„Wie gut ist es, daß Sie es nicht gethan haben!" siel Margarete aufatmend ein. „In einer wie bedauernswerten Lage würde sich mein armer Bruder für alle Zukunft Herrn Norrenberg gegenüber befunden haben!"
„So blieb mir also nur noch die Möglichkeit, Herrn Ruthardt alles zu offenbaren".
„Wie? Meinem Vater?" rief das junge Mädchen zum Tode erschrocken. „O, Sie kennen ihn nicht, Herr San- dory, wenn Sie daran im Ernst gedacht haben. So gut und edel er ist, so streng und unerbittlich kann er auch sein. Ich habe es oft gehört, mit welcher Verachtung er sich über Leute ausgesprochen hat, die etwas Ehrloses begangen hatten. Er würde Sigismund sicherlich niemals verzeihen, würde sich gewiß für immer von ihm lossagen. Und welch ein furchtbarer Kummer wäre es für ihn. Nein — nein — nein! Kein Pflichtgefühl konnte Ihnen gebieten, eine solche Grausamkeit zü begehen".
„Aehnliche Befürchtungen, mein liebes Fräulein, kamen auch mir, zumal es gerade der Gedanke an den Zorn seines Vaters Ivar, der Ihrem Bruder seiner Versicherung nach die Selbstmordgedanken eingegeben hatte. Ich brachte also hie Stimme meines Gewissens zum Schweigen und entschied mich für die letzte aller vorhandenen Möglichkeiten, nämlich dafür, künftighin selber die Aufsicht über die Lebensführung des schwachen jungen Mannes zu übernehmen. Es wäre eine schwere und verantwortliche Aufgabe gewesen, mit der ich mich da belastet hätte, aber ich glaube wohl, daß es mir möglich geworden wäre, sie mit gutem Gelingen, zu lösen; denn ich besitze das Vertrauen Ihres Bruders, und er ist im Grunde eine fügsame, leicht zu lenkende Natur. So würde ich sein Schifflein wohl glücklich an allen Klippen und Untiefen vorbei geführt haben, bis er moralisch hinreichend erstarkt wäre, um das Steuer selber zu führen. Es wäre für ihn gewiß der annehmbarste Ausweg gewesen".
„Und warum sind Sie nun mit einemmale anderen Sinnes geworden?" fragte Margarete in angstvoller Spannung. „Was hat Sie dahin gebracht, Ihren hochherzigen Entschluß zu bereuen?"
Sandory zauderte mit der Antwort, und es war wie ein leiser Klang von Wehmut in seiner Stimme, als er endlich sagte: „Nicht weil ich ihn bereute, habe ich, ihn aufgegeben, sondern weil ich über der Sorge für einen anderen ganz vergessen hatte, daß ich auch nur ein Mensch bin — ein schwacher Mensch mit einem fühlenden und leidenden Herzen".
„Sie müssen verzeihen, wenn ich Sie nicht verstehe. Können Sie sich nicht etwas deutlicher erklären?"
„Ich hätte es gern vermieden, Fräulein Ruthardt; denn ich habe Ihnen brieflich mein Wort gegeben, nur von der Angelegenheit Ihres Bruders zu sprechen, und ich möchte meinem Gelöbnis nicht untreu werden".
„Aber es handelt sich doch, um nichts anderes, als um ihn. Weshalb haben. Sie mich hierher beschieden, wenn'Sie nun in Rätseln zu mir sprechen wollen?"
„Wohl, Sie haben recht. Und wir können ja auch die Beweggründe unerörtert lassen, die mich bestimmen, diese Stadt schon in den nächsten Tagen und auf Nimmerwiederkehr zu verlassen".
, ,Sie wollen fort — das stand schon in Ihrem Briefe. Und deshalb sollen nun mein Vater und mein armer Bruder für ihr ganzes Leben unglücklich werden?"
„Wenn Sie die Güte hatten, meiner früherxn Darlegung mit einiger.Aufmerksamkeit zü folgen, so werden Sie begreifen, daß ich eine Verantwortung für die weiteren Geschicke des jungen Herrn Ruthardt nur so. lange aus mich nehmen kann, als ich in seiner Nähe weile. Mit dein Augenblick, da ich von hier abreise, ist ; auch meine Macht über Ihren Bruder zu Ende, und darum müßsich. nachdem ich mich einmal in einem gewissen Siüne zu seinem Mitschuldigen gemacht habe — in jenem Augenblick die Aufgabe, ihn zu überwachen, in andere Hände legen".
„Sie wollen also, ehe Sie fortgehen, mit meinem Vater sprechen, und ihm dies schreckliche Papier zeigen, wie Sie es mir gezeigt haben?"
