Ausgabe 
27.5.1900
 
Einzelbild herunterladen

299

danken, von der ich, wüßte, daß sie sich mit fremden Männern derartige Scherze erlaubt."

Dabei zwirbelte Eckhard von Bodenheim seinen hüb­schen blonden Schnurrbart, um endlich die ominöse An­sichtspostkarte mißmutig in die Ecke zu schleudern. Dadurch wollte er sich die Laune doch nicht verderben lassen. Noch vierzehn Tage, dann hatte das schöne Leben in dem lieb­lichen Bade ein Ende, und des Dienstes ewiges Einerlei trat wieder in seine Rechte.Nein, er wollte seinen Ur­taub noch, so recht nach Herzenslust genießen. Vielleicht, daß er jetzt auf der Promenade einige Freunde traf, um mit ihnen einen Ausflug in das herrliche Thüringer Land zu verabreden.

Richtig, da kam ja auch schon der lange Lüderitz, der gleich, ihm hier Heilung von einem rheumatischen Leiden suchte.

Morgen, Kamerad! Kur schon gebraucht ober nur geschnitten?" rief er ihm scherzend entgegen.

Beides", entgegnete jener gutgelaunt.Friedrichroda hat großartigen Zuwachs erhalten. War eben auf dem Bahnhof, als der Zug von Fröttstädt ankam. Im ganzen brachte er meiner Schätzung nach so ungefähr dreißig neue Badegäste, darunter aber zwei entzückende Mädels von vielleicht zwanzig und neunzehn Jahren. Bodenheim, ich sage Ihnen, ich habe mich sofort sterblich in beide verliebt und weiß nur noch nicht genau, welche von ihnen ich zur Baronin von Lüderitz machen soll. Die eine ist groß und hellblond, die andere kaum über mittel und brünett."

Na, na, sachte mit den jungen Pferden, bester Freund. Wie oft in Ihrem Leben hegten Sie schon derartige Zweifel? Sie vergessen immer, daß zum Heiraten zwei gehören, und dabei wissen Sie doch sicher noch nicht einmal, web die Damen sind?"

Das ist ein Fehler, der sich bald gut machen läßt! Fräulein Lebus, die alte Pensionstante aus der Kronen­allee, holte die beiden ab, wahrscheinlich, sind sie bei der Alten abgestiegen. Dort brauche ich mich nur nach den Neulingen zu erkundigen."

So eilig werden Sie's ja wohl nicht haben! Warten Sie bis zur morgigen Reunion, da werden die jungen Damen doch! sicher auch sein. Dann erfahren wir gleich, tote sie heißen, und ich kann selber urteilen, ob Ihr leicht entzündliches Herz Ihnen nicht wieder einen Streich ge­spielt hat."

Diesmal ganz bestimmt nicht, bester Bodenheim! Doch nun kommen Sie zum Frühschoppen! Ich verdurste fast!"

Der Kursaal erstrahlte in hellstem Kerzenglanz, als die beiden Freunde pünktlich zum Beginn der Reunion er­schienen. Das Orchester war noch mit dem Stimmen der Instrumente beschäftigt, und in dem weiten Raume herrschte jenes Summen und Surren, das sich, so leicht dort einstellt, wo eine große Gesellschaft erwartungsvoll auf etwas harrt., Fast die gesamte tanzende Damenwelt war den jungen Offizieren bekannt, da sie ja bisher an jeder der Reunions teilgenommen hatten. Doch erkannte Eckhard von Bodenheims scharfes Auge beim Eintritt in den Saal sofort, daß dort in jener Ecke die beiden lieblichen Mädchenblüten in den lichten Gesellschaftstoiletten, noch Neulinge in diesem Kreise seien.

Bodenheim, das sind die reizenden Mädels von gestern! Na, habe ich! zu viel gesagt?" flüsterte Lüderitz dem Freunde zu.

Ich hätte Jhnens einen so brillanten Geschmack gar nicht zugetraut! Bin selbst ganz baff! Welche von den beiden gefällt Ihnen, denn besser, die Blonde ober bie Schwarze?"

Mir natürlich bie Kleine mit bent brünetten Typus in so entzückenben Farben! Da ist Race brüt das sieht man. Sie fesselt ohne Zweifel, wie ich Sie kenne, das blonde Gretchen mehr. Stimmts?"

Auffallend! Aber kommen Sie, wir wollen uns vor­stellen lassen. Sonst werden uns sämtliche Tänze weg­geschnappt!"

Bester Doktor, kennen Sie die Damen dort?"

Ein Kopfnicken des! jungen Badearztes war die Ant­wort.

