Nachdruck verboten.
„Es sah eine Linde ins tiefe Thal?'
Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
VI.
Schloß Mellinghausen.
Nie, nie vergißt das Herz Den Traum der ersten Liebe.
Die Sonne stand im Mittag, und man hatte vor allen Fenstern des Schlosses Mellinghausen sorgsam die gestreiften Jalousien Herabgelassen. Nur eins, es gehörte zu einem der Erkerzimmer, stand weit offen und gewährte einer Fülle von Licht und Wärme Eintritt in das behagliche, braungetäfelte, stille Gemach. Nichts regte sich darin, der Kanarienvogel fm blanken Käfig hielt das Köpfchen unter den Flügeln, das schneeweiße Kätzchen lag in sich zusammengerollt in dem breiten Sonnenstreifen auf dem weichen dunklen Teppich.
Das Gemach der Alten in Dornröschens Zauberschloß!
Und da ist ja auch das Königskind selbst! Vor dem gebückten ruuzlichen Mütterchen im tiefen Lehnstuhl kniet e§,. den Kopf tief in den Falten ihres Kleides. Aber jetzt regt es sich, hebt das im Sonnenlicht goldig schimmernde Köpfchen und sieht aus großen ängstlichen Augen zu der Alten auf.
„Ach, Brigitte, mir ist so bange! Lange Jahre habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt, so heiß, so glühend, so mit jedem Schlage meines' Herzens, und nun, da er naht, findet er mich als schwaches, zagendes Weib. Wenn er sich verändert hat, Brigitte, wenn er nicht der ist, dem das Kind einen Altar aufbaute in seinem Herzen, einen War, der von Jahr zu Jahr fester, geschmückter stand, den keine Lockung, keine Macht der Welt umzustoßen imstande war? — Doch nein" — die schlanke Mädchengestalt richtete sich höher auf, die schönen Augen leuchten in stolzem Vertrauen — „er ist derselbe geblieben, er hat gehalten, was er versprach. Dafür zeugt sein Buch. Aber wenn sein Herz
onntag den 2?» Mai
K
irang
j'in n Ö2
H--------
MM»
erlasse dich auf dich allein Und niemals auf die andern; Denn du wirst immer bei dir sein, Indes die Freunde wandern.
4
Klipstein.
Ein Held ist, wer sein Leben Großem opfert, Wer's für ein Nichts vergeudet, ist ein Thor.
Grillparzer.
nicht mehr frei wäre, wenn ich umsonst all die langen Jahre —
Sie wollte aufspringen, aber die Greisin legte sanft die dürre Hand auf ihren Scheitel.
„Und an den dort oben, der Deine Schritte bis hierher so gnadenvoll geleitet, denkt Dein Herz gar nicht Elfe?" fragte sie mit leisem Vorwurf. „Glaubst Du denn, er habe so reiche Wunder an dem verlassenen Kinde gethan, um es dann doch elend werden zu lassen?"
Sie richtete die eingesunkenen, glanzlosen Augen nach oben. „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden!" murmelte sie leise.
Durch das geöffnete Fenster drang der Klang fröhlicher, jugendlicher Männerstimmen ins Zimmer. Das Mädchen horchte mit angehaltenem Atem, dann sprang es glühend, bebend auf.
„Das ist er! O, Gitta, liebe Gitta, wie mein Herz pocht, wie laut und stürmisch! Ob er mich erkennen wird, Brigitte, ob ich ihm gefallen werde, ein wenig, ein klein wenig nur?"
Und die Gräfin Frieda Wellinghausen, dieselbe, welche stets für ein Muster vornehmer Ruhe galt, und so gern ihre 26 Jahre betonte, flog zum Spiegel, genau wie jedes andere Mädchen, welches den Geliebten erwartet, und sah ängstlich prüfend hinein. Aber wahrlich, sie hatte keinen Grund zu solchem Thun. Das Glas strahlte ein edles Gesicht von der köstlichen Farbe des gelblich angehauchten Marmors zurück, und das schlichte, Helle, nur mit einem Strauße dunkelroter Nelken geschmückte Kleid umschloß eine grazienhafte, bei aller Schlankheit vollendete Gestalt. Ein Diener überreichte auf silberner Schale zwei Karten, dabei ausrichtend, daß Frau von Suchen mit den Herren bereits im roten Salon weile. Als er gegangen war, stand seine junge Herrin noch ein paar Minuten regungslos da, und blickte starr auf das weiße Kärtchen, welches sie in. der Hand hielt.
„Ob er mich kennen wird?" murmelte sie wieder. Und „ob er mich kennen wird?" flüsterte sie ein drittes! Mal, als sie die Zimmerreihe durchschritten hatte und die tiefrote Sammetportiere, die das Empfangszimmer von dem dar anstoßenden Boudoir trennte, zurückschlug.
Bei ihrem Eintritt in den Salon sprangen die beiden Herren von ihren Sitzen auf, auch Frau von Suchen, dick würdige Dame, die seit dem Tode des alten Grafen im Schlosse war, erhob sich aus ihrer Sofaecke.
„Herr Professor Volkmann, meine liebe Komtesse, ein Freund unseres teuren Barons, — Frieda, Gräfin von Wellinghausen, mein Herr Professor".
Die gute Dame stockte ein wenig bei dieser Vorstellung und richtete die kleinen, wasserblauen Aenglein in höchster Verwunderung auf ihre Schutzbefohlene. Was war denn