„Es ist meine Pflicht, Fräulein Ruthardt, eine Pflicht, der ich mir nur auf Kosten meiner eigenen Gewissensruhe entziehen könnte".
„Aber es darf nicht geschehen — niemals darf es geschehen! Ihre Absicht ist gewiß die allerbeste; denn Sie haben sich ja bis jetzt sehr edel und freun-dschaft- lich gegen meinen Bruder benommen; aber Sie würden mit einem solchen Schritt gerade das Gegenteil von dem erreichen, was Sie beabsichtigen. Mein Vater würde ihn verstoßen, sodaß er fortan ganz sich selbst überlassen wäre. Wir anderen aber, die wir doch völlig unschuldig sind, würden mit ihm unglücklich werden. Sie können nicht bei ihrem Vorsatz beharren, wenn ich Sie bitte — recht von Herzen bitte, davon abzustehen".
„Fordern Sie mein Vermögen, Fräulein Margarete, fordern Sie mein Leben, und ich werde mich nicht weigern, es hinzugeben! Eine Bitte wie diese aber kann ich nicht erfüllen. Der Wahlspruch meines Lebens lautet: „Zuerst die Pflicht!" Bis zu dieser Stunde bin ich ihm niemals mit Bewußtsein untreu geworden".
Der schmerzlich bewegte Ton, indem er das sagte, nahm ihr noch mehr als der Inhalt seiner Worte die Hoffnung, daß es ihr gelingen werde, ihn von seinem unglückseligen Vorhaben abzubringen. Dennoch gab sie den Versuch nicht ohne weiteres auf. Große Thränen zitterten an ihren Wimpern, während sie ihm neue, noch beweglichere Vorstellungen machte, und mit aller Festigkeit, die sie noch in den Klang ihrer Stimme zu legen vermochte, erklärte sie endlich, daß sie selber die Bürgschaft für ihres- Bruders künftige Rechtschaffenheit übernehmen wolle.
Aber es war alles vergeblich; denn Sandory schüttelte mit wehmütig-ernstem Lächeln den Kopf.
„Sie bedenken nicht, mein verehrtes Fräulein, daß Sie da etwas versprechen, was über Ihr Vermögen geht. Ihr Bruder würde Ihnen in der Folge seine Geheimnisse wensowenig anvertrauen, als er bisher gethan hat, und Sie würden von einer neuen Verirrung sicherlich erst erfahren, wenn es zu spät wäre, die Folgen abzuwenden. Das • ist .keine .Aufgabefür ein junges Mädchen. Nur Ihrem Vater kann sie zufallen, nachdem es mir leider unmöglich geworden ist, sie durchzuführen".
Da endlich konnte die Frage nicht mehr unausgesprochen bleiben, die sie so lange in einer instinktven Scheu unterdrückt hatte.
„Und warum ist es Ihnen unmöglich? Weshalb müssen Sie nun plötzlich fort, während es doch noch vor kurzem Ihre Absicht war, sich dauernd in Waldenberg niederzulassen?"
„Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Fräulein Margarete! Ich glaubte ja auch, damit fertig zu werden; aber es geht nicht, es ist stärker als ich. Ich muß in einer neuen Umgebung, in Abenteuern und Gefahren Vergessenheit zu finden suchen für den Gram, den ein kläglich zerronnener Glückstraum in mir hinterlassen".
Margaretens Kopf hatte sich lief gesenkt, so daß Sandory nicht erspähen konnte, was bei seinen elegisch klingenden Worten in ihren Zügen vorging. Aber er mußte seiner Sache trotzdem sehr sicher sein; denn er wartete ruhig darauf, daß sie eine weitere Frage thun würde.
„Es mag Ihnen sehr thöricht vorkommen, Herr Sandory", sagte sie nach einem langen Schweigen so leise, daß er sich nun wirklich herabbeugen mußte, um sie zu verstehen, „aber ich möchte Sie doch fragen, ob Ihr Entschluß, abzureisen, vielleicht in irgend welchem Zusammenhänge steht mit — mit meiner Person?"
„Das können Sie noch fragen?" gab er.zurück, und kein Schauspieler hätte den bitteren Schmerz einer verschmähten Liebe überzeugender zum Ausdruck', bringen können. „Ich wollte Sie nicht mehr damit belästigen, und es kommt mir gewiß nicht in den Sinn, Ihnen einen Vorwurf daraus zu machen — aber darüber, daß ich nur Ihretwegen mein unstetes Wanderleben wieder aufnehme, konnten Sie doch wahrlich nicht im Zweifel sein".
„Und so wäre ich es — ich, auf die alle Schuld für den Jammer fiele, den Ihre Abreise nach sich ziehen soll? O, das ist grausam! So hart können Sie sich nicht an einest wehrlosen Mädchen rächen wollen!"
(Fortsetzung folgt.)


