Nachdruck verboten.
Heimatlos.
Roman von R. P. Roe.
(Fortsetzung.) XXIV.
Ein tückischer Anschlag.
Robert war ein aufrichtiger und hingebender Freund. Er suchte alltäglich Frau Howell durch seine Aufmerksamkeiten und Gegenwart Trost zu bringen, und das, sowie die Freundschaft der Frau Willow waren der einzige Lichtstrahl auf ihrem dunklen Wege. Mildred war höflich und sogar freundlich gegen den jungen Mann, aus Rücksicht für ihre Mutter und Bella. Außerdem hatte auch sein Benehmen ihm ihre Achtung erworben. Nicht minder aber hatte er auch durch seinen Fleiß und seine Ausdauer in seinen Studien den Beifall seines alten Ontels gelvonnen.
Der Frühling kam, aber er brachte keine Frühlings- Hoffnungen, sondern bittere Demütigungen. Die Not war schon so groß geworden, daß die Familie mit der Miete im Rückstand blieb und, genötigt war, auszuziehen. Hier war die praktische und unerschütterliche Frau Willow eine große Hilfe, sie besorgte fast alles, da auf Howell kein Verlaß mehr war. Sie mietete ein Wohnzimmer und zwei kleine Schlafzimmer in einer großen, modernen Mietkaserne, welche von fremden Arbeitern aller Nationalitäten angefüllt war. Alles in dem Gebände war dünn und dürftig, überall war gespart worden, und das Ganze entsprach nur eben noch den Bauvorschriften. Wenn ein Kind schrie oder ein zänkisches Weib kreischte,, oder wenn ein Arbeiter j.m Zorn oder in der Trunkenheit lärmte, so hörten dies sämtliche Bewohner, aber sie achteten wenig darauf. Nur Frau Howell und Mildred empfanden oft schmerzlich diese Mißklänge. Bellas Gemüt wurde verbittert durch die Entbehrungen, und die Kinder lernten viel zu
in
MB
wL V
Gerok.
K in jeder seines Glückes Schmied!
Wo bleibt da Gottes Ehre? Was seine Schickung mir beschick, Wer bin ich, daß ich's wehre?
— Und doch, was dir des Höchsten Rat Von Lieb' nnd Leid beschieden, Du wirst dir erst durch eig'ne That Wohl oder Weh' d'raus schmieden.
früh erkeunen, wie viel Böses und Gemeines es auf der Welt giebt. Mildred aber fühlte sich beständig tief verletzt durch die Demütigungen in ihrer Lage. Mehr als Hunger, Kälte und Entbehrung fürchtete sie das Gerede und die dreisten Blicke der Leute. Auch Mister Wentworth, dem Geistlichen, gegenüber, der die Familie oft durch seinen Zuspruch aufzurichten suchte, wurde sie schweigsam über ihre häuslichen Angelegenheiten. Mildred wußte, daß er manche Familie in Krankheit und Not fast ganz erhrelt, sie wußte, daß es noch viele gab, welche seine Sympathie und seine tzilse zu gewinnen suchten, sie hätte von ihm annehmen können, aber sie war der Meinung, daß sie ihm zuvor, volle Aufrichtigkeit schuldig sei/ Eher aber wäre sie verhungert, als daß sie von der Erniedrigung ihres Vaters selbst dem Geistlichen gegenüber gesprochen hätte. Er suchte wenigstens die jungen Mädchen vor den Gefahren zu warnen, welche oft aus Mutlosigkeit und Unglück entspringen, und ermahnte sie, an ihrem Glauben an Gott festzuhalten.
Es ist eine schreckliche Eigenheit unserer christlichen Stadt, sagte er, daß junge, schöne Mädchen, wie Mildred und Bella, leicht eine Beute der Verfolgung werden können. Nup eigene, feste Entschlossenheit und große Klugheit können sie schützen, und auch diese bewahren sie nicht vor der Verfolgung, sondern nur vor dem Fall, der ihnen droht.
Ein schreckliches Erlebnis Mildreds bestätigte diese Thatsache. In der Abteilung, in welcher sie arbeitete, war ein Mann als Geschäftsführer angestellt, welchem Grundsätze und Gewissen unbekannt waren. Er war von einnehmendem, halb weiblichem Aeußeren und anscheinend wachsam und treu in der Erfüllung seiner Pflichten. Er fühlte sich von Mildred sehr angezogen, und mit der Dreistigkeit, die ihm seine Gewalt verlieh, erlaubte er sich so offene Zudringlichkeiten, daß er mehr als eine scharfe Zurückweisung erhielt. Deshalb dürstete er nach Rache und wartete mit der kalten Ausdauer einer Schlange auf die Gelegenheit zu einem tückischen Angrisf. Ungeachtet seiner äußerlichen Höflichkeit konnte Mildred nur mit Schauder seinem Blick begegnen.
Durch Bella hatte Robert einige Andeutungen von den früheren Aufmerksamkeiten dieses Menschen und seinem jetzigen, schlecht verborgenen Haß gegen Mildred erhalten, welcher diese nicht wenig beunruhigte, da sie befürchten mußte, unter irgend einem Vorwande entlassen zu werden. Sie wußte sehr wohl, daß sie in ihrer jetzigen Lage keine Stunde müßig sein durfte. Robert hegte daher eine bittere Feindschaft gegen den Menschen.
Eines Abends im März machte Robert seinen gewöhnlichen Spaziergang, ehe er sich zu seinem Studium nieder- setzte. Er konnte gehen, wohin er wollte, und natürlich richteten sich seine Schritte fast immer zu jener Thüre,


