Berühmte Selbstmörder.
don Max Rupprecht.
„ Nachdruck verboten.
Selbstmörder hat es zu allen Zeiten gegeben, so sehr die Beurteilung des Selbstmordes zu den verschiedenen Zeiten und bei den verschiedenen Völkerschaften auch ge- ichwankd hat. Bei den alten Griechen und Römern war der Selbstmord keine Handlung, durch welche der Selbft- m der allgemeinen Achtung sank, wogegen die christliche , Auffassung in der Vernichtung des eigenen Lebens eine schwere Sünde erblickt, die mit öffentlicher Verachtung, der Verweigerung eines „ehrlichen" Bearäb- mstes und anderen Kirchenstrafen gesühnt wird. Während daher die Selbstmorde in dem alten Rom häufig waren, Ichmolz die Zahl im orthodox-christlichen Mittelalter be- üeurend zusammen, eine Wirkung der religiösen Scheu, der ffurchr vor der Schande und den ewigen Strafen. Im neunzehnten Jahrhundert ist die Anzahl der Selbstmorde m fortschreitender Steigerung begriffen, eine Erscheinung, für welche wohl im wesentlichen soziale Ursachen in Be- ttacht zu ziehen sind. Der Kampf ums Dasein hat die Menschheit nervös gemacht; er zeigt sich in immer abschreckenderer Gestalt und weist uns seine Folgen in der Vermehrung der Geisteskrankheiten und zahlreicher Be- rufsieiden auf In unserer Zeit schwankt die Auffassung des Selbstmordes je nach der Weltanschauung des B-eur- teilers, dem einen erscheint er als Ausfluß von Feigheit und Schwäche, dem anderen als beherzte That, zu welcher außerordentlicher Mut gehört.
„lie Z?hl der berühmten Persönlichkeiten, welche durch Selbstmord aus dem Leben geschieden sind, ist nicht allzu groß.. Die Bibel.erzählt uns zuerst von dem Selbst- morde Simsons, des berühmten Philistertöters. Die Phi- uster, die damals — die Geschichte spielt etwa im elften Jahrhundert v. Chr. — die Israeliten hart bedrängten, empfanden des öfteren die Hand des löwenstarken Mannes; endlich fiel er, durch sein Weib Delila verraten, in ihre Hände. Sie stachen ihm beide Augen aus, legten ihn in Ketten und weideten sich bei ihren Festen an seinem Anblick. In seiner Verzweiflung faßte er den mannhaften Entschluß, zu sterben, aber zugleich durch seinen Tod Rache an seinen Peinigern zu nehmen. Noch einmal raffte er seine ganze Kraft zusammen, er faßte die Mittelsäulen, auf welche das Haus gesetzt war, tvorin gegen 3000 Philister mit zahlreichen Fürsten zum Feste versammelt waren, und mit dem Rufe: „Meine Seele sterbe mit den Philistern!" stürzte er die Säulen, sodaß das Gebäude zu- sammenbrach und ihn und seine Feinds unter den Trümmern begrub. Weiter hören ivir von dem Selbstmord des unglücklichen Königs Saul, der nach einer gegen die Philister verlorenen Schlacht seinen Waffenträger aufsorderte, ihn zu erstechen. Da der Waffenträger sich weigerte, so nahm der König das Schwert selbst „und fiel darein".
In der Geschichte des Altertums begegnen wir u. a. dem Selbstmord Hannibals, des großen karthagischen Feldherrn. Trotz seiner..Siege verfiel Karthago dem Untergang, der Feldherr fand sein Asyl bei dem König Prusias von Bithynien. Die Römer, denen selbst der Besiegte noch schrecklich war, begehrten seine Auslieferung, die der schwache König bewilligte. Als die römischen Häscher das Hans des 67jährigen Greises umstellten, nahm er Gift, das er für einen solchen Fall schon lange bei sich führte. Drutns und Cassius, die Mörder Cäsars überlebten ihre Niederlage bei Philippi nicht, Cassius stürzte sich in sein Schwert, Brutus ließ sich von dem Griechen Straton durchbohren. Mit einem.Doppelselbstmord endete auch das Liebesverhältnis des Triumphators Antonius (Marc Anton) mit Kleopatra, der schönen Königin von Egypten. Bon ihr verraten, stieß er sich (1. August 30 v. Chr.) sein Schwert in den Leib; totwnud ließ er sich auf.seinem Ruhebett an Seilen in das Tnrmgemach, wo sie weilte, emporziehen, um unter ihren Augen zu sterben. Kleo- hatra, versuchte vergeblich, den Besieger des Antonius, Lctavianus, den nachmaligen Kaiser Augustus, zu ihren Gunsten umznstimmen; sobald sie einsah, daß dies unmöglich, sei, vergiftete sie sich oder ließ sich, wie es MH heißt, durch den Biß einer Natter töten. Bekannt- llch stürzte sich auch Barns, der Feldherr der Römer,
nach der verlorenen Schlacht im Teutoburger Walde (8 n. Chr.), dem damaligen Brauche folgend, in sein eigene? Schwert, während Nero, der feige Tyrann, nach dem Verlust seines mit Blut und Schande besudelten Thrones sich am 9. Juni 68 nach Christus mit dem Schwerte durchbohren ließ, da er nicht den Mut besaß, selber Hand an sich zu legen. Einen Selbstmord auf Befehl beging Seneca, der berühmte römische Philosoph. Er war Erzieher des Kaisers Nero und nach dessen Thronbesteigung sein vertrautester Berater, bis ihn der Kaiser, seiner Leitung und halben Bevormundung überdrüssig, unter der Beschuldigung der Beteiligung an einer Verschwörung zum Tode verurteilen ließ. Als besondere Vergünstigung gestattete ihm der Tyrann, die Hinrichtung an sich selbst zu vollstrecken, weshalb sich Seneca in Gegenwart einiger Freunde die Adern öffnen und schließlich, um nicht lange leiden zu müssen, in einem heißen Bade ersticken ließ. Seine Gemahlin Paulina folgte ihm freiwillig in den Tod.
