nichts als Sand, gelber, undurchdringlicher, staubiger Sand, ein Stück Sahara am Eingang des stolzen, südwest­lichen Berlin. Es war Abend geworden, der Mond be­leuchtete die bergige Fläche, und die Großmutter, welche diesen kahlen, langgedehnten Hügel zum ersten Male sah, erschauerte vor dem öden Anblick, und in ihrer Phantasie malte sich die Vorstellung, daß dicht hinter dieser Gegend eine unwegsame, -kulturlose Wüste beginnen müsse, von welcher für eine Drogenhandlung und deren pekuniäres Gedeihen auch nicht das geringste zu erhoffen sei.

Der Laden, den Paul jetzt mit Hilfe eines mächtigen Schlüsselbundes öffnete, war finster und vielfach verram­melt, aber als nun der Gashahn aufgedreht war, und das ruhige gelbe Licht über das Interieur herniederfloß, da sah es ganz Anheimelnd in dem großen Raume aus. Die bis an die Decke reichenden Regale waren in schöner, weißer Farbe mit blauen Linien gehalten, Hundeköpfe mit symmetrischen Mähnen schlossen jedesmal ein Viereck ab, und messingne Möpse an jeder Kastenthür gaben dem Ganzen einen metallischen, lebhaften Glanz. In riesigen Glasbüchsen standen auf dem Ladentische allerlei ins Fach schlagende Dinge, Seifen, Haushaltungspräparate, Nagel-, Zahn- und Fingerbürsten, Kasten die mit Schwämmen, andere die mit Schminken, Puderquasten, Pasten rc. an­gefüllt waren.

Wie Schlinggewächse 'hingen aus den Ecken der Wände Luffah's und gekräuselte Waschlappen herab, in breithalsi­gen Glaskruken leuchteten violette und smaragdfarbene Flüssigkeiten, Besen, Bürsten, Staubwedel aus. bunten Hahnenfedern, zierliche Tonnen voll Fett und Oel, offene Blechbüchsen Lakritzen, Süßholz, Malzbonbons, und Säcke