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fast fdjion unter den Rädern des Wagens lag, das Leben gerettet, unbekümmert um die Gefahr, der Sie selber dabei ausgesetzt waren. Das ist unter allen Umständen eine schöne und bewundernswürdige That, wie sehr Ihre Bescheidenheit sich jetzt auch bemühen mag, sie zu verringern." (Fortsetzung folgt.)
Schnelle Sühne.
Von E. Römer.
Nachdruck verboten.
Von einem Bukarester Kunden meines Hauses, einem Herrn Athanassio, war eine Depesche des Inhalts gekommen, daß er seinen Konkurs anmelden müsse, wenn ein von ihm angestrebter außergerichtlicher Vergleich auf 25 Prozent nicht umgehend angenommen werde. Da die Forderung meines Hauses eine ziemlich große war, so schien es sich zu lohnen, die Sachlage einmal in der Nähe zu betrachten, und hauptsächlich zu diesem Zweck befand ich mich nun eben in Bukarest.
Mein Weg führte mich in die Strada Lipscani" (Leipziger Straße), wo weitaus die meisten „Lipscani" (Leipziger) d. h. diejenigen Manufaktur-Grossisten, die ihre Waren vorherrschend aus Deutschland beziehen, ihre Geschäftslokale hatten, und wo auch Herr Athanassio zu finden war.
Ich trat ein. Ein einziger Blick auf die dürftigen Warenvorräte belehrte mich-, daß der Mann die „Pleite" bereits trefflich .vorbereitet hatte; es lagen kaum noch zwanzig oder fünfundzwanzig Stück Ware in den Fächern!
Den Versuch, diese paar Stück für mein Haus mit Beschlag belegen zu lassen, machte ich- gar nickst erst; denn der Erlös daraus würde nur ein Tropfen auf einen heißen Stein gewesen sein.
Ein Anderes erschien mir als weit wichtiger: herauszubringen, ob der Mann nicht etwa den besseren und größeren Teil seines Warenlagers sowie sonstige Werte in betrügerischer Weise bereits beiseite geschafft habe. Aber wie das machen? Wem da bekannt ist, welche Schwierigkeiten mit der Lösung einer derartigen Aufgabe schon in Fällen verbunden sind, wo einem genügende Orts- und Gesetzkenntnis, sowie volles Vertrautsein mit der betreffenden Landessprache zur Seite stehen, der wird begreifen, daß ich, der ich damals das erste Mal nach Bukarest kam und kein Wort rumänisch verstand, nicht eben sonderlich zuversichtlich war. Gleichviel ging ich, mit leidlichem Mut ans Werk.
Zunächst machte ich Bohrversuche an dem Manne selbst. Aber das erwies sich als fruchtloses Beginnen; denn der Herr übertraf an Härte noch den Granit. Bald ging ich mißmutig wieder von dannen.
Wohin nun aber? Ich suchse einige Konkurrenten Athanassios auf; es schien mir nicht unmöglich, durch ein paar kleine freundschaftliche Konkurrenz-Indiskretionen den schlimmen Schleier ein wenig gelüftet zu erhalten. Aber auch damit wars nichts; die Herren zuckten nur bedauernd die ■ Achseln und ließen durchblicken, daß die „schweren Zeiten" wohl demnächst noch mehr Opfer fordern würden. Also auch hier wieder: rückwärts, Don Rodrigo!
Ich. wanderte weiter, zu bekannten Agenten, Bankiers und Advokaten — umsonst! Worte, Worte überall, aber keine helfende Hand.
Endlich — es ging schon stark auf den Abend zu — führte mich mein guter Stern, oder vielleicht auch nur meine unverdrossene Ausdauer, zu einem als sehr unzugänglich verschrieenen Agenten für große Häuser — einem biederen Sohn des schönen Schwabenlandes. Der Mann saß mir armen deutschen Landsmann gegenüber anfangs gar gewaltig auf dem hohen Roß> schimpfte wie ein Rohrspatz auf die „dumme Leipziger" (womit er natürlich alle Deutschen meinte), und behauptete allen Ernstes, daß kein Deutscher auch nur im allergeringsten für den Handel tauge — ausgenommen den Handel mit altem Käse. Dabei machte der Mann aber selbst ein so enormes Geschäft — wenn auch leider, wie gesagt, nur für englische Häuser —, daß ich seinen unpatriotischen Ausfall gegen die deutschen Kaufleute beim besten Willen nicht ernst nehmen, sondern mich eines Lächelns darüber nicht erwehren konnte.
„Ja, es ischt so!" eiferte er weiter, wie er mein Lächeln
bemerkte. „Soldate könnt ’r schpiele, exerziere könnt 'r, aber sonscht weiter nix. Und wenn de Karre verfahre ischt, dann kommt ’r gelaufe. Geht, lascht mich zufriede!"
