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seine Werkstätte, seine Heimat ist. Solch eine in sich gekehrte Natur, schweigsam und wortkarg, war unser Moltke; darum nennen wir ihn auch den großen „Schweiger". Alles überflüssige Reden, woran gerade die Gegenwart krankt, war ihm verhaßt. So erzählte man sich, Moltke habe überhaucht nur drei Kaisertoaste auf Lager gehabt, die er, je nachdem die Gelegenheit sich bot, vom Stachel ließ. Bei kleiner Tafel beschränkte er sich auf die Worte: „Es lebe der Kaiser!" Bei einem größeren Liebesmahle verstieg er sich zu dem Spruche: „Es lebe Seine Majestät der Kaiser!" Aber bei ganz besonders festlichen Gelegenheiten sprach der feingeschnittene Mund: „Es lebe' Seine Majestät der Kaiser, unser allergnädigster König und Herr!" Selbstverständlich folgte allen drei Toasten jedesmal das begeisterte dreimalige Hoch der Anwesenden. Auch der verewigte große Kanzler bezeugt die Wortkargheit Moltkes an treffenden Beispielen. So erzählt er in seinen „Gedanken und Erinnerungen" über den Eindruck, den die „Emser Depesche" aus Moltke gemacht habe, folgendes: „Moltke trat soweit aus seiner gleichmütigen Passivität heraus, daß er sich, mit freudigem Blick gegen die Zimmerdecke, und mit Verzicht auf seine sonstige Gemessenheit in Worten, mit der Hand vor die Brust schlug, und sagte: „Wenn ich das noch erlebe, in solchem Kriege unsere Heere zu führen, so mag gleich nachher die alte Carcasse (d. a. Gerippe) der Teufel holen!" Ter derbe Humor, der in diesen Worten liegt, entspricht ganz der echten Soldatennatur des Redners und dürfte selbst zartfühlenden Seelen, die nichts von Moltkes strenger Frömmigkeit wissen, verständlich sein. Wie humoristisch trotz seiner Wortkargheit Moltke sein konnte, davon erzählt Bismarck anderweit noch ein drastisches Beispiel. Es handelt sich um ein Gespräch im Jahre 1866, als die Vorbereitungen zum Einmärsche des preußischen Heeres in Sachsen im Gange waren. Auch da war Moltke nach Bismarcks Zeugnis, „abweichend von seiner sonstigen trockenen und schweigsamen Gewohnheit, heiter, belebt, ich kann sagen, lustig", und Bismarck berichtet des weiteren: „In der Juninacht (1866) in der ich ihn zu mir eingeladen hatte, um mich zu vergewissern, ob der Aufbruch des Heeres nicht um 24 Stunden verfrüht werden könnte, bejahte er die Frage und war durch die Beschleunigung des Kampfes angenehm erregt. Indem er elastischen Schrittes den Salon meiner Frau verließ, wandte er sich an der Thür noch einmal um und richtete in ernsthaftem Tone die Frage an mich: „Wissen Sie, daß die Sachsen die Dresdener Brücke gesprengt haben?" Auf meinen Ausdruck des Erstaunens und Bedauerns er» widerte er: „Aber mit Wasser, wegen Staub".
Nach seinem Rücktritte vom Amte eines Chefs des Generalstabes wurde Moltke (9. August 1888) unter Belassung seiner Dienstwohnung zum Präses der Landesverteidigungskommission vom Kaiser erwählt. An außergewöhnlichen Ehrungen hat es dem verdienten Strategen nicht gefehlt. Großartig und einzig dastehend war die Ovation, die den Gefeierten in Berlin zu feinem 90. Geburtslage zu teil ward, indem der Kaiser die Fahnen sämtlicher in Berlin garnisonierenden Garde-Regimenter aus seinem Palais für diesen Tag in Moltkes Wohnung bringen ließ. Fast alle höchsten in- und ausländischen Orden schmückten seine Brust, und 1866 und 1871 erhielt er Dotationen, woraus er ein Familiensideikommiß errichtete, bestehend aus den Rittergütern Creisau (seinem Sommersitze und seiner Begräbnisstätte), Nieder- Gräditz und Wierischau im Kreise Schweidnitz. Auch wurde er im Jahre 1870 in den preußischen Grafenstand erhoben mit der Bedingnis, daß diese Würde nach der Primogenitur auf den jedesmaligen Besitzer des Fideikommisses sich vererbt.
