Ausgabe 
27.5.1900
 
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Heute mit der sonst so formgewandten Komtesse vorge­gangen? Stand sie nicht erst sekundenlang wie ein Bild wie ein schönes Bild freilich zwischen den roten Vorhängen, und schritt sie nicht jetzt, weder rechts noch links blickend, ohne ihr sonniges Lächeln, ohne eine gra­ziöse Verneigung auf den Fremden zu und reichte ihm die Hand?

Sie sind Mir kein Fremder!" sagte Frieda dabei mit leiser verschleierter Stimme.

Und wie sie zu ihm aufschaute, wie sehnsüchtig und erwartungsvoll zugleich! Frau von Suchen konnte sich nicht helfen, ein leises Räuspern kam von ihren Lippen, und nun war es, als ob das Mädchen erwache. Das Blut stieg ihr heiß in das Gesicht, sie reichte auch dem Barvm die Hand, nahm Platz unh machte eine einladende Be­wegung nach den Sesseln der Herren.

Wirklich kein Fremder", wiederholte sie lächelnd.Ich kenne Ihr Werk, Herr Professor, IhrenFührer durch Hellas", und ich gehöre nicht zu denjenigen, welche sich am Schönen erfreuen, ohne seines Schöpfers zu gedenken. Ich freue mich, dem ins Antlitz zu schauen, dessen Buch mich so begeisterte".

Ihre Stimme hatte den gewohnten weichen Klang wiedergefunden; es schien, als ob der Gelehrte einen Mo­ment sinnend .darauf lausche, gleich darauf aber richtete er lächelnd die machtvollen Augen auf die Sprecherin.

Viel Ehre für mich und mein Buch, gnädigste Gräfin! Und was, westn ich so fragen darf, war das Resultat Ihrer. Forschung, was fanden Sie in meinem Antlitz?"

Sie hob die rätselhaften dunkelschimmernden Augen zu ihm empor:Es sagte mir, daß Ihre Begeisterung für das, was Sie schildern, echt ist, daß sie schon seit langem, vielleicht seit Ihrer Kindheit, die Fackel ist, welche Ihrem Pfade voranleuchtet, und daß" sie stockte, dunkle Glut huschte über ihr Gesichtsie die einzig gebietende Göttin Ihres Herzens ist".

Bevor der, dem diese Worte galten, antwortete, bog sich Clemens Heiking in seinem Sessel vor und schlug lachend die Hände zusammen.

Bravo, Gräfin Frieda, bravo! Sie beschämen ja alle Gedankenleser! Stimmt, stimmt alles auffallend! Echte Begeisterung: Habe sie vier Wochen lang miterlebt, durch Dick 'und Dünn, unter und aus der Erde. Schon lange leuchtende Fackel: Hat mir erst heute erzählt vom kleinen weltvergessenen Städtchen dort oben nach Rußland zu, altem Onkel, Land der Griechen mit der Seele suchendi auf Ehre, meine Damen, die reinste Storm'sche Novelle. Und was Artikel drei anbetrifft, die göttliche Herzensdame, stimmt erst recht".

Der lebhafte Herr sprang auf, mit ausgestreckter Hand auf seinen Gast zeigend.

Bitte, verehrte Anwesende, staunen Sie mit mir diesen sonst normal gebildeten Jüngling an! Werden Sie es glauben, daß fein Herz kalt wie einer seiner geliebten Marmelsteine, daß sein Knie sich noch nie vor einer hold­seligen Heiligen gebeugt, daß seinen Lippen noch nie das verhängnisvolle, zauberkräftige Wort entflohen, das Wort, welches das Leben erst des Lebens wert macht?" Er neigte sich Frau von Suchen zu:Wissen Sie, was ich meine, Gnädige?"

Die Engel nennen es Himmelsfreud',

Die Teufel nennen es Höllenleid, Die Menschen nennen es Liebe.

Die Verse wurden mit hohlem Theaterpathos ge­flüstert, das letzte Wort derselben aber so kräftig hervor­gestoßen, daß die behäbige runde Dame erschreckt zusam­menfuhr. Gleich darauf freilich lachte sie und drohte dem Uebermütigen, der nun einmal ihr erklärter Liebling war, mit dem Fächer.

Indessen neigte die junge Gräfin ihr schönes, jetzt rosiges Gesicht, ihre wie Sterne leuchtenden Augen dem anderen Herrn zu.

Ich verstand recht, Herr Professor, Sie stammen aus einer kleinen Stadt?"

Er verneigte sich zustimmend.Ja, gnädigste Gräfin, aus einem winzigen kulturvergessenen Winkel der Provinz Ostpreußen. Ich verlebte übrigens die letztvergangenen Monate dort und benutzte die idyllische Ruhe zum Schreiben meines bescheidenen Werkes".

