(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Siebentes Kapitel.
„916er das wäre ja eine bodenlose Niederträchtigkeit! Ich muß mir solche Zumutungen denn doch ein für alle- male verbitten."
Mit einem Nachdruck, wie er ihn dem ehemaligen Genossen gegenüber nur selten in seine Rede zu legen wagte, hatte Franz Norrenberg diese Worte gesprochen. Sein Gesicht war gerötet, und seine zitternden Hände zupsten nervös an der Krawatte. Jene Erregung, die ihn jedesmal überkam, wenn er Rudolf Sandorys hohe Gestalt in sein Privatkontor eintreten sah, hatte auch heute, und zwar augenscheinlich in erhöhtem Maße, von ihm Besitz ergriffen.
Doch auch der andere war nicht in seiner gewohnten, gleichmütig liebenswürdigen Laune. „Verbitten Sie sich's meinetwegen", sagte er beinahe grob, „aber haben Sie gleichzeitig auch die Gefälligkeit, nach meinen Wünschen zu handeln! Ihre zarten Bedenklichkeiten sind lächerlich. Ich möchte wahrhaftig wissen, was daran so bodenlos Niederträchtiges sein soll."
„Nun, mit welchem anderen Namen wollen Sie eine Handlungsweise belegen, die darauf hinausgeht, einen ehrenhaften, jungen Menschen zum Verbrecher zu machen?"
„Erlauben Sie, Verehrtester, das ist eine grundfalsche Auffassung! Sind Sie nicht sogar gewissermaßen dazu
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fen Kopf empor, das Herz gestählt! Noch ist dein Leben nicht verfehlt. Verscheuche nur die Sehnsuchtsträume, Verlaß die alten Moder-Räume, Ermanne dich und schüttle ab Den Staub von deines Glückes Grab! Rings lockt die Ferne übermächtig Nach Ländern, fremd und farbenprächtig! Fern von vergang'ner Tage Spur, In daseinsfroher Urnatur, Kannst du aus Kleinmut dich erheben Zu neuem Kampf und neuem Streben. Die Welt ist groß, die Welt ist weit . . . Versuch' eS und entflieh dem Leid.
Maximilian Bern.
verpflichtet, die Zuverlässigkeit Ihrer Leute auf die Probe zu stellen? Wenn dieser junge Ruthardt wirklich! so ehrenhaft ist, wird er die Probe ja glänzend bestehen und rein wie ein Engel aus der Versuchung hervorgeheu. Sollte er aber unterliegen, so fällt die Verantwortung für seine Charakterschwäche doch nicht aus Sie."
„Aber icty wiederhole Ihnen, daß seine Rechtschaffenheit für mich keiner Prüfung bedarf, und daß ich nicht den geringsten Anlaß habe, ihn in Versuchung zu führen. Ich sehe, daß Sie aus irgend welchen unbegreiflichen Gründen die Absicht haben, den jungen Mann zu verderben, und ich lehne es mit aller Entschiedenheit ab, Ihnen bei einem solchen Beginnen Handlangerdienste zu leisten."
„So lassen Sie sich zur Beruhigung Ihres empfindlichen Gewissens gesagt sein, daß die Person Ihres Volontärs bei der ganzen Sache für mich ohne jedes Interesse ist, und daß mir durchaus nichts daran liegt, ihn zu verderben. Nicht um diesen unbedeutenden Jüngling handelt sich's für mich, sondern um feinen Vater. Den unnahbaren Herrn Doktor will ich in meine Hand bekommen. Ich! will ein sicheres Mittel haben, seinen Hochmut zu beugen!. Und ich bin nach reiflicher Ueberlegung zu der Erkenntnis gekommen, daß gerade dies das geeignetste wäre."
„Ihre Pläne werden mir immer unverständlicher. Und Sie beurteilen den Mann offenbar ganz falsch Was man, auch immer an ihm auszusetzen haben mag, den Vorwurf des Hochmuts hat er gewiß nicht verdient."
„Vielleicht ist er es nicht gegen andere; mir gegenüber aber hat er sich hochmütig gezeigt, und ich bin nicht gesonnen, das zu dulden. Während der ganzen Dauer meines Hierseins habe ich mich unablässig bemüht, mir die Thüren dieses Doktorhaüses zu erschließen. Ich habe es mich verhältnismäßig große Summen kosten lassen und bin auf alle menschenfreundlichen Launen des Herrn Doktors eingegangen, um ihn für mich zu gewinnen. Und mit welchem Erfolg? Während sich alle anderen guten Familien der Stadt heute bereits glücklich schätzen, mich unter ihren Gästen zu sehen, bleibt mir dieses einzige Haus hartnäckig verschlossen, und der aufgeblasene Herr behandelt mich bei zufälligen Begegnungen von oben herab wie einen hergelaufenen armen Teufel. Da möchte ich mir denn sehr gern die Möglichkeit verschaffen, bei passender Gelegenheit aus einer anderen Tonart mit ihm zu reden."
„Weshalb aber legen Sie gerade auf einen Verkehr mit der Familie Ruthardt so großes Gewicht? Ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen schon bei unserer ersten Unterredung sagte: das ist kein Mann für Sie, und Sie thäten viel besser, ihm aus dem Wege zu gehen."
„Für derartige gute Ratschläge, mein bester Norren-


