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üverdruß krankte, hinaus nach dem am Wannsee bei Potsdam gelegenen Wirtshaus „Zum Stimming", wo er am nächsten Lage das gegebene Ehrenwort einlöste, indem er Henriette durchs Herz und sich in den Mund schoß. Der arme Dichter, der erst 36 Jahre zählte, wurde am Orte, wo man ihn fand, der Userhöhe gegenüber dem Wirtshaus, begraben.
Luise Brachmann, eine begabte Dichterin, die mit Schiller und Novalis bekannt war, suchte in einem Anfalle von Schwermut am 17. September 1822 in Halle den Tod kn den Wellen. Am bekanntesten ist ihre Ballade „Columbus" („Was willst Du, Fernando, so trüb und so bleich"). Das größte Aufsehen aber durch ganz Deutschland rief seinerzeit der heldenhafte Selbstmord der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz, Charlotte Stieglitz geb. Willhöft, hervor, in dem Blaße, daß sogar die Dichtung sich des Vorfalles bemächtigte und nicht nur Mundt unter dem Titel: „Charlotte Stieglitz, ein Denkmal" ihre Briefe, Tagebuchblätter usw. herausgab, sondern auch Gutzkow in seinem Roman „Wally" die That verwertete. Charlotte, geb. am 18. Juni 1806 zu Hamburg, war ein geistvolles, aber schwärmerisches Mädchen, dessen höchstes Glück, als es Heinrich Stieglitz 1822 kennen gelernt und sich mit ihm verlobt hatte, es war, eine Dichterbraut zu sein. Allein ihr Bräutigam war noch jung und brauchte noch Jahre, um zu einer Stellung zu gelangen, so sorgte sie denn, er möchte aus Liebe zu ihr sich zu frühzeitig um ein Amt bemühen und dadurch seinem dichterischen Berufe entzogen werden. Schon damals be- fchäftigte sich das krankhaft überspannte Mädchen mit Selbstmordgedanken, wie Ottilie in den „Wahlverwandtschaften" wollte sie. keine Speise zu sich nehmen, usw. 1828 vermählte sie sich mit Stieglitz, aber bald genug zeigte sich die tiefe Seelenzerrüttung ihres Gatten, der, vom höchsten dichterischen Streben beseelt, in den äußeren Verhältnissen die Hemmnisse zu finden glaubte, die ihn an der Erreichung seines Zieles verhinderten. Charlotte dachte unablässig nach, wie dem Unglücklichen zu Helsen sei. Endlich verfiel sie — „nicht aus Jrreligiösität, sondern aus mißverstandener Religiosität" — auf den Enr- schluß, sich ihm zu opfern, um ihn durch eine ungeheure That zu erschüttern. Am 29. Dezember 1834 begab sie sich, während ihr Mann im Konzert weilte, in, ihre Kammer, legte alles Geld für ihn heraus, schrieb einen Brief an ihn, zog ein reines, weißes Nachtkleid an, setzte ein Häubchen auf, dann legte sie sich in ihr Bett und senkte sich einen Dolch, den sie als Braut einmal ihrem Bräutigam geschenkt, „mit einer furchtbar sicheren Hand gerade mitten ins Herz hinein". Sie zog den Dolch wieder aus der Wunde und legte ihn neben sich; jedes Stöhnen suchte sie zu unterdrücken, bis endlich doch das aus der Lunge dringende Röcheln das in der anstoßenden Kammer befindliche Mädchen aufmerksam machte. Sie rief nach Hilfe, als man aber herbeieilte, erscholl gerade ihr letzter Seufzer. Ihr Gatte kam erst nach einer halben Stunde nach Hause. Sein späteres Leben bewies, wie zwecklos und wie wenig vorhersehend das Opfer gewesen; denn er hat das hohe Ziel, das er sich gesteckt niemals erreicht.
Quälende Hypochondrie trieb Ferdinand Raimund, den hochbegabten Humoristen und ausgezeichneten Komiker (geb. 1. Juni 1790) in den Tod. Seine reizvollen Volksstücke: „Der Bauer als Millionär", „Der Alpenkönig und der Menschenfeind", „Der Verschwender" usw. entzückten alle Welt, sein treffliches Spiel rührte abends das Publikum zu Lachthränen, niemand hätte gedacht, daß dieser Meister erschütternder Komik seine Tage in finsterer Schwermut verbrächte. Eines Tages kam er, Heilung von seiner Hypochondrie suchend, zu einem Arzt. Dieser riet dieses und jenes, alles hatte Raimund schon versucht. Da sagte endlich der Arzt: „So weiß ich nur noch ein Mittel, gehen Sie ins Theater und sehen Sie den Raimund spielen, das muß Sie aufheitern". — „Ach, Herr Doktor, der Raimund bin ich selbst!" Im Sommer 1836 wurde er von einem Hunde gebissen ; von der Furcht erfaßt, daß dieser toll gewesen sei, schoß sich der Un
glückliche mit einem Terzerol in den Mund; nach acht Tagen qualvoller Schmerzen starb er am,6. September 1836 an der Wunde. Wie durch seinen Tod die Dichtkunst, so erlitt die Wissenschaft einen schweren Verlust durch denjenigen des berühmten Nationalökonomen Friedrich List (geb. 6. August 1789), des ersten Befürworters eines nationalen Eisenbahnnetzes, der sich infolge schweren Trübsinns und körperlichen Leidens ebenfalls (am 30. November 1846) durch einen Pistolenschuß tötete. Die Selbstmordversuche des geisteskranken Dichters Lenau führten infolge der Vorsicht seiner Wärter nicht zum Zweck, während von Rousseau nicht feststeht, ob er, der Annahme zahlreicher Zeitgenossen nach, wirklich an Gift, das er genommen, gestorben ist.
