Ausgabe 
27.10.1900
 
Einzelbild herunterladen

610

das ziemlich unbeholfen ausfiel, und das Gespräch schleppte sich eine kleine Weile etwas mühselig hin, bis es wieder Sandory war, der das befreiende Wort zu finden wußte.

Ich höre, Herr Ruthardt, daß Sie zurzeit den künst­lerischen Lehrmeister des Fräuleins machen. Ich möchte Sie nicht gern stören, aber ich wäre Ihnen sehr ver­bunden, wenn es mir heute ganz ausnahmsweise gestattet würde, einer Lektion beizuwohnen".

Frau Pollnitz beeilte sich, im Namen der beiden anderen die erbetene Erlaubnis zu erteilen, obwohl Elli durch eine sehr deutliche Zeichensprache versucht hatte, sie daran zu hindern. Die junge Schauspielerin sträubte sich nun allerdings nicht mehr, aber sie stand ersichtlich noch unter dem Bann einer beengenden Verlegenheit, als sie den Prolog zu sprechen begann. Nach und nach erst wurde sie vollständig Herrin über ihre Verwirrung, und jetzt brachte ihre glockenhelle Stimme durch die Innigkeit des Vortrags Sigismund Ruthardts wohllautende Verse aller­dings zu einer Wirkung, wie auch die größte Künstlerin sie schwerlich stärker hätte erzielen können.

Dem Charakter des geplanten Festes entsprechend, das von einem Komitee angesehener Bürger zum besten des Baufonds für das Kinderkrankenhaus veranstaltet werden sollte, enthielt das Gedicht einen warmen und schwung­vollen Anruf der werkthätigen Nächstenliebe der Hörer. Die Verse ivaren glatt und klangvoll, an einigen Stellen sogar von großer Schönheit und poetischer Kraft.

Bravo! Vortrefflich!" rief Sandory, als Elli ge­endet.Man weiß in der That nicht, wem man zuerst gratulieren soll dem glücklichen Dichter oder der be­gnadeten Künstlerin! Sie sollten die Poesie zu Ihrem Lebensberuf machen, mein lieber Herr Ruthardt!"

Auf Sigismunds Stirn zeigte sich eine Falte, und er schüttelte ablehnend den Kopf.Man hat mir so oft gesagt, mein Talent sei dazu nicht stark genug, daß ich es nachgerade wohl glauben muß. Und was beweisen denn schließlich auch ein paar gelungene Verse!?"

Das Thema war ihm offenbar peinlich, imb Sandory zeigte sich zartfühlend genug, es unter solchen Umständen nicht länger zu verfolgen. Ganz beiläufig warf er im weiteren Verlauf des Gespräches die Frage hin, tote es es den Damen in Waldenberg gefalle; aber er mußte damit eine wunde Stelle im Herzen der Frau Pollnitz berührt haben, denn mit allen Anzeichen lebhaftester Er­regung sprudelte sie hervor:Wie es mir gefällt? O, ich verwünsche den Tag, an dem ich den Fuß itt dieses elende Nest gesetzt habe. Das ist ein Publikum von kleinstädtischen Spießbürgern und fischblütigen Idioten. Jeder wahre Künstler muß es geradezu als eine Erniedrigung empfinden, vor solchen Leuten Abend für Abend Komödie zu spielen. Wenn ich an meine früheren Engagements zurückdenke an die begeisterten Huldig­ungen, mit denen man mich überall förmlich überschüttet hat, dann ist mir's, als wäre ich hier unter Leute ver­bannt, die eine andere Sprache reden uttb die ein ganz anderes, unentwickeltes Begriffsvermögen haben".

Sandorys Gesicht drückte nichts als teilnehmende Zu­stimmung aus. Es war durchaus nichts Ironisches in seiner Stimme, als er sich gegen Elli wandte:Und Sie, mein liebes Fräulein? Teilen auch Sie die Abneig­ung Ihrer Mutter gegen das kunstfremde Waldenberg?"

Es war wohl nur ein Zufall, daß die dunklen Augen der jungen Schauspielerin gerade in diesem Moment denen Sigismund Ruthardts begegneten, aber es war jedenfalls merkwürdig, daß sich seine Wangen um so viel höher färbten, da sie mit ihrer weichen^Stimme Antwort gab: O nein! Ich begreife vielmehr vollkommen, daß inan sich hier sehr glücklich fühlen kann".

Eine alte, schnarrende Wanduhr schlug sechs, und Frau Pollnitz erinnerte sich mit einem kleinen Aufschrei des Schreckens, daß es hohe Zeit fei, ins Theater' zu gehen. Die beiden Herren verabschiedeten sich gleichzeitig. Sandory aber wußte es sehr geschickt so einzurichten, daß die Aufmerksamkeit der Frau Pollnitz während der letzten Minuten vollständig von Elli und Sigismund ab­gelenkt wurde. Es war gewiß nicht seine Schuld, wenn die beiden jungen Menschenkinder seine Aufopferung nicht besser zu nutzen wußten, als daß sie sich stumm gegenüber

standen, scheu aneinander vorbeisehend, wie wenn jedes sich vor dem anderen fürchte. Zögernd, als sei er im Begriff, eine beispiellose Kühnheit zu begehen, bot Sigis­mund der jungen Schauspielerin seine Hand; in dem Moment aber, wo sie beide die warme Berührung ihrer Finger fühlten, schoß es gleichzeitig blutrot in ihren Ge­sichtern auf, und erschrocken fuhren sie auseinander.