Auch parlamentarisch war Moltke thätig, zunächst als Mitglied des norddeutschen, später des deutschen Reichstages, wo er mit der deutsch-konservativen Fraktion stimmte und weniger durch Reden als durch das Gewicht seiner von allen Parteien anerkannten Autorität von großem Einflüsse war. 1872 wurde er zum lebenslänglichen Mitgliede des Herrenhauses ernannt. Schlichte Frömmigkeit, Edelmut und Bescheidenheit waren die Grundzüge
von Moltkes Charakter, die auch in seinem Familienleben zum Ausdruck kamen. Seine Ehe mit Maria von Burt blieb kinderlos, weshalb der Grafentitel auf Freiherrn Wilhelm von Moltke, geboren 1845 in Kopenhagen, Adjutant des Kaisers, überging.
Besonders herrlich« aber leuchten Moltkes Vorzüge in seinen zahlreichen Schriften hervor, die sich sämtliche durch einen lichtklaren, teilweise geradezu mustergiltigen Stil auszeichnen. Das gilt in erster Linie von den unter seiner Oberleitung entstandenen Generalstabswerken über die Kriege in Italien (1859), in Böhmen (1866), in Frankreich und Dänemark. Auch veröffentlichte er „Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835—1839", „Briefe aus Rußland" (1856), „Der russisch-türkische Feldzug in der europäischen Türkei 1828 und 1829", ferner Karten von Konstantinopel und von Rom mit ihren Umgebungen usw.
Reich gesegnet und hoch geehrt von Fürst und Volk schloß Moltke tri! dem Patriarchenälter von 91 Jahren am 24. April 1891 in Berlin seine Augen, und unter allgemeinster Teilnahme erfolgte kurz darauf die feierliche Beisetzung seiner sterblichen Ueberreste im Erbbegräbnis zu Creisau, wo an den wichtigsten Gedenktagen aus dem Leben« des Entschlafenen reicher Blumenschmuck auch! aus allerhöchster Hand bekundet, was der uns war, der hier zur ewigen Ruhe gebettet wurde: ein leuchtendes Vorbild treuester Pflichterfüllung im Dienste seines Gottes, seines Königs und seines Vaterlandes, dem es von der Vorsehung vergönnt war, im Vereine mit den auserlesensten Mitarbeitern an der Wiedergeburt des neugeeinten Vaterlandes entscheidend mitzuwirken, nach dem Grundsätze, der seines Lebens und Wirkens steter Leitstern blieb: „Alle Zeit treu bereit für des Reiches Herrlichkeit!"
Literarisches.
Katechismus der Archäologie. Von Dr. Ernst Kroker. Mir 3 Tafeln und 133 Textabbildungen. In Originalleinenband 3 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig.
Diese knappe und dabei doch erschöpfende Uebersicht über die Entwickelung der bildenden Künste bei den Völkern des Altertums hat schon bei ihrem erstmaligen Erscheinen bei der zuständigen Kritik ebenso wie in den Kreisen, an die das Buch sich wendet, eine so günstige Aufnahme gefunden, daß der Verfasser die zweite Auflage nur in Einzelheiten zu ändern und zu bessern sich veranlaßt sah. Zusätze wurden selbstverständlich immer da eingefügt, wo solche durch neuere Funde und Arbeiten nötig geworden waren. Neben der ägyptischen und vorderasiatischen Kunst Hal die griechisch-römische Architektur, Plastik und Malerei eine ausreichende Darstellung erfahren, selbst für die vorklassische und hellenistische Periode. Besonderes Lob verdienen die den Text ausgiebig erläuternden Abbildungen nach guten Vorlagen und die reichen Litteratur- nachweise. Zur schnellen Orientierung verhelfen ein Orts- und ein Künstlerregister.
Bilderrätsel.
(Nachbildung verboten).
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: (Zweizüger von B. G. Laws.)
W. Kh2, Dd2, Lb2 u. c6, Sd4, 15, Bb4, g6, h5.
Schw. Ke5, Lf8, Se8, Bc7, s7, g7.
Weiß. Schwarz.
1. Sf5—e3. Beliebig.
2. 8 matt.
Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


