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Räcknitz richtete sich auf und suchte mit starrem Blicke in dem Gesicht seiner jungen Verwandten zu lesen. „Was willst Du jetzt thun, Elisabeth? — Gehst Du jetzt hin, mich zu verraten?"
Verächtlich streiften ihre schönen Augen über ferne armselige, gebrochene Gestalt dahin. „Weshalb hast Du Dich mir entdeckt, wenn Du nicht einmal Vertrauen setzest in die Wahrhaftigkeit meiner Worte? Wann hast Du jemals eiue Lüge aus meinem Munde vernommen?"
„Vergieb mir", bat er, „vergieb! Ja, ich vertraue Dir, und ich will geduldig über mich ergehen lassen, was Du sür das Rechte hältst. Aber ich beschwöre Dich, Elisabeth, laß mich nicht zu lange auf die Erlösung warten. In der nächsten Minute schon können die Schergen auch hierher kommen, mich zu suchen."
„So lange ich Dich in diesem Gemache verberge, tust Du sicher. Niemand wird Dich in meinem Zimmer vermuten. Auch! magst Du hinter mir den Schlüssel abdrehen und die Zchür erst dann wieder öffnen, wenn Du meine Stimme erkennst." , ... =
Er nickte stumm zum Zeichen des Einverständnisses, und Elisabeth ließ ihn allein.
Drittes Kapitel.
Der Leutnant von Plothow ivar es, auf den die Tochter des Generals in der Unerfahrenheit ihrer siebzehn Jahre so verwegene Hoffnungen gesetzt hatte. Sie gedachte ihn durch eine der in beständigem Kommen und Gehen befindlichen Ordonnanzen herausrufen zu lassen, falls er sich noch im Kabinett ihres Vaters befand; denn eine Angelegenheit wie die ihrige mußte selbst König Friedrichs Kriegsplänen gegenüber den Vorrang haben. Aber der Zufall erwies sich ihr günstiger, als sie zu hoffen gewagt hatte.
In dem Augenblicke, da sie den Gang betrat, der zu den Gemächern des Hausherrn führte, sah sie sich der hohen Gestalt des jungen Offiziers so unvermutet gegenüber, daß sie nahe daran war, in der ersten Ueberraschung all ihren mühsam erkämpften Mut wieder zu verlieren.
Sixtus von Plothow trat respektvoll grüßend beiseite, um ihr den schmalen Weg freizugeben; Elisabeth aber blieb dicht vor ihm stehen, und unwillkürlich hoben sich ihre gefalteten Hände zur Brust empor, während sw beklommen zu ihm aufsah: „Ich war eben willens, Sie aufzusuchen, Herr Leutnant; denn ich muß mit Ihnen sprechen, muß Sie!u,m etwas bitten, das Sie mir nicht abschlagen dürfen." „
Er war unverkennbar in der glücklichsten < Laune. Die Neuigkeiten, die er drinnen im Kabinett des Generals erfahren, mußten wohl trefflich zu seinen eigenen Wünschen gestimmt haben. .
„Wenn Sie nicht mehr als mein Leben von nur fordern, Fräulein von Marschall", erwiderte er heiteren Tones, „so ist Ihre Bitte im voraus gewährt."
„O, es ist nicht so leicht, wie Sie vielleicht glauben. Aber ich darf es Ihnen nicht hier auf dem Gange fügen, wo wir jeden Augenblick gestört werden können. Lassen Sie uns in jenes Zimmer dort eintreten, Herr v. Plothow!"
Er folgte ihr bereitwillig, ein wenig überrascht von ihrer scheuen Befangenheit und dem gepreßten Klang ihrer Stimme. Drinnen, wo das helle Lampenlicht auf ihr marmorweißes Gesichtchen fiel, verwandelte sich sein Befremden dann sogleich in äußerste Bestürzung.
„Um des Himmels willen, Fräulein Elisabeth, wie verstört Sie aussehen! Ist Ihnen denn etwas schlimmes begegnet?"
Ohne auf seine Frage zu antworten, sagte sie, indem sie ihm fest ins Gesicht sah: „Sie müssen mir bei Ihrer Ehre versprechen, Herr Leutnant, daß kein menschliches Wesen aus Ihrem Munde erfahren wird, was ich Ihnen jetzt anvertraue."
Sixtus von Plothow zauderte nicht einen Augenblick, ihrem Verlangen zu willfahren. „Was immer es sein mag, Fräuleinbon Marschall, ich gelobe bei meiner Ehre, unverbrüchliches Schweigen zu bewahren."
„Sie kennen meinen Vetter Franz von der Räcknitz?"