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Um zerbrochene Gipisfiguren zu kitten, löst man kleine Stricke Celluloid in Aether auf, gießt die Flüssigkeit nach einer Viertelstunde ab und verwendet den teigigen Bodensatz als Kitt. Derselbe trocknet sehr schnell und löst sich nicht, wenn er mit Wasser in Berührung gebracht wird.
Lttterarrsches.
Religiöse Studien eines Wettkindes. Bon W. H. Riehl.
5. Auflage. Preis: geh. Mk. 4,—, geb. Mk. 5,—. Stuttgart ’ 1900. I. ®. Cotta'sche Buchhandlung Nachf. G. in. b. H.
Als fast Neunundsechzigjähriger, zu einer Zeit, da Riehl befürchten mußte, das Augenlicht für immer zu verlieren, fand er Muße, den Inhalt dieses Buches, den er schon seit Jahrzehnten mit sich herumtrug und im Geiste gestaltete — schon seit der Zeit, da er die „Familie" und die „Deutsche Arbeit" schrieb, als deren Geschwisterkind es demnach gilt, — druckreif werden zu lassen.
Harmonisch durch und durch, wie Riehl selbst und alle anderen Kinder seiner fruchtbaren Muse, ist auch dies Werk, das gewissermaßen als Gesamtniederschlag seiner reichen Lebenserfahrung gelten darf. Der Kulturhistoriker und der Sozialpolitiker in einer Person verbunden — das Weltkind — zeichnet darin seine Beobachtungen im Geiste der Gerechtigkeit, der Versöhnung und des Friedens. Er gießt sie — nach seinen eigenen Worten — „nicht in abstrakter Gedankenkette, obgleich er sich mitunter auch den Luxus der Gedanken gönnt, sondern in hundert aus dem Leben gegriffenen Thatsachen, die heute jeden Denkenden bewegen, weil sic immer neue Gedanken erwecken."
Wie jeder wahrhafte Christ gelangt auch er zu der Erfahrung: Die Religion kann man nicht erlernen, man muß sie in sich erleben.
Zur Umschau und Selbstschau will der Verfasser erziehen in diesem Buche der Beschauung. Wären alle Weltkinder gleich ihm berufstreu, ergeben, genügsam, bescheiden, dankbar und friedfertig, es wäre eine Lust zu leben, und die Menschen wären auf dem besten Wege, wie er durchzudringen „Durch Nacht zum Licht!" Bdt.
Am Mittwoch, dem 14. d. M. trat der Reichstag nach längerer Pause zum ersten Male wieder zusammen. Eine interessante Zeichnung, den Moment darstellend, wo der Kaiser im Rittersaale vor den versammelten Mitgliedern des Parlaments die Thronrede hält, bringt die neueste Nummer der „Weiten Wett". Da dem Publikum das Beiwohnen der Eröffnungsfeierlichkeit nicht gestattet ist, so dürfte diese Skizze die einzige sein, welche von dieser Sitzung gemacht wurde. Von den literarischen Beiträgen der „Weiten Welt" machen wir besonders auf die geistvolle Plauderei „Die Welt" des Freiherrn Alexander von Gleichen-Rußwurm aufmerksam. Die Wiedergabe zweier vornehm ausgeführten Radierungen nach Gemälden Carlo Böklin's, des begabten Sohnes Meister Arnold's, vermögen denen unserer Leser, die noch nicht Gelegenheit hatten, Werke des jungen Künstlers kennen zu lernen, einen deutlichen Begriff von seinen Fähigkeiten zu geben. Die einzelne Nnmmer der „Weiten Welt" (Union Deutsche Berlagsgesellschaft), kostet nur 25 Pfg. und ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen.
Abftrichrätsel.
Nachdruck verboten.
Hohn, Affe, Wein, Huhn, Dahn, Karren, Ente, Mais, Schatz, Revier, Leim, Zunder, Pfarre, Genf.
Bon jedem Wort ist die Hälfte der Buchstaben zu streichen; die stehen bleibenden muffen im Zusammenhang ein bekanntes Sprichwort ergeben.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Telegraphenrebus in voriger Nummer: Auch der Weise irrt bisweilen.
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erbens in Gieße«.


