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berg, habe ich wenig Verwendung. Es ist Zeitvergeudung, mich damit zu bedenken. Und nun, Jöa ich Ihnen meine Gründe angedeutet habe, lassen Sie uns ohne viele Redensarten zum Schluß kommen. Sie werden also thun, um was ich Sie vorhin 'ersuchte?"
„Ich kann nicht. Mein Rechtsgefühl — meine Menschlichkeit lehnt sich gegen einen so abscheulichen Gedanken auf."
Sandory sah sich um, als ob er einen hinter thrn Stehenden suche. „Entschuldigen Sie, aber ich konnte mir wirklich nicht denken, daß diese schönen Worte für mich bestimmt seien. Daß sie sich mir gegenüber jemals auf Ihr Rechtsgefühl berufen würden, hatte ich wahrhasttg nicht erwartet."
„Verhöhnen Sie mich immerhin! Ich bin in den schrecklichen Wochen seit Ihrer Rückkehr fast schon unempfindlich geworden für diese tückischen Dolchstöße, die Sie gegen einen Wehrlosen führen. Aber versuchen Sie wenigstens nicht, mich aufs neue in den Sumpf hinab zu zerren, aus dem ich mich mit Darangabe meiner halben Lebenskraft empor gearbeitet habe."
Rudolf Sandory zog seine Taschenuhr. „Meine Zeit ist gemessen, darum wollen totr’g, kurz machen. Ich will Ihren humanen Empfindungen insoweit Rechnung tragen, daß ich Ihnen feierlich verspreche, nicht nur jeden Schaden zu ersetzen, der Jhnech etwa aus einer Unterschlagung des Herrn Sigismund Ruthardt entstehen könnte, sondern den jungen Mann auch noch obendrein vor dem Gefängnis und vor allen sonstigen schlimmen Folgen zu bewahren, wenn er wirklich nicht stark genug sein sollte, der Anfechtung - zu widerstehen. Machen Sie nun aber, bitte, keine weiteren Einwendungen mehr! Hinsichtlich der Ausführung meines kleinen Planes haben wir uns doch« wohl verstanden. An dem nämlichen Tage, an dem ich Sie mündlich oder schriftlich verständigt haben werde, ^daß es Zeit ist, werden Sie dem jungen Ruthardt eine Summe von dreitausend Mark einhändigen, die er irgendwo einzuzahlen hat, deren Bestimmung aber eine solche sein muß, daß eine Unterschlagung seiner Meinung nach mindestens ein paar Wochen lang unentdeckt bleiben würde. Nur wenn er sich ganz sicher fühlen darf, die Lücke noch« nach« acht oder vierzehn Tagen ohne Furcht vor früherer Entdeckung wieder ausfüllen zu können, hat das ganze Unternehmen für mich überhaupt einen Zweck. Ihrem Scharfsinn wird es ja ein Leichtes sein, die geeignete Form dafür zu finden; hat er doch schon in ungleich schwierigeren Lagen das Rechte zu treffen gewußt."
„Und wenn ich« von alledem nichts thue?"
Sandory war bereits aufgestanden. Er hatte Hut und Stock in« der Hand, und jetzt zum ersten Male erschien wieder das alte Lächeln auf seinem Gesicht.
„Auf müßige Fragen, zu antworten, ist müßig, lieber Freund! Sie werden es eben thun, das ist ja ganz selbstverständlich. — Aber, a propos, sagen Sie mir doch, wer der lange dürre Kerl war, der gerade bei meinem Eintritt hier aus Ihrem Kontor heraus kam? Ein Waldenberger war es doch« wohl nicht?"
„Nein! Es war ein Privatgelehrter aus Hamburg, der das dortige Klima nicht mehr vertragen kann und sich aus Gesundheitsrücksichten hier in Waldenberg niederzulassen gedenkt. Er wünschte von mir darauf hin einige Auskünfte und Ratschläge zu erhalten."
„So? Ein vermögender Mann?"
„Es hat den Anschein. Uebrigens war er mir ganz fremd, und ich weiß nichts näheres über seine Verhältnisse."
„Nun, wenn er hier bleibt, wird man ja sehen, ob es der Mühe wert ist, seine Bekanntschaft zu machen. Er hatte kein übles Gesicht, und ich fange allgemach an, mich nach dem Umgang mit einem intelligenten Menschen zu sehnen."
Er nickte dem Bankier so freundlich zu, als hätten sie einander während der letzten zehn Minuten nur die angenehmsten Dinge gesagt, und entfernte sich durch die auf den Treppenflur führende Thür, die er auf Norren- bergs ausdrücklichen Wunsch als der einzige von allen Besuchern benutzte.
