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aufrichtig diese Freundschaft ist! Aber warum mußten Sie sie gerade auf diese Probej stellen, warum gerade auf diese?"
„Das sind, wie mich dünkt, gar wohlfeile Phrasen, Herr Leutnant! Und ich will es besser unausgesprochen lassen, was ich darüber denke. Auch ist zu müßigen Wortgefechten jetzt keine Zeit. Drüben in meinem Zimgier wartet ein Unglücklicher in Todesängsten, daß ich ihm Kettung oder Verderben bringe. Nun, da ich Ihre tugendhaften Grundsätze kenne, wäre es nutzlose Grausamkeit, ihn noch länger in seiner Ungewißheit zu lassen."
Ihr junges Antlitz war von einer statuenhaften Starrheit. Sixtus von Plothow sah, daß die Qualen und Kämpfe einer einzigen Stunde das sorglose Kind hatten zum Weibe reifen lassen. Und er sah auch, daß der Groll, den sie jetzt gegen ihn empfand, ein unversöhnlicher sein .würde, wenn er sie so von sich gehen ließ. Ein wilder Zwiespalt wühlte in seinem Herzen, der Zwiespalt zwischen seinem Pflichtgefühl und seiner Liebe, deren er sich nie zuvor so klar bewußt geworden war wie in diesem entscheidungsschweren Augenblick.
(Fortsetzung folgt.)
Vom Durst und vom Trinken.
Von Dr. AlbertLüders.
Nachdruck verboten.
Wenn der Dichter sagt:
So lange nicht den Bau der Welt Philosophie zusammenhält. Regiert das Weltgetriebe Der Hunger und die Liebe
so gehört er jedenfalls nicht zu denjenigen, welche klagend ousrufen: „Man spricht vom vielen Trinken, doch me vom großen Durst" und macht sich, soweit er die hervorragendsten Bedürfnisse des Menschen erwähnt, in der That einer groben Unterlassungssünde schuldig; denn das Gefühl des Durstes ist ungleich quälender und erheischt viel dringender Befriedigung als der Hunger. Wer nicht von gar zu schwächlicher Konstitution ist, kann ohne Gefährdung seiner Gesundheit, wenn es ihm sonst Vergnügen macht, getrost einmal 3 oder 4 Tage hungern, und die Beispiele von Hungerkünstlern wie Succi und von verschütteten Bergleuten beweisen, daß, wenn nur Wasser zur Stillung des Durstes vorhanden ist, der absolute Mangel an Nahrung trotz der quälenden psychischen Vorstellungen, die aus einen im Schoße der Erde Begrabenen einstürmen, eine bt» Mehrere Wochen ertragen werden kann, während die Entziehung des Wassers jedes Geschöpf mit Ausnahme der niedrigsten Lebensformen binnen kurzer Zeit dem Tode in seiner qualvollsten Form überantwortet.
Einen Menschen verdursten zu lassen, war eine der raffiniertesten Hinrichtungsarten, die man im Mittelalter praktizierte und die noch heute bei den laugbezopsten Herren am Hoangho und Yangtsekiang in Hebung ist. Es bemächtigte sich daher ein gerechter Unwille des Publikums als vor kurzem bekannt wurde, daß in einet Hinversitachstadt -Mitteldeutschlands ein junger Kliniker einem an diabetes insipidus leidenden Kranken den Wassergenust entzogen hatte dessen Entbehrung derartigen Leidenden schon /binnen wenigen Stunden ganz unerhörte Qualen bereitet und sogar Lebensgefahr bringt.
Daß das Bedürfnis nach Flüssigkeit sich in so heftiger Weise geltend macht, hat seinen guten Grund; denn es fmd nicht nur die Nieren, welche fortwährend Flüssigkeit ab- fondern, sondern mehr als die Hülste alles aufgenommenen Getränkes wird durch die Lungenatmung ausgeschieden und -verläßt auf dem Wege der Hauttransspirativn den Körper. Wenn-daher nicht eine fortwährende Ergänzung des Wa,ser- verlustes stattfindet, dicken sich die Körpersafte, und zwar nicht nur das Blut, sondern auch die Lymphslustigkeit derartig ein, daß schließlich unter Erscheinungen,die auf eme Vergiftung des Nervensystems deuten, der Tod emtntt Bei geringeren Graden von Wassermangel macht sich em unangenehmes Gefühl in der Schleimhaut des Mundes und des Schlundes bemerkbar, wahrend die Mundhöhle trocken und die Schleimabfondernng vermindert ist. Er- iolgt keine Stillung des Durstes, so roten sich allmählich
die Schleimhäute des Mundes und des ganzen Verdauungs- kanals, die Sprache wird heiser, das Schlucken beschwerlich, und der Puls nimmt ein Fiebertempo an; die Augen entzünden sich, und während der Körper schwach und hinfällig wird, bemächtigt sich des Nervensystems eine ungeheure Reizbarkeit. Es folgen Delirien und Paroxysmen, Jrre- reden und Krämpfe, und endlich macht der Tod dem gemarterten Menschenleben ein Ende.