Dann stellen Sie uns, bitte, vor."

Gestatten die Damen: Leutnant Freiherr von Lüderitz, Leutnant von Bodenheim Freiinnen von Gilsach!"

Eckhard blieb fast in seiner ehrfurchtsvollen Verbeug­ung stecken.Also' das waren die emanzipierten jungen Damen, die ihm/ ohne ihn zu kennen, eine Ansichtspost­karte von der Wartburg geschickt hatten. Und dabei schien es ihm, als wenn die kleinere der beiden, als sie seinen Namen hörte, noch freudig ihm entgegengehen wollte, um ihm etwas zu fagen/. Nein, das war ihm denn doch zu viel! Hier wollte er das Feld Lüderitz lieber allein überlassen! Vielleicht, daß bent, solche Scherze besser zusagten!"

Ohne sich auch; nur unt einen Tanz zu bemühen, trat Eckhard wieder zurück was ihm einen verwunderten Blick sowohl von feiten des Freundes als auch der Damen einbrachte.

In diesem Augenblicke begann das Orchester einen flotten Walzer, den Lüderitz mit dem einen Fräulein von Gilsach, eröffnete.

Eckhard stand mißmutig in einer Ecke und starrte in das muntere Treiben. Wer hätte den reizenden jungen Damen, die einen so zurückhaltenden Eindruck machten, einen derartigen kecken, Scherz zugetraut? Wenn es ihm jemand erzählte, müßte er ungläubig den Kopf schütteln. Aber er besah es ja schwarz auf weiß! Wie kam es, daß ihm in diesem Augenblick der alte Vers ins Gedächtnis kam: Von einer aber, thut mir's weh!" und er dabei immer mit den Blicken der hohen, blonden Mädchengestalt folgen mußte, die dort eben so anmutig int Tanze an ihm vor- überMwebte.... Nein, er wollte nicht sentimental wer­den, sondern das Vergnügen des heutigen Abends so recht nach, Herzenslust genießen.

Kaum eine Minute später wirbelte er int Tanze davon.

Kamerad, uns fehlt ein Paar zur Quadrille. Thun Sie mir den Gefallen und seien Sie unser Gegenüber. Ich tanze mit der blonden Baronesse!"

Mit der blonden?" spöttelte Eckhard;ich, dachte, die dunkle gefiel Ihnen besser?"

Nichts mehr zu wollen da! Ist verlobt! Erwartet jeden Augenblick ihren Bräutigam!"

Die Geschichte wurde ja immer schöner! Also selbst eine Dame, die sich einem anderen Manne anverlobt hatte, erlaubte sich einen derartigen Scherz wie mit der Ansichts­postkarte. Der arme Bräutigam in seiner Ahnungslosig­keit 'konnte (einem(wahrhaftig leids thnn!

Die Musik intonierte die Vortakte, und Eckhard blieb nichts anders übrig, als sich- dem Freunde gegenüberzu­stellen.

Ein fragender, fast bittender Blick aus tiefblauen Augen traf ihn, schien aber nicht von ihm bemerkt zu werden.

Changez les dames!"

Gleiche einem elektrischen Schlag durchzuckte es den jungen Offizier, als er die kleine, schmale Hand in der seinen fühlte doch er blieb ruhig und unbeweglich.

Lüderitz schwelgte in Wonne als Partner einer so reizenden jungen Dame und brachte seine Huldigungen so unverblümt bar, daß, Eckhard wider Willen eine jähe Eifersucht auflvdern fühlte. Sollte er den Freund auf» klären? Nein, das wäre eines Ehrenmannes unwürdig' Aber der Dame selber wollte er nicht verhehlen, wie er den Ansichtskartengruß aufgefaßt hatte.

Diegranb chaine" bot die erwünschte Gelegenheit.

Nun, gnädigste Baronesse, amüsieren Sie sich hier ebenso vorzüglich,, wie zwischenJasmin und Flieder?" fragte er spöttisch, als die junge Dame ihm Begegnete.

Ich verstehe Sie nicht, Herr Leutnant? . . . Thronen erstickten fast zhre> Stimme . . . Doch- da trennte sie das nächste Paar schon wieder.

Der Tanz wav zu Ende, und Eckhard brachte feine Dame an den Platz zurück. Er wollte sich eben verab­schieden, als er einen leichten Schlag auf der Schulter fühlte.

Erstaunt blickte er sich um.Erich, alter Junge, wo kommst Du denn her?" Damit schüttelte er einem hoch- gewachsenen Manne, der auf den ersten Blick den Gelehrten verriet, bie Hand.

Nun, ich habe Dir doch geschrieben, daß ich Dich bald