Ausgabe 
27.9.1900
 
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warmen Druck. Dann ging der Alte. Wie betäubt blieb Ernst stehen.

Was nachher kam wie im Traum ging's an ihm vorüber. All diese Fragen der teilnehmenden Nachbarn und Bekannten, die nach ländlicher Sitte sofort sich ein- stetlten rind doch hatte es ihm jo wohl gethan, dieses offenbar meist wirklich herzliche Beileid, das sich nicht nur in Worten und Mienen, vielmehr in alt dem Unsag­baren, Unmittelbaren ausgesprochen hatte, das als echtes, ungeheucheltes Gefühl iri eigenartiger Weise tiefer auf uns einwirkt, ohne daß. wir uns sagen können, wie und warum.

Dann war's 'wieder still geworden. Auch die letzten Besucher tparen ..gegangen. Marie war weg, um noch einiges Wichtige 'zu besorgen. Er war jetzt ganz allein mit der stillen Toten. Er hatte in ihrem Schlafzimmer seinen Stuhl so gestellt, daß er ihr in's Gesicht sehen konnte. Welch ein Ausdruck des Friedens in ihren Zügen noch ein Schimmer jenes lieben, milden Lächelns, mit dem sie -sich so manchmal zu ihm niedergebeugt hatte, das ihr auch wohl so viele Herzen gewonnen hatte, wie er soeben erfahren.

Tie Abendsonne kam jetzt durchs Fenster uni), sandte noch einmal rotgoldene Strahlen über die gefalteten Hände, über ihr freundliches Gesicht einen Abschieds­gruß.

Und während -er so dasaß, ging Eigenartiges durch die Seele des stillen Mannes. Sie war nur eine einfache, alte Frau, die keine Ansprüche auf Beachtung mehr an die Mitwelt stellte und doch, welchen Anteil nahm man an ihr. Welches herzliche, tiefe Bedauern hatte sich bei ihrem Scheiden -kund gegeben Und er mußte eine merk­würdige Frage an sich stellen. Wie wäre das wohl drüben gewesen, wenn Dich der Tod plötzlich hinweggerissen hätte? Welche Lücke hättest Du gelassen? Eigentlich keine. Tie drei, vier näheren Bekannten war en's eigentlich Freunde? so fragte er sich zum ersten Mal, würden wohl noch einige Tage von ihm gesprochen haben; o gewiß er hörte jes förmlich:Schade uni den Erkner war ein ganz tüchtiger Kerl, mitunter Träumer, verstand aber was.' Na, er ist hin". Und nach einigen Wochen dachte man nicht mehr an ihn. Er war vergessen. Was war das alles da draußen? Ja, er war reich geworden und nicht zuletzt deshalb war er auch angesehen. Aber sonst ein Fremder unter Fremden. War das eine .Heimat, seine Heimat? Ein schmerzliches Gefühl stieg in ihm auf, das Bewußtsein einer großen Irrung, die Erkenntnis, daß Heimat doch noch mehr sei, als die Stätte, da man sich abarbeitet, sich ernährt, Geld erwirbt ein mehr oder wenigechglücklichechFutterplatz. Heimatdu wunder­bares, wonniges, is-eliges -Gefühl wie hatte er sie so lange entbehren tonnen. Wie tauchte es aus seiner Er­innerung empor, wie erschien ihm auch sein Heimat­städtchen, diese ganze Umgebung in einem andren, viel hellerem Lichte. Gewiß, hier -war nicht diese geschäfts- mäßige Welterfahrenheit, vielmehr oft beschränkte Kleinlich­keit, aber auch nicht dieses alles tiefere Gefühl bare Ringen nach, Geld und wilden Genuß. Abep dafür war hier etwas anderes. Wie grm hatte er doch seither gelebt. Ihm war's, als sei er innerlich erstarrt gewesen. Hatte er sich denn eigentlich auch nur einen Tag einmal wirklich glücklich gefühlt? Die Luft schien ihm auf einmal drückend dumpf. Er öffnete ein Fenster und sah hinaus.

Draußen wunderbare -Maienpracht der herrliche deutsche Frühling. Aus dem Gipfel einer hohen Fichte sang die Amsel ihr altes, ergreifendes Abendlied. Auf dem Wege -drüben im Nachbargarten wer war diese liebe, lichte 'Gestalt in dem frischen, duftigen, weißen Kleid, zwischen den blühenden Sträuchern? Sollte das die Kleine sein? Sie (mochte zehn Jahre alt gewesen sein, als er weg gegangen war. Auch ein Stück Heimat. Welche an­mutige Erscheinung, dieses deutsche Mädchen! Durfte er sich das 'jetzt überhaupt sagen, jetzt, in diesem Augenblick, da seine igute Mutter kalt und stumm neben ihm lag. Aber seine Blicke waren wie gebannt. Wie ganz anders war diese deutsche Mädchengestalt, als die Schönheiten da draußen . . .

