Ausgabe 
28.1.1900
 
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durch welche er einen Blick nach dem jungen Mädchen werfen zu können hoffte, welches mit solcher Hoffnungs­losigkeit und doch mit solcher geduldigen Ausdauer den Kampf ums Dasein kämpfte. Er war heute später als gewöhnlich gekommen, als das Geschäftspersonal schon den Laden zu verlassen begann. Plötzlich erschien der verhaßte Abteilungsvorsteher am Eingang und blieb einige Augen­blicke stehen. Dann verbarg er sich an einem Schaufenster des Nebenhanses. Robert sah, daß er ein junges Mädchen beobachtete, welches eben den Laden verließ und mit einem scheuen Blick rückwärts die Straße entlang eilte. Der Ver­folger ging ihr sogleich nach, wobei er sich in der Menge vor ihr zu verbergen suchte. In der Hoffnung, die Schliche des Menschen zu entdecken, in dessen Macht es lag, Mild­red zu schaden, folgte ihm Robert nach.

Mit einem raschen Blick über die Schnlter war das Mädchen in eine Nebenstraße eingebogen, welche weniger besucht war und schon halb im Schatten lag. Dort erreichte sie ihr Verfolger. Sie blieb plötzliche stehen mit einer Beivegung der Entrüstung, nach einigen Worten von ihm aber ging sie gefügig eine Strecke weit neben ihm. Der Mann sprach rasch, und dann bogen sie in einen langen, dunklen Gang ein, welcher in den Hof eines großen Miet­hauses führte. In der Mitte dieses Ganges brannte eine Gaslampe. Dort blieben sie stehen und beim Scheine des Lichtes sah Robert, wie das Mädchen unter seinem Mantel etwas Weißes hervorzog, das wie ein Stück Spitzen aussah. Der Mann untersuchte" das Packet, machte sich eine Notiz und reichte dasselbe dem Mädchen wieder, welches zögerte, es anzunehmen. Aber seine Weise war so drohend pnd ge­bieterisch, daß das Mädchen sich fügte und das Packet einsteckte. Als sie mit einander herauskamen, schrieb sich Robert die boshaften Züge des Mannes und die schuld­bewußte Miene des Mädchens in sein Gedächtnis ein. Sie sahen ihn argwöhnisch an, aber als er weiterging,, ohne sich umzusehen, hielten sie ihn wahrscheinlich sür einen zu­fällig Vorübergehenden.

Das war ein Schurkenstreich, murmelte Robert, aber von welcher Art, das kann ich noch nicht erkennen, doch davon bin ich überzeugt, daß dieser Mensch ein Schurke ist. Augenscheinlich hat er das Mädchen in seiner Gewalt. Es scheint, sie hat die Waren gestohlen.

Hätte er eine Ahnung gehabt von der Niederträchtigkeit dieses Menschen, so wäre er nicht so ruhig an seine Stu­dien gegangen.

Die Szene, welche er beobachtet hatte, ist leicht er­klärlich. Seit einiger Zeit hatte man in der Spitzenabtei­lung Waren vermißt, und Mildreds Feind hegte die Hoff­nung, den Verdacht auf sie werfen zu können. An diesem Abend hatte er jene Verkäuferin beobachtet, wie sie zwei oder drei Stücke entwendete. Sobald er sie später einholte, beschuldigte er sie des Diebstahles, und als sie leugnete, drohte er, sie durchsuchen zu lassen. In der Angst ge­stand das Mädchen alles und wurde jetzt das Werkzeug für seine teuflischen Pläne.

Er sagte ihr, er habe noch ein anderes" Mädchen in Verdacht, nämlich Mildred Howell, und sie solle am fol­genden Abend die Waren in den Mantel dieses Mädchens stecken, damit er auch von ihr ein Geständnis erzwingen könne. Dafür versprach er dem Mädchen, keine Klage gegen sie anzustellen, und überließ es ihr, sich eine andere Stelle zu suchen, was sie sofort thun müsse, da er nicht zugeben könne, daß sie noch länger im Geschäft bleibe. In der Angst und Verwirrung, wenn auch mit großem Widerstre­ben, gab das Mädchen dieses Versprechen und lernte jetzt durch die bittere Erfahrung, daß eine Sünde, wie ein Feind innerhalb der Festungsmauern, das Thor für viele andere öffnet. Sie suchte ihr Gewissen mit dem Gedanken zu beschwichtigen, daß Mildred nicht besser sei, als sie, und daß nichts weiter erfolgen werde, als eine stille An­deutung, Mildred solle sich eine andere Stelle suchen. Dies versprach ihr der Mann, obgleich er eine andere Meinung hatte. Er wollte Mildred öffentlich beschimpfen und sie zur Verzweiflung bringen. Er hatte erfahren, daß sie keinen Beschützer hatte, und glaubte, er werde seinen Plan so ge­schickt ausführen können, daß er nur im Lichte eines wach­samen, treuen Dieners des Geschäfts erschien.