Diese etwas unhöflich klingende Aufforderung war, wie ich nicht undeutlich! herauszuhören glaubte, keineswegs ganz ernsthaft gemeint, und so entsprach ich ihr denn auch nicht; ich ging dem Herrn vielmehr auf sanften Sohlen hübsch um den Bart herum, und nicht lange dauerte es, da sah ich meine Ausdauer und Selbstverleugnung vom schönsten Erfolg gekrönt: Der brave Schwabe lenkte ein, streifte langsam die schillernde Schlangenhaut des Halb- Engländers ab und stand nun schmunzelnd in seiner wahren Gestalt, und zwar in der eines gutherzigen, feuerfesten Süddeutschen vom echten Schrot und Korn vor mir.
Na, wissen S' wasch? Kommen S’ morgen in der Früh wieder. Mer wolle dann sehe, wos sich mache läscht." Mit diesen Worten schob er mich in höchst komischer Weise zur Thür hinaus.
Wer war froher als ich? Der Mann wußte offenbar viel, was mir nützen konnte, und das flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein. Kaum konnte ich den nächsten Morgen erwarten. Mit dem Glockenschlage acht trat ich auss neue bei dem Agenten ein.
„Mer wolle nit erseht lang verhandle — glei fort wolle mer." Mit diesen Worten begrüßte mich der Mann, und gleich darauf drängte er mich; auch wieder zur Thür hinaus. Als wir auf der Straße waren, schwäbelte er wieder los:
„Ae Malefizspitzbub, der Athanassio! Was wolle Se denn? Der Kerl hat bei ’nem Advokate 20000 Dukate versteckt!"
„Der Athanassio?"
„Na, wer denn sonscht? Und den Advokate wolle mer jetzt besuche."
„Und Sie glauben, daß dieser — ?"
„Nix glaub' ich —. mer wolle blos sehe." — —
Der Advokat wohnte gleich in der Nähe und war aud} zu Hause. Der Agent sprang, wie’s schien, sofort mitten in die Sache hinein, und die äußerst lebhaft geführte Unterhaltung zwischen beiden dauerte ziemlich lange. Leider nur verstand ich kein Wort davon; denn sie wurde in der mir ganz ungeläufigen Landessprache — also auf rumänisch — geführt. Der langen Rede kurzer Sinn ist aber, wie mir der Agent später erzählt hat, einfach der gewesen, daß dem Advokaten dessen ungesetzliche Machenschaft mit dem Athanassio’schen Depot ohne weiteres auf den Kopf zugesagt und mit Veröffentlichung der ganzen Geschichte energisch gedroht worden ist, worauf dann der Anwalt allmählich eingelenkt und schließlich, in die Herausgabe des meinem Hause zukommenden Betrags unter Einhaltung gewisser gesetzlicher Förmlichkeiten gewilligt hat. Und richtig zahlte mir denn auch der Herr einige Stunden später fast die ganze Summe in vollwichtigen Dukaten aus — nur fünf Prozent Gebühren behielt er zurück. Wird man mir glauben, daß ich fortan den Kopf um wenigstens fünf Zoll englisch höher getragen habe?
Es ist etwa zehn Stunden später — so gegen sieben Uhr.des Abends. Ich sitze im Hotel auf meinem Zimmer und schreibe; es war mir als eine Art Bedürfnis erschienen, mich und meine Thaten dem Haus gegenüber möglichst schnell in eine recht wirksame Beleuchtung zu bringen, und so hatte ich mich; denn soeben an die Abfassung eines entsprechenden Berichtes gemacht.
Da klopfts eben an der Thür; herein! Die Thür geht auf und in ihr erscheint — Herr Athanassio!
Mir stieg ein wenig das Blut in die Schläfen, und mit leisem, nervösem Zittern legte ich unwillkürlich die Feder weg.
„Guten Abend, Herr Römer!" sagte Herr Athanassio. Dann kehrt er sich an der Thür um, schließt diese ab und schiebt langsam den Schlüssel in seine Paletottasche.
Was sollte das bedeuten? Ich fühlte deutlich wie meine Nerven zu zittern begannen. Kam der Herr, um mir die schönen Dukaten wieder abzujagen? Die hate ich zum Glück schon nicht mehr; in Gestalt von kurzen Wechseln, die ich für das Gold gekauft, waren sie seit mehreren Stunden bereits nach Deutschland unterwegs. Und mein Leben? Pah — das würde man nötigenfalls noch! zu verteidigen wissen! Also nur hübsch rnhig, mein Junge!