Anders auch als Juana, die schöne, erst dreizehn­

jährige, aber schon voll entwickelte Mestize, die er zu sich in sein Haus genommen hatte. Ohne Hintergedanken hatte er sich der Waise angenommen. Aber etwas wie Scham überkam ihn doch, als er an den Abend kurz vor seiner Abreise dachte, da er ihren Lieblingswunsch erfüllt und ihr aus der Stadt den seidenen Shawl mitgebracht hatte, farbenprächtig, wie sie das liebte. Und sie hatte ihn erst stumm angesehen mit ihren großen, dunklen Augen dann aber leidenschaftlich die Arme um ihn ge­schlungen und ein heißes Gefühl war über ihn gekom­men, ein Gefühl, das er jetzt widerwillig abschüttelte.

Er war ja wieder daheim.

In der Straßenecke, unter den Kastanien, rauschte der Brunnen, ganz wie in früherer Zeit. Ein paar Frauen standen dabei und er hörte, wie sie sich mit gedämpften Stimmen unterhielten von der guten Frau Rat, der lieben alten «Frau, von dem armen Sohn, der zu so trauriger Stunde nach Hause gekommen sei, nur um sie noch zu begraben.

Er schloß leise das Fenster und setzte sich wieder auf seinen alten Platz.

Die Sonne war jetzt untergegangen. Aber noch konnte man die Züge der Toten deutlich erkennen. Und wun­derbar, es war ihm, als ob er ihr vom Gesicht ablesen könnte, was sie zu ihm noch hätte reden wollen, deut­licher, eindringlicher vernahm er's, als sie's ihm vielleicht bei Lebzeiten gesagt hätte.

Sich nicht selbst zu verlieren, nicht sein Bestes auf­zugeben draußen in der fremden Welt, nicht arm zu werden im Reichtum, nicht innerlich zu veröden in der tropischen Pracht.

Er stützte den Kopf auf beide Arme und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Ein wehmütig-freundliches Ge­fühl durchschauerte ihn. O Hekmat Heimat kam es leise von seinen Lippen, vielleicht, daß ich dich wieder- finde!

Eins jedenfalls fühlte er deutlich. Er wiirde nicht immer in Venezuela bleiben, wie er auf der Herreise noch fest vorgehabt hatte. ----

Kein Land giebt's in der ganzen Welt, Das gleich der Heimat uns gefällt. Und keine Sprache klingt so traut Als unsrer Muttersprache Laut.

Die gnädige Fran ist nicht zu Hause!"

Novelette von O. H a l w i g.

(Nachdruck verboten.)

Also, ich gehe jetzt", sagte Fritz Erland zu seinen Damen.

Diese es waren ihrer drei, nämlich seine beiden jungfräulichen Tanten und deren verwittwete Mutter sahen ihn vorwurfsvoll an.So willst Du wirklich bei Frau Tiefurt Besuch machen?" fragte Tante Adelgunde, tändelnd Gundchen genannt, schmerzlich bewegt.

Ich kann nicht anders. Sie ist die Nichte meines Prinzipals, und alle meine Kollegen sind dort gewesen."

Eine schwüle Pause folgte. Dann äußerte die jüngere der Tanten, welche den zarten, wenig zu ihren 50 Jahren passenden Namen Blanche führte, in spitzem Ton,für heute wirst Du Deinen Plan doch wohl aufgeben müssen, ich habe nämlich"

Den Schlüssel zu meinem Kleiderschrank verlegt", vollendete ihr Neffe gemütlich. Er kannte die Redensart auswendig; denn er- mußte sie stets hören, wenn er aus- gehen wollte, ohne daß es in die Absichten der Tanten paßte.Beruhige Dich fuhr er fortich brauche meinen schwarzen Anzug nicht; denn ich- gehe so, wie ich bin."

Waaas?" klang's voll grenzenlosen Staunens von drei Lippenpaaren zugleich.In Deinem Lodenjacket und dem alten verbolzten Filzhut?" fügte spöttisch Fräu­lein Gundchen hinzu.

Du meintest ja, als ich mir kürzlich einen neuen kaufen wollte, er sähe aus, wie aus dem Laden genommen", warf ihr Neffe ein.

Na ja aber um Besuch zu machen ejnen feier­lichen Antrittsbesuch-"