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griff er die bargebotene Hand, und unbedenklich versprach er, den neuen Freund sehr bald in seiner Hotelwohnung zu besuchten.
„Vielleicht ist es besser, wenn Sie Ihrem Herrn Vater vorläufig nichts von unserer Bekanntschaft sagen", meinte Sandory beiläufig. „Ich werde Ihnen dann um so wirksamer nützen können. Und am Ende verschweigen Sie ihm ja auch wohl ohnedies Ihre Besuche int Hause der Frau Pollnitz."
Sigismund sah verlegen vor sich nieder. „Merdings, ich habe ihm bis jetzt nicht davon gesprochen, obwohl —"
„Obwohl diese Besuche an und für sich äußerst harmlos sind. Ich für meine Person hege daran nicht den geringsten Zweifel, aber ich kann mir wohl denken, daß es einigermaßen schwierig sein würde, auch Ihren Herrn Vater davon, zu überzeugen. Und eben deshalb erscheinen mir solche kleinen Heimlichkeiten auch nicht als ein Unrecht. Auf einem gewissen Gebiete haben sich das Alter und die Jugend von jeher nur schwer verständigen können."
Er drückte ihm kräftig die Hand, und nach Verabredung eines baldigen Wiedersehens gingen sie auseinander.
(Fortsetzung folgt.)
Helmut Gras von Moltke.
Zu des SKlachtendenkers 100 jährigem Geburtstage. — 26. Oktober 1900. —
Von Richard von Felsenegg.
Nachdruck verboten.
Ist es nicht wie eine ahnungsvolle Fügung des Schicksals, daß gerade in diesen Tagen, wo deutsche Truppen im fernen Osten ihre altbewährte militärische Zucht und Tapferkeit aufs neue zu erproben berufen sind, das Bild des genialen Meisters der Kriegskunst, aus der Zeiten Dunkel hervortritt, jenes stillen, großen Mannes, den im leuchtenden Dreigestirn der Paladine des großen .Kaisers der . unvergängliche Ruhm des „Schlachtendenkers" schmückt? Hundert Jahre sind am 26. Oktober dahingerauscht, seit Helmut Karl Bernhard von Moltke als Sohn des dänischen Generalleutnants von Moltke in Parchim das Licht der Welt erblickte, wie eine weiße Marmortafel an dem einfachen Geburtshause küudet.
Es ist ein altes, seit dem 13. Jahrhundert in Mecklenburg, später auch in Schweden, Dänemark, Oesterreichl, Bayern und Württemberg ansässiges Adelsgeschlecht, dem .der große Schweiger angehört, ein Geschlecht/ das sich in eine ältere (mecklenburgische) und eine jüngere (dänische) Hauptlinie scheidet, beide echt germanischen Ursprunges. Und sein Deutschtum hat unser Moltke, der, nachdem er vom Vater seine früheste militärische Erziehung erhalten hatte, zu seiner weiteren Ausbildung das Landeskadetten- inftitut zu Kopenhagen besuchte, niemals verleugnet. Der unverfälschte Ausdruck dieser seiner Gesinnung war sein Eintritt in das preußische Heer am 12. März 1822 als Seeondlentnant im 8. Infanterie-Regiment. Trotz seiner vorzüglichen Veranlagung mußte jedoch der Seeoudleut- nant elf volle Jahre warten, ehe er zum Premierleutnant befördert wurde. Aber diese lange Zeit hatte der Jüngling in ausgiebigster Weise benutzt, und in der Kriegsschule sich für seinen zukünftigen Beruf zunächst theoretisch vorgebildet. Daher wurde er dem Generalstab zugeteilt, dessen genialer Ches er dereinst werden sollte. Als aber Sultan Mahmud sich vom Preußenkönige deutsche Offiziere als Instruktoren erbat, welche im türkischen Heere und Militärwesen tiefeinschneidende Reformen durchführen sollten, da bot sich dem inzwischen zum Hauptmann aufgerückten jungen Offizier die erste Gelegenheit zu praktischem Wirken auf militär technischem Gebiete; denn auch Moltke gehörte zu den Erlesenen, führte verschiedene fvrti- fikatorische Arbeiten aus und bereiste unter militärischer Bedeckung Kleinasien. Und als bann der Krieg der Türken gegen die rebellischen Kurden unter dem kriegskundigen Sohne Mehemed Alis ausbrach, da erwarb sich Moltke auch seine ersten kriegerischen Lorbeeren in der Schlacht bei Nisib am 24. Juni 1839. Höchst interessant sind die Schilderungen, die Moltke, dessen Stil knapp, klar und anschaulich ist und den Mann verrät, der mit der Zeit
hauszuhalten weiß, von jenen Gegenden entwirft, und die vielfach als Muster einer bildenden Lektüre selbst in unsere Schullesebücher übergegangen sind. Nach Mahmuds Tode kehrte Moltke, der bereits mit dem Orden pour le merite geschmückt war, und nun den türkischen Nischan Jfteschar in Brillanten erhielt, nach Berlin zurück, wo er wieder in den Generalstab eintrat und in rascher Folge bis zu dessen Chef (1858) aufrückte.