So haben Sie Verwandte in der alten Heimat Freunde?"

Ein Schatten flog über das männlich schöne Gesicht.

Niemand, Gräfin! Mein Onkel, mein Erzieher und Wohlthäter schläft längst auf dem kleinen heckenumzäunten Krrchhof, und Freunde besitze ich dort nicht, ich verließ schon als Knabe den Ort".

Frieda hielt die dunklen Wimpern gesenkt, ihre schlanken Finger zerzupften mechanisch eine duftende rote Nelke, welche sie von der Brust genommen.

So hatten Sie eine einsame Kindheit, Herr Professor? Keine Gespielen?" Der Gefragte sah nicht den Blick gren­zenloser, verzehrender Spannung, der an seinen Lippen hing, er bemerkte Baron Heikings aufforderndes Nicken, und meinte, ihre erste Frage beantwortend, leichthin: Jedenfalls eine bedeutend stillere wie die anderer Knaben. Ich glaube wirklich kaum, haß ich jemals eine rechte echte Jungenbalgerei mitgemacht habe. Doch nun" er erhob sichdarf ich aber das Pantomimenspiel des Barons nicht länger unbeachtet lassen, freilick noch viel weniger Ihre Geduld mißbrauchen, meine gnädige Gräfin".

Er verneigte sich tief, während sein Freund der jungen Dame die Hand reichte und in seiner sprudelnden Art auf sie einsprach:Für heute nur Staatsvisite, Komtesse, feier­liche Einführung und so weiter. Nächstens, wenn Sie nicht zu sehr erschrecken wollen, Ueberfall für längere Zeit. Jetzt müssen wir nach Annahof, der schöne Viktor feiert Geburts­tag. Große Gratulationskour, Gabelfrühstück rc. ic. Darf ich Frau von Meinert Grüße von Ihnen ausrichten?"

Gewiß, lieber Baron, auch der reizenden kleinen Else, ihrer Schwester".

Gräfin Frieda lächelte ein wenig, als der lustige junge Herr für einen Moment unsicher die Augen senkte, dann reichte sie seinem Gaste das schmale Händchen.Darf ich Sie bald wieder auf Wellinghausen begrüßen, Herr Pro­fessor? Es wäre eine große Freude für mich!"

Heiking horchte hoch auf. Wie seltsam die tiefe Stimme der Sprechenden heute klang, so gedämpfft, so bebend, und welch glühendes Rot über ihr Gesicht flog, als der Gelehrte sich nun über ihre Hand neigte. Wie oft sie überhaupt während der letzten halben Stunde die Farbe gewechselt hatte! Er schüttelte leise den Kopf. Sie war doch nrcht etwa krank, oder hatte sich gar Nerven zugelegt?

Lange freilich hielt der Gedanke bei ihm nicht stand. Der Ritt nach AnNahof war zu zweien so angenehm, die bereits bei Meinerts versammelte Gesellschaft so heiter und dann die kleine Else mit dem goldblonden dicken Zopf, der dem winzigen Persönchen so lächerlich lang über den Rücken hing. Und wie hell sie lachen konnte, wie ungeniert sie ihr Kelchglas an dem seinen anklingen ließ: Freilich, sie war ein ganz anderes Genre als Frieda Wellinghausen, und er hatte sich zugeschworen, die zukünftige Herrin von Schloß Heiking Müsse dieser gleichen, wenn sie es brau' schon nicht selbst sein wollte aber aber, die kleine Goldelse mit den lachenden braunen Augen war just nicht das Mädchen dazu, solche Grundsätze zu respektieren.

(Fortsetzung folgt.)

Zwischen Jasmin und Flieder . . ."

Novellette von Paula Kaldewey.

Nachdruck verboten.

Zwischen Jasmin und Flieder senden wir von den: Gipfel der Wartburg herzlichen Gruß und freuen uns auf ein baldiges Sehen! Irene von Gilsach, Hertha von Gilsach."

Leutnant von Bodcnheim drehte die Ansichtspostkarw noch einmal um und um!

Was kann das nur bedeuten*? 'Schreiben mir da zwei unbekannte Damen, deren Namen ich sogar noch niemals gehört habe, eine Karte, als ob ich iHv nächster Verwandter wäre! Auch die Adresse stimmt ganz genau: Friedrichroda, Hotel Bella Vista." Selbst der Vorname Eckhard fehlt nicht. Also für mich hat die Sache ihre Richtig­keit. Ich bin der berechtigte Empfänger dieses Grußes von mir zwar unbekannten, aber hoffentlich schönen Händen. Anmutig und weiblich dünkt mich übrigens ein solches Benehmen nicht, und ich würde für eine Frau