Der helle Sonnenschein eines klaren Frosttages em
pfing ihn draußen. Und er war kaum ein paar hundert Schritte gegangen, als er einer wohlbekannten zierlichen Mädcheugestalt in eng anschließendem Pelzjäckchen ansichtig wurde. Sie ging vor ihm her wie an jenem Tage, wo er sie zum ersten Male in den Villenstraßen des neuen Stadtviertels gesehen hatte, und wieder wie damals beeilte er sich, sie einzuholen.
„Guten Morgen, Intern Fräulein!" redete er sie an. „Ist es unbescheiden, wenn ich mich erkundige, ob meine kleine Sendung das Glück gehabt hat, Ihren Beifall zu finden?" t
Margarete hatte den Gruß erwidert, ohne sich durch die Begegnung sonderlich überrascht oder erfreut zu zeigen.
„Die Sachen, die Sie mir für meinen Verkaufsttsch geschickt haben, Herr Sandory, sind ganz reizend. Hoffentlich wird es mir zum Besten der armen Kinder gelingen, einen recht beträchtlichen Erlös« dafür zu erzielen."
Offenbar war es ihm viel weniger um irgend welche Anerkennung, als um die Anknüpfung eines Gespräches zu thun gewesen; denn jetzt, da er diesen Zweck erretcht hatte, lenkte er die Unterhaltung, rasch von seinen Geschenken auf das nahe bevorstehende Fest hinüber, für dessen Einzelheiten er sich sehr lebhaft zu interessieren toten. Margarate gab ihm zwar bereitwillig Antwort auf seine Fragen, aber ihre Auskünfte waren doch zumeist ziemlich kurz gefaßt, und als sie sich einer Straßenkreuzung näherten, verlangsamte sie ein wenig ihren, Schritt, wie um dadurch anzudeuten, daß sie sich dort von ihrem Begleiter zu trennen wünsche.
Da ereignete sich etwas, das sie mit einem Male bestimmte, ihr Benehmen vollständig zu ändern. Aus einem Hause, von «dem sie nur noch wenige Dutzend Schritte trennten, waren zwei Herren getreten, die ihnen jetzt langsam entgegenkamen. Der eine war ein kleines, mageres Männchen, das die Sechzig wohl schon überschritten hatte. Er hatte ein spitziges, verkniffenes Gesicht und bewegte beim Sprechen, in sehr lebhafter, nervöser Weise beide Arme. Der andere aber, den man übrigens dem Aussehen nach schwerlich für seinen Sohn gehalten haben würde, war Doktor Walther Sartorius. Allem Anschein nach standen sie im Begriff, eine starke Meinungsverschiedenheit gegen einander zu verfechten; denn auch das Gesicht des jungen Arztes zeigte eine unverkennbare Erregung. Und so ganz waren sie in ihre leidenschaftliche Auseinandersetzung vertieft, daß sie trotz der kurzen Entfernung die Entgegenkommenden nicht sogleich gewahrten. Margarete aber hatte sie ohne jeden Zweifel schon im ersten Augenblick erkannt. Der rasche Wechsel der Farbe auf ihren. Wangen würde es verraten haben, auch wenn nicht jene seltsame uttd auffällige Veränderung in ihrem Benehmen eingetreten wäre. Mit einer Wärme, von der sich bisher nichts in ihrem Wesen gezeigt hatte, wandte sie sich plötzlich ihrem Begleiter zu. Ihre Augen blitzten, und jeder, der sie jetzt ansah, mußte den Eindruck gewinnen, daß ihr das Geplauder mit dem eleganten Fremden außerordentliches Vergnügen bereite. Selbst ihre Stimme hatte mit einem Male einen anderen Klang gewonnen, und Sandory durfte wohl einigermaßen überrascht sein, da sie ganz unvermittelt sagte:
„Wissen Sie denn auch, daß Sie seit vorgestern der Löwe des Tages hier in Waldenberg sind? Man hört ja kaum von« etwas anderem reden, als von Ihrer Helden- that!"
„Von meiner Heldenthat, Fräulein Ruthardt? Sollte da nicht am Ende eine Personenverwechslung im Spiele sein?"
„O nein! Sie haben wirklich« keinen Grund, sich gegen die Anerkennung zu sträuben, die man Ihrer mutigen Handlungsweise zollt. Der Vorfall wird ja heute int Morgenblatt von einem Augenzeugen ganz ausführlich beschrieben."
„O weh — auch' das uioch !Uud dies alles, weil ich einem Pferde in die Zügel gefallen bin, das, auch ein vierzehnjähriger Junge hätte zum Stehen bringen können? Man scheint in Ihrer guten Vaterstadt sehr freigebig umzugehen mit seiner Bewunderung."
„Sie haben durch Ihre Tapferkeit einem Kinde, das