Wenn es Ihnen recht ist, gehe ich noch ein Stück mit Ihnen", sagte Sandory, als sie zusammen die Treppe hinabstiegen.Ein Müßiggänger meines Schlages hat ja nie etwas zu versäumen."

Ganz unvermittelt begann er dann von Elli Pollnitz zu sprechen, von ihrer Anmut, ihrem schönen, ausdrucks- sühigen Organ und von der augenfälligen Reinheit und Unverdorbenheit ihrer jungen Seele. Seine Lobpreisungen hätten wie die begeisterten Herzensergüsse eines Lieb­habers geklungen, wenn sie nicht in einem so leiden­schaftslosen, fast väterlichen Tone laut geworden wären. Gerade um dieses eigenartigen Tones willen aber mußten sie dem Sprechenden gleichsam im Fluge die Zuneigung und das Vertrauen seines jungen Begleiters gewonnen haben; denn ihr gemeinschaftlicher Spaziergang währte noch kaum eine Viertelstunde, als Sigismund bereits be­gonnen hatte, den neuen Bekannten zum Mitwisser seiner schmerzlichsten Geheimnisse und Seelenkämpfe zu machen. Er erzählte ihm, was Sandory in kurzen Umrissen bereits aus dem Munde Franz Norrenbergs erfahren hatte, und wenn er auch von seiner plötzlich erwachten Begeisterung für die dramatische Kunst mit einem gewissen selbst­quälerischen Sarkasmus wie von einer Krankheit sprach, so zitterte die Bitterkeit der Entsagung doch vornehmlich genug in jedem seiner Worte.

Und Sie haben nun endgiltig auf die Verwirklichung Ihrer Künstlerträume verzichtet?" fragte Sandory.

Ich gab mein Ehrenwort, sie für immer zu begraben."

Hm! Dergleichen sollte man eigentlich niemals thun, mein lieber junger Freund! Die Macht der Verhältnisse ist int menschlichen Leben oft viel stärker, als der recht­schaffenste Wille. Und es ist auf jeden Fall eine üble Geschichte, sich mit einem solchen Ehrenwort Herumzu­schlepp en wie mit einer Sträflingskette."

Ja, wie mit einer Sträflingskette!" wiederholte Sigismund, mehr zu sich selbst als zu dem anderen sprechend.Ein Dasein, aus dem man die Hoffnung herausgenommen hat wahrhaftig, es ist nicht der Mühe wert, es zu leben."

Ihr kaufmännischer Beruf macht Ihnen offenbar wenig Freude?"

Freude? Er ist mir in tiefster Seele verhaßt, und ich muß miet); Tag für Tag von meinem Pflichtgefühl an die Arbeit treiben lassen, wie von der Peitsche des Sklaven­halters. Aber ich habe keine Wahl mehr, und es würde mich! den letzten Rest meiner Selbstachtung kosten, wenn ich e§; noch einmal zum drittenmal mit etwas an­derem verfnchen wollte. Mein Leben ist nun einmal ver­pfuscht ; mag es denn gehen, wie es will!"

Sandorys Gesicht drückte ebenso wie der Ton seiner Worte die innigste Teilnahme aus, als er nach einem kurzen Schweigen sagte:Unsere Bekanntschaft ist noch zu jung, mein lieber Herr Ruthardt, und ich kenne Ihre Verhältnisse, wie Jhrey Charakter zu wenig, als daß mir erlauben dürfte, Ihnen irgend welche Ratschläge zu erteilen. Wer ich vermag Ihren Seelenzustand zu begreifen, weil ich, selber in meiner Jugend ähnliche Kämpfe habe bestehen müssen. Und darum würde ich mich freuen, wenn ich Ihnen durch meine Erfahrung, ober vielleicht auch durch anderes von Nutzen fein könnte. Ich liebe es nicht, viele Umschweife zu machen. Mso rund heraus gesagt: Sie gefallen mir, und ich biete Ihnen meine Freundschaft an. Wollen Sie es trotz des Unter­schieds unserer Kahre damit versuchen?"

Auch ohne ein feiner Menschenkenner zu sein, hätte er voraussehen können, daß der junge Kaufmann ein solches Anerbieten mit Freuden annehmen würde. Eine Gemütsstimmung, wie diejenige Sigismund Ruthardts, macht ja doppelt empfänglich für jede Aeußerung einer anscheinend von Herzen kommenden Teilnahme. Mit all' der schönen Wärme seiner vertrauensvollen Jugend er­

griff

same ja a Pollt

ich fy

lo§ s rings es ei Batet mir

redur einar

Zu

sals, im f

des Dunk im l Kaise

bürg Baye .der in ei Haus Und vorn

Eint

ling

als Mili sollt gern tisch Mol

Soh

bei Schi anst