16 JsÄSS
fas Schicksal ist ein Wirbelwind,
Ein armes Blatt das Menschenkind, Er treibt's zn Thal, er hebt's zum Hügel — Das Blättchen rühmt sich seiner Flügel.
Hieronymus Lorm.
(Nachdruck verboten.)
Die Heimat.
Bon Ludwig Theodor Hageri.
(Schluß.)
Und nun trippelte sie hinunter. „Marie!" „Frau Rat!" antwortete sofort, wider Gewohnheit selbst etwas erregt, die alte Magd. „Sie haben doch Christian deutlich gesagt: 3 Uhr 20, daß er um 3 Uhr 20 Minuten pünktlich an der Bahn sein soll?" „Ei gewiß, Frau Rat, er freut sich ja schon lange drauf!" „Gehn Sie doch lieber noch einmal hin, -Marie, und erinnern Sie ihn daran, er ist oft so vergeßlich". „Aber Frau Rat, das ist wirklich nrcht nötig, er hat ja . . ." „Nein, nein, gehen Sie nur gleich noch einmal hin. Es wäre doch schrecklich, wenn mern armer Ernst gar niemand an der Bahn träfe, da rch nicht mehr hingehen kann in meiner Aufregung, ich alte, gebrechliche Person". „Aber Frau Rat, so schlimm is es doch noch nit, Sie sind doch noch immer hübsch ber der Hand gewefe!" . , . ,
„Ach nein, Marie, ach nein, man hat zuviel durchgemacht — aber gehen Sie jetzt, Marie, gehn Sie, es rst die höchste Zeit". Marie ging und mußte denken ,,^a, sie sieht 'wirklich auf einmal arg gealtert aus) die gute, alte Frau; kein sWunder auch; dieses Schaffen und Rusten, die letzte Zeit..."
Frau Rat ging in ihr gutes Zrminer, wo ste Ernst empfangen wollte und setzte sich, etwas erschöpft, m ihren geschnitzten Lehnsessel. Sie fühlte stch wirklich recht angegriffen. Es war ja auch eine zu große Freude ^hren Ernst sollte sie Wiedersehen, ihren Jungen, von dem sie selbst wußte, daß er zu Hause nie so recht sem Heim gehabt hatte. Wie gern hätte sie's ihm geboten. Gewiß, der Vater hatte es immer gut mit ihm gemeint, er hatte ihn nicht verziehen wollen, feinen Einzigen, aber er war doch oft eigenartig, ja hart gewesen - Ein ^ahr war s jetzt schon her, dcyß man! ihn draußen bestattet hatte und seitdem war's ihr erst recht einsam geworden. Wie oft hatte sie namentlich in dieser letzten Zeit ihres Ernst gedacht, mit heißen Thräuen in den Augen- nachtv m schlaflosen Stunden t— in der Abenddämmerung, wenn
es so imählich still wurde und die Schatten leise durch die verlassenen Zimmer schlichen.
Wie ihr Junge wohl aussehen mochte? Groß und stark war er sicher geworden. Ob's wohl noch der alte Trotzkopf war? Doch bald würde sie's ja sehen. Der Zeiger an der Uhr gegenüber rückte langsam vor, schon ein Viertel über 3 in wenigen! Minuten mußte der Zug einsahren. Eine große «Aufregung erfaßte sie. — Ja, sie müßte sich unbedingt noch etwas ausruhen. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen.
„Frau Rat ist jedenfalls im guten Zimmer", hatte ihm die alte Marie im Hofe gesagt. „Sie ist erst vorhin raufgegangen und jedenfalls ein bischen eingenickt. Sie wollte's freilich -durchaus nicht. Aber das is so ihre Zeit. Und sie hatte sich auch zu sehr abgejagt in diesen letzten Tagen. Nein, wird das eine Freud' sein!" Daß sie ihm !aber doch- nicht entgegenkam —. Nun stand er vor der Thüre, Marie hinter ihm, in gespanntester, freudiger Erwartung, wie Wohl der Empfang sein würde.
Hörbar fühlte Ernst sein Herz schlagen, als er nun an die Thüre klopfte, ein- — zweimal. Niemand antwortete. Sie schlief also wirklich. Leise, ganz leise klinkte er die Thüre aus. Mein Gott — war das Schlaf? Den Kopf zur Seite gebeugt — wie war er so grau geworden — lag sein altes gutes Mütterchen im Lehnsessel, die Arme . schlaff herabgesunken, fast wie leblos. trat behutsam hinzu und preßte einen innigen Kuß auf ihre Stirne — aber nichts regte sich. Ein greller Schmerz durchzuckte ihn. Tot?! Es war nicht möglich! „Mutter, liebes Mütterchen, sieh doch, dein Ernst ist ja zurückgekommen, du 'kannst nicht tot sein!" rief er verzweifelt. Und laut jammernd stürzte die alte Magd an seiner Seite nieder. Aber — sie blieb still. —
„Schnell zum Arzt! Holt vorher noch etwas Wasser!" Ernst versuchte, was ihm gerade an Wiederbelebungsmitteln einsiel — der alte Hausarzt kam — eine kurze Untersuchung — dann zog er Ernst mit leiser Hand in's Nebenzimmer.
„Mein lieber, junger Freund" — die, Stimme des- alten, freundlichen Mannes erzitterte — „es ist mir furchtbar, ich habe Sie ja schon als Kind gekannt. Ich weiß alles. Welche ein Schmerz für Sie, jetzt, da Sie heim- gekoMinen sind nach so langer Zeit, zehn oder zwölf Jahre werden's ja wohl gewesen sein — aber sie hat schon Einige Zeit mit einem Herzfehler zu thun gehabt, Ihre arme Mutter. Und nun die Aufregung der letzten Tage, die Freude des Wiedersehens — das wär zuviel für sie. ' Augenscheinlich- hat sie einen Herzschlag gehabt, kurz eh' Sie eintraten. Mein aufrichtigstes, innigstes Beileid". Ernst ergriff die dargebotene Hand und fühlte einen