Ohne eine Ahnung von der Grube, welche vor ihren Füßen gegraben worden war, legte Mildred am folgen­

den Abend ihren Mantel um und war im Begriff zu gehen, als der Geschäftsführer ihre Schulter berührte und sagte, einer der Geschäftsinhaber wolle sie sprechen. Sogleiü, erwachte in Mildred die Sorge um ihre Stellung, doH ohne eine andere Befürchtung, als die Angst, ihre Stellung zu verlieren, folgte sie dem Manne in das Kontor, wo st zwei Geschäftsführer mit ernsten Gesichtern antraf.

Miß Howell, begann der- ältere ohne Umschweife, ei sind Spitzen vermißt worden. Der Verdacht ist auf Sn gefallen. Ich hoffe. Sie können ihre Unschuld beweisen-

Die Anklage war so schrecklich und unerwartet, das sie bleich und halb ohnmächtig in einen Stuhl sank. Die- wurde als Zeichen ihrer Schuld angesehen. Bald aber erholte sie sich hinlänglich, um mit großem Ernst zu ant Worten: Meine Herren, ich bin unschuldig!

Das ist kein Beweis. Sie werden natürlich nichts da, gegen haben, durchsucht zu werden?

. Sie, Mildred Howell, sollte nach gestohlenen Ware« durchsucht werden, allein, in Gegenwart dieser finstem Herren! Eine dunkle Röte der Entrüstung stieg auf ihren Gesicht auf.

Ich fürchte die Durchsuchung nicht, sagte sie kalt, aber sie darf nur durch eilte Dame geschehen.

Gewiß, aber erst soll ein Polizist geholt werden.

Sie waren überzeugt, die Schuldige gefunden zu Haber und entschlossen, ein Beispiel aufzustellen, das allen ander« im Laden zur Warnung gereichen sollte.

Ein wilder Sturm von schrecklichen Gedanken tobt« durch Mildreds Sinn, während sie einige Augenblicke fitfi selbst überlassen blieb. Dann wurde sie ruhiger irrt W wußtsein ihrer Unschuld und hoffte auf baldige Recht fertigt!ttg. Aber sie war doch so erschüttert, daß sie zitternd den beiden Verkäuferinnen in ein Nebenzimmer folgte, an dessen Thüre ein Diener des Gesetzes stand. Die Mehr zahl des Personals war schon gegangen, ohne zu wissen was vorgefallen war. Aber die Zurückgebliebenen Ware« erstaunt über das Erscheinen des Schutzmanns, sie glaubte sofort, die Wahrheit zu erraten und warteten das Ergeb nis der Durchsuchung in atemloser Spannung ab. Da- Mädchen, welches Mildred so grausames Unrecht zugefüg! hatte, war zuerst davongeeilt, um nicht Zeugin zu fein Der Geschäftsführer beobachtete aus einer dunklen Ecke bei jetzt halb erleuchteten Ladens den Vorgang mit grausamer Blicken.

XXV.

Mildred int Gefängnis.

Mildred zitterte nicht aus Schuldbewußtsein, fonberr aus Angst, welche ihren durch unverdientes Unglück schm halb gebrochenen Geist erschütterte, als sie in dem kleiner Zimmer, in das sie geführt worden war, auf einen Stuhl zuging.

O, beeilen Sie sich, meine Unschuld zu erweisen, sagt sie mit einem bittenden Blick auf die beiden Damen.

Fräulein, erwiderte die ältere in geschäftsmäßige« Tone, es ist unsere Pflicht, Sie zu durchsuchen, und wem Sie unschuldig sind, werden Sie davor keine Angst habe« Die Sache ist gar nicht schrecklich, wenn Sie nicht gestohler haben, und ich sollte meinen, ein ehrliches Mädchen sollt mehr Kraft zeigen.

Dann suchen Sie! Suchen Sie! rief Mildred mit einem Glanz der Entrüstung in ihren Augen. Ich würd eher tausenmal verhungern, als den Wert eines Pfennigs stehlen.

Schweigend mit einem ungläubigen Achselzucken toutb die Durchsuchung begonnen und zuerst der Mantel bei jungen Mädchens abgenommen.

Warum ist denn hier das Futter offen? fragte die ei« streng, und zog zwei Stücke teurer Spitzen heraus.

Mildred blickte mit Entsetzen auf die Spitzen nnd toffl einen Augenblick sprachlos vor Erstaunen und Schrecken.

Ich weiß nichts von diesen Spitzen! rief Mildred leiben- schaftlich. Das ist ein Anschlag gegen . . .

O, Unsinn! unterbrach sie die Frau, welche schon W früher gegen sie eingenommen war. Hier, Schutzmann, tief sie, die Thüre öffnend, führen Sie sie fort! Dies« Waren sind bei ihr im Mantelfutter gefunden worben! Dabei zeigte sie ihm, wo die Spitzen entdeckt worden waren.

Ein sehr klarer Fall, sagte er grinsend. Aber Sie