In ähnlicher Weise vollzog sich sein militärisches Avancement: 1842 Major und 1846 persönlicher Adjutant des Prinzen Heinrich in Rom, 1850 Oberstleutnant, 1851 Oberst, 1855 Adjutant des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und Generalmajor, 1859 Generalleutnant, 1866 General, 1871 am 16. Juni Generalfeldmarschall. Diese an Glanz und Ehren reiche militärische Laufbahn Moltkes findet ihre Erklärung in seinem unverdrossenen Schaffen im Dienste seines Königs und Vaterlandes, und die Vorsehung hat es gewollt, daß es Moltke beschieden war, in jenen drei großen Kriegen, die als Stufen zur Einigung des Vaterlandes emporführen sollten, 1864, 1866 und 1870/71, in Roon und Bismarck, die Mitarbeiter zu finden, die ihn allein in den Stand setzten, sein Lebenswerk zu krönen. Das hat niemand so klar und überzeugend ausgesprochen als Kaiser Wilhelm I. selbst in jenem denkwürdigen Trinkspruche, den er am 3. September 1870, also kurz nach dem weltgeschichtlichen Ereignisse von Sedan, im Hauptquartier zu Vendresse ausbrachte, indem er sprach: „Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach feinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat".
Moltkes unsterbliches Verdienst für das gemeinsame Vaterland besteht also in erster Linie in dem ziel- bewußten, planvollen Zusammenwirken mit den Männern, die ihm die Vorsehung zur Seite gestellt hatte. Um es kurz zu sagen: alles war bei Moltke Plan und Absicht, das genau vorher berechnete, folgerichtige Resultat peinlichster Gedankenarbeit. Das gilt sowohl von den beiden Feldzügen 1864 und 1866, als auch- ganz besonders beim großen Kriege 1870/71. Schon nach dem 1866 er Kriege, als der Ruf der Franzosen nach „Rache für Sadowa" laut und lauter erscholl, hatte Moltke eine Denkschrift für König Wilhelm ausgearbeitet, in der er die Hauptgesichtspunkte eines Krieges gegen Frankreich,, an dessen Ausbruch die Kundigen damals nicht mehr zweifelten, entwickelte. Sein oberster Grundsatz war, „die Hauptmacht des Feindes aufzusuchen, und wo man sie finde, anzugreifen". Als Hauptaufgabe des deutschen Heeres stellte er den raschen Vormarsch auf Paris hin, woraus sich! die Bewältigung und Vernichtung aller diesem Hauptziele entgegenstehenden feindlichen Gewalten von selbst ergab. Zugleich umschließt dieser Grundsatz die allbekannte Taktik Moltkes in der das Geheimnis seiner gesamten Feldherrn- knnst und damit auch der staunenerregenden deutschen. Erfolge beruht: „Getrennt marschieren, vereint schlagen!" Wie trefflich bewährte sich dieser Grundsatz bei Sedan und später bei der Belagerung von Paris! Getrennt marschierten nach den großen Schlachten um Metz (14., 16., 18. August 1870) die Truppen ihrem Hauptziele, Paris, zu, um, als sie Fühlung mit dem nordostwärts entweichenden Feinde gewonnen hatten, sich sofort auf ihn zu werfen und vereint ihn im Thalkessel und in der Festung Sedan einzuschließen, und zur endlichen Kapitulation zu zwingen. Das gleiche wiederholte sich in allen späteren wichtigen Kriegsereignissen, und der Erfolg blieb derselbe. " Da nun Moltke in genialer Gedankenarbeit unsere Kriege und Siege vorbereitete, nennt man ihn mit Recht den „Schlachtendenker", dessen altbewährter Grundsatz lautete: „Erst wägen, dann wagen". Wer noch, ein anderes Beiwort, das ihm mit Recht gegeben wird, erklärt sich hieraus. Wer vorwiegend innerlich geistig arbeitet, Pläne entwirft und Probleme löst, der pflegt wenig aus sich herauszugehen, sein Blick ist nach innen gerichtet, wo