Aus der neueren und neuesten Zeit sind nicht wenig Fälle aufsehenerregenden Selbstmordes bekannt. War es doch ein solcher, den Goethe in „Werthers Leiden" verwertete, der Selbstmord eines Jugendfreundes des Dichters, des jungen Jerusalem. Karl Wilhelm Jerusalem, der Sohn des bekannten Kanzelredners und theologischen Schriftstellers, ein hübscher, blonder Jüngling mit sanften blauen Augen, studierte in Wetzlar mit Goethe zusammen. Der junge Mann empfand eine tiefe, aber naturgemäß unglückliche Leidenschaft zu der Frau eines Freundes. Empfindsam und melancholisch wie er war, dachte er oft über den Selbstmord nach und suchte ihn wissenschaftlich zu rechtfertigen. Sobald er aus den Grenzen einer rein platonischen Neigung heraustrat und dem Gegenstände derselben kniend eine Liebeserklärung machen wollte, verbot ihm der Gatte das Haus; die Folge war der Entschluß, zu sterben. Am 29. Oktober 1772 erschoß er sich. Seine That erregte in Wetzlar ungeheures Aussehen, vor allem die Frauen nahmen den tiefsten Anteil an seinem Schicksal; auch Goethe, der inzwischen nach Frankfurt zurückgekehrt war, betrauerte ihn sehr, und setzte ihm im Werther ein unvergängliches Denkmal.
Seltsamerweise fand ein anderer Freund Goethes, der ihm ebenfalls als Modell zu einer dichterischen Gestalt gedient, ganz dasselbe Ende. Es war Johann Heinrich Merck, der Kriegsrat aus Darmstadt, der geistvolle Spötter und einst das ästhetische Gewissen des jungen Goethe, in welchem wir das Urbild des Mephistopheles erblicken dürfen. Der Unglückliche wurde infolge körperlichen Leidens und mancher Unglücksfälle und Enttäuschungen von quälender Hypochondrie befallen. Um ihn aufzuheitern, luden ihn Goethe und der Herzog nach Weimar ein; der Umgang deü Freunde vermochte ihn aber nur vorübergehend heiter zu stimmen, und ' am 27. Juni 1791, im Älter von 50. Jahren, machte er durck einen Schuß seinem Leben ein Ende. Auf dieselbe Weise endete 20 Jahre später einer der genialsten deutschen Dichter, der unglückliche Heinrich v. Kleist. Infolge der unglücklichen Zeitverhältnisse und aus Mangel an Mitteln, konnte der berühmte Verfasser der „Hermannsschlacht" nicht zur Anerkennung seines Talents gelangen; verkannt, unterschätzt, an seinem eigenen Können verzweifelnd, erbittert und von unauslöschlichem Haß gegen Napoleon und die Franzosen erfüllt, ging er in den Tod, seine beiden großartigsten Dramen, die „Hermannsschlacht" und „Prinz Friedrich von Homburg" als Manuskripte hinterlassend. Er hatte nicht mehr den Mut gefunden, sie herauszugeben. Schon lange ersehnte er s Den Tod, aber er wollte nicht gern allein sterben. Als er eines Tages mit einer Freundin, Frau Henriette Vogel, musizierte, drückte er seine "Bewunderung über ein von ihr gespieltes Stück mit den Worten aus: „Das ist zum Erschießen schön!" Sie fragte darauf, ob er wohl imstande sein würde, ihr den Freundschaftsdienst, sie zu töten, zu erweisen. Wahrscheinlich lverde er es nicht thun; denn es gäbe keine Männer mehr. Kleist -erwiderte rasch und stolz: „Ich werde es thun, ich bin ein Mann, der sein Wort hält". Und er hielt Wort. Am 20. November 1811 fuhr er mit der Freundin) die an Schwermut und Lebens-