So ungefähr verläuft das Verdursten, wie es in den Wüsten Afrikas und Australiens schon ost Tiere und Menschen ereilt hat und wie es ohne Zweifel bei der Tollwut der Hunde eine große Rolle spielt. Aber auch wer, vollsästig und zum Schwitzen neigend, stundenlang int Gebirge geklettert ist, ohne sich an einem frischen Quell laben zu können, wird einen Vorgeschmack der Höllenqualen des Durstes bekommen haben!
Menschen von schlankem Wuchs und leichtem Gewicht, die nicht körperlich schwer arbeiten, können ihren Wasserbedarf wohl mit zwei Liter befriedigen. Wenn aber Lehrbücher der Physiologie dieses Quantum als Normalmaß hinstellen, so ist das nur ein Beweis für die schrullenhafte Gleichmachungssucht vieler Herren Stubengelehrten, die, obwohl sie im Dienste der menschlichen Gesundheit thatig zu sein glauben, den wirklichen Verhältnissen des Lebens fern stehen. Denn, wenn man von den vertrockneten Männlein und Weiblein absieht, die mit dem Schneidergewicht von höchstens 99 Pfund durchs Leben laufen, so trinken die meisten Menschen bedeutend mehr, wovon sich, jeder selbst überzeugen kann, wenn er seinen täglichen Flussig- keitskonsum, bei dem natürlich Kaffee, Thee, Suppen usw. und der Wassergehalt der Speisen mitberücksichtigt werdest müssen, gewissenhaft zusammenrechnet. Bei Menschen mit lebhaftem Stoffwechsel steigt ober namentlich, wenn sie m einem heißen und trockenen Klima leben, die Menge des genossenen Getränkes bedeutend, und es ist durchaus nicht zu hoch gegriffen, wenn Reisende den Flüssigkeitskonsum in den äquatorialen Wüstengegenden auf täglich mindestens 12 Liter angeben.
Was im Vorstehenden beschrieben wurde, ist der natürliche Durst, wie ier dem Menschen mit den Tieren gemein» fam ist und eine Notwendigkeit zur Erhaltung unseres irdischen Leibes bildet. Daneben aber existiert der künstliche Durst, nämlich das unbezähmbare Verlangen, welches dem Menschen von den tiefsten Kulturstufen angefangen, innewohnt, seiner Kehle und seinem Magen Getränke zuzuführen, die an sich keine zum Lebensunterhalt notwendige Nahrung sind, aber als Reizmittel und Genußmittel überall verlangt und verbraucht werden.
Wenn man die Mitglieder der Heilsarmee und anderer Enthaltsamkeits-Vereine über den Genuß eines Glases Sier oder Wein zetern und lamentieren hört, als ob die ewige Selig! !t des Betreffenden, alkoholische Getränke konsumierenden, lasterhaften Menschenkindes auf dem Spiele stände, so fragt man sich eben doch erstaunt, wie es kommt, daß das Ebenbild Gottes allüberall seine Lebensgeister künstlich durch gegorene Getränke anfeuert. Es kann ohne weiteres zugegeben werden, daß der Alkohol in jeder Gestalt für viele Menschen ein Gift ist, dem fte am besten gänzlich entsagen und daß eine Hnmenge menschlichen Elends einzig und allein seinen Grund darin hat, daß titele -Individuen eben in krankhafter Weise mit ihren Nerven gegen alkoholische Getränke reagieren. Daraus kann man aber vernünftigerweise doch nur den Schluß Stehen, daß man den Alkoholismus nicht als Sünde und Verbrechen, sondern als Krankheit zn betrachten hat, und daß man nut' den Exzessen in seinem Genuß entgegentreten darf. Der friedsame Bürgersmann aber, der von seinem woyl- verbrieften Rechte Gebrauch macht, hier und da in einem Tempel des Gambrinus ein Glas Münchens: oder Kulmbacher oder sogar hellblondes Pilsener Tschechenbier^hinter die Binde zu gießen, und die Herren Mexikaner, die sich an der aufregenden Pulque ergötzen, oder unsere neuen Landsleute in Samoa, die als vollendetste Kavaliere die Wurzeln und Knollen, ans welchen fte chre gegorenen Getränke bereiten, zuvor im Munde der schönsten jungen Mädchen und Frauen des Dorfes kauen lassen, fmd, soweit sie sich dabei in maßvollen Grenzen halten, keineswegs > mehr zu tadeln, als die Kaffeeschwester, welche beim