Die Stirn des Offiziers bewölkte sich leicht. „Ich bin dem jungen Herrn ein paarmal begegnet", sagte er
ausweichend, „doch blieb unsere Bekanntschaft immer sehr oberflächlicher Natur."
„Genug, daß er Ihnen nicht fremd ist. Sie werden dann um so eher Mitleid mit der schrecklichen Lage empfinden, in die er ohne seine Schuld geriet. Mein unglücklicher Vetter hat sich hierher geflüchtet vor den Häschern, die ihn greifen und ins Gefängnis absühren wollen."
„Ins Gefängnis? — Herrn von der Röcknitz? Ja, mein Gott, was hat er denn sträfliches gethan?"
„Er hat im Streit einen von den französischen Komödianten erstochen, wie er sagt, einen besonderen Liebling des Königs. Und er fürchtet, zum Zuchthaus oder gar zum Galgen verurteilt zu werden, wenn man sich feiner bemächtigt."
Nun war freilich nichts mehr von Heiterkeit und Glücksstimmung in Sixtus von Plothows Zügen. Traurig und voll innigen Mitgefühls blickte er auf das zitternde junge Mädchen.
„Welch ein schreckliches Ereignis! Und Ihr Herr Vater — er weiß noch nichts?"
„Er weiß nichts, und er darf auch nicht früher etwas erfahren, als bis wir dem Armen zur Flucht verhalfen haben. Das ist es, um was ich Sie bitten wollte, Herr von Plothow."
„Mich? Verstehe ich Sie recht, Fräulein Elisabeth? — Um was wollten Sie mxä), bitten?"
„Um Ihren Beistand für einen Verzweifelten. Franz glaubt, daß er gerettet sei, wenn es ihm gelingt, die Thorwache unangefochten zu passieren. Denn mit Unterstützung eines zuverlässigen Freundes gedenkt er sich draußen weiter zu helfen bis über die sächsische Grenze. Aber er bedarf vor allem einer Verkleidung. Und wenn Sie — wenn Sie ihm vielleicht eine Ihrer Uniformen leihen wollten —" .
Der Leutnant öffnete die Augen weit in betroffenem Erstaunen. „Das ist unmöglich, gnädiges Fräulein! Und es ist auch nicht Ihr Ernst. Ich würde mich damit ja in aller Form zu seinem Mitschuldigen machen."
„Wenn das ein Verbrechen ist, so sehen Sie, daß auch ich entschlossen bin, es zu begehen. Aber mein Gewissen macht mir darum keine Vorwürfe. Einen Verfolgten gegen den ungerechten Zorn der Mächtigen zu schützen, kann nimmermehr eine Sünde sein."
„Fühlt Herr von der Röcknitz sich ohne Schuld, so thäte er jedenfalls besser, die Gnade des Königs anzu- rusen. Und würde ihm selbst die Gnade versagt, auf Gerechtigkeit darf er unter allen Umständen bauen."
„Er ist darüber anderer Meinung, und da es sich für ihn um nicht mehr und nicht weniger als um das Leben handelt, finde ich es wohl begreiflich daß er sein Heil lieber in der Flucht als in dem Vertrauen auf Friedrichs Gerechtigkeit suchen will. Auch Könige sind nur Menschen, und mein unglücklicher Vetter wäre der Erste nicht, der einem Justizmorde zum Opfer fiele. Ja, wenn der Erschlagene nicht gerade einer von diesen Franzosen wäre!"
„Ich kann dem Herrn von der Röcknitz nicht vorschreiben, was er thun oder lassen soll; aber ich warne Sie dringend, gnädiges Fräulein, ihm bei seinem tollkühnen Unterfangen hilfreiche Hand zu leisten. Wie ich Ihren Herrn Vater kenne —"
„O, ich! weiß wohl, h aß er mir zürnen würde, wenn er es erführe. Aber das kann mich nicht abhalten, eine Pflicht der Barmherzigkeit zu erfüllen. Und warum müßte er es denn mich erfahren? Sie werden mich doch, wohl nicht an ihn verraten?"
„Hätte ich Ihnen nicht mein Wort verpfändet, daß ich schweigen werde, wahrhaftig, ich würde selbst vor dem, was Sie einen Verrat nennen, nicht zürückschrecken, um Sie vor einer verhängnisvollen Unbesonnenheit zu bewahren".
Um Elisabeths Mundwinkel zuckte es in schmerzlicher Bitterkeit. c
„So war es also keine überflüssige Vorsicht, daß ich dies Gelöbnis von Ihnen begehrte. Fast hätte ich's unterlassen, denn noch vor kurzem hegte ich eine bessere Meinung von Ihrer Freundschaft, Herr von Plothow".
„Könnte ich Ihnen doch nur beweisen, wie echt und


