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einigermaßen mit der herrschenden Sitte zu vereinigen gewesen wäre.
Johanne hatte kein Arg darin gesunden, als sie ihrem Jungen so viel Gold auf seinen äußeren Menschen nähte; ihre Sehnsucht, ihn schön und stattlich zu machen, und so glänzend und prächtig, daß er wie ein blankes Geldstück der ganzen Menschheit in die Augen stechen sollte, war nichts anderes, als derselbe Ueberschwang von Liebe, mit dem sie damals ihren ersten Tannenbaum heraus- geputzt hatte — — Aber die Großmutter empfand das Lächerliche, das in diesem Aufputz lag. ---
(Fortsetzung folgt.)
Schach, Dame, Salta?)
Eine Studie über das Brettspiel von H. Z.
Der Welt ein geistreiches Spiel zu schenken, ist unstreitig ein Verdienst, das mit ehernen Lettern in das Buch der Geschichte eingetragen werden muß. Man kann nun nicht gerade behaupten, daß dieser ehernen Lettern bislang viele gebraucht worden wären. Denn der erste, den die Geschichte als Erfinder eines wirklich geistreichen Spieles verzeichnen mußte, war auch gleichzeitig der letzte. Und zudem hatte er das Mißgeschick, daß die Geschichte zu seiner Zeit noch nicht mit der Gründlichkeit geschrieben wurde, wie heute, sodaß „Name, Stand und Wohnung" des betreffenden noch immer in tiefes Dunkel gehüllt ist. Nach der bekannten morgenländischen Erzählung von Behun und dem Schach hätte sich einst ein Mann aus dem Volke, der dem König von Indien das Schachspiel zeigte, als Belohnung dafür erbeten, daß Behun auf das erste der 64 Felder des Schachbrettes ein Weizenkorn und auf jedes folgende doppelt so viel, als auf dem vorhergehenden sich befinden, legen möge. Da nach später angestellter Berechnung diese Forderung 18 Trillionen, 73 700 Millionen, 551650 Weizenkörner umfaßte, wird der König von Indien, obschon er über eines der fruchtbarsten Länder der Welt verfügte, wohl kaum den Wunsch erfüllt haben. Hätte es sich doch um einen Haufen Weizen gehandelt, zu dessen Erzeugung die Erde 76 mal so groß hätte sein müssen, als sie ist, und wären doch nicht weniger als 625 Millionen vierspänniger Wagen zur Fortschaffung notwendig gewesen. Dem Manne, der diese Forderung gestellt haben soll, wird der Name Stazir zugeschrieben: ob er nun wirklich so geheißen und was er denn eigentlich gewesen ist, darüber weiß man eben nichts, so viel 'steht ja aber fest, daß es einer war, der sich mit „Kleinigkeiten" nicht abgab.
Neben dem Schach haben zu allen Zeiten schon andere Brettspiele existiert. Durchmustert man die lange Liste derselben, so findet man sogar manche darunter, die recht interessant, zum Teil auch solche, die geistanregend sind, das Prädikat geistreich aber hat bislang noch keines gerechtfertigt. Wenn nun in der Gegenwart hier und da eines neuen Brettspieles Erwähnung geschieht, dem nachgerühmt wird, auf ähnlich geistreichen Theorien aufgebaut zu sein, wie das Schach, so ist dies wohl Grund genug, sich mit dem betreffenden Spiel ein wenig näher zu beschäftigen. Das in Rede stehende, wenn ich nicht irre, von einem Rheinländer erfundene Spiel heißt „Salta". Dieser Name (Springe!) erweckt die Vorstellung, als handele es sich um eine Abart jener Spiele, die durch das Springen der Steine dirigiert werden, und in denen das Endresultat bedingt wird von dem mehr oder minder großen Geschick im Springen oder Springenlassen. Dem gegenüber sei vorweg bemerkt, daß das Springen wohl eine der Grundregeln des Saltaspiels bildet, im übrigen aber keineswegs das Wesen des Spieles charakterisiert.
Schon bei der ersten und oberflächlichen Bekanntschaft mit dem „Salta" werden wir wahrnehmen, daß für seine Beurteilung nur zwei andere Brettspiele zum Vergleich herangezogen werden können: das Schach- und das Damenspiel. Es mag manchem Schachverehrer als eine Profanierung dieses edlen Spiels erscheinen, dasselbe in einem Atemzuge mit dem Damenspiel zu nennen. Ihm sei bemerkt, daß es uns bei unserem Vergleich zunächst nur auf die bezüglichen Grundgedanken und aus spieltechnische
*) Nachdruck nur mit Erlaubnis des Verfassers gestattet.
Aeußerlichkeiten ankommt; nur so können wir zunächst die Stellung ermitteln, die dem zu besprechenden „Salta" unter den bekannten Brettspielen zusteht.
Betrachten wir jetzt einmal ganz kurz das Wesen der zum Vergleich herangezogenen Spiele, des Schachs und der Dame.
Das Schachspiel ist ein Kampfspiel, das sich in der Aufstellung der zur Verwendung gelangenden Streitkräfte an jene taktische Ordnung anlehnt, wie wir sie in den Heldengeschichten der Inder als stehenden Typus für die indische Schlachtordnung kennen lernen. Die Bauern auf dem Schachbrett gleichen dem Fußvolk, das im indischen Heere voranmarschierte; die Türme den Elephanten, die thatsächlich Türme trugen und als Flügeldeckung dienten; die Springer der Reiterei; die Läufer den Streitwagen. Im Hintergründe hielten sich zu Beginn der Schlacht der König und sein Feldherr (beim Schach die Königin) auf. Während ersterer nie selbst aktiv eingreisen kann, sondern sich als des Spieles Preis stets in der Defensive halten und infolgedessen von allen Streitkräften beschützen lassen muß, ist der Feldherr (die Königin) der eigentliche Stützpunkt der Operationsidee. Jede Figur im Schachspiel hat eine eigene, dem Werte ihrer Stellung entsprechende Gangart. Schon dieser Umstand allein stellt an das Orientierungsvermögen und die Urteilskraft des Spielers ganz gewaltige Ansprüche. Sind doch über die Gangart des Springers oder den sogenannten Rösselsprung allein dickbändige Abhandlungen geschrieben worden.
Im diametralen Gegensätze zur Kompliziertheit des Schachspieles, in dem es nur wenige Auserwählte zur Meisterschaft bringen, steht die Einfachheit des Damespiels. Abgesehen von unwesentlichen Abweichungen bei den verschiedenen Arten dieses Spieles (Schlagdame, Polnische Dame ic.), sind alle Steine hier gleichwertig. Die Spieler haben danach zu trachten, die Steine des Gegners möglich schnell zu schlagen (überspringen) und vom Brett zu entfernen. Als Sieger gilt, wer entweder alle Steine geschlagen hat, oder die noch auf dem Brett gebliebenen so fest gestellt hat, daß der am Zuge befindliche Gegner sich nicht mehr regelrecht bewegen kann. Von einem wirklich kampfähnlichen Aufbau der Streitkräfte kann ebenso wenig beim Damespiel die Rede sein, wie von geistreichen Grundgedanken oder theoretischer Entwickelungsfähigkeit der Spielidee.
Wie verhält sich nun das „Salta" zu den beiden eben skizzierten Spielen in Bezug auf äußeres Wesen und spieltechnische Innerlichkeiten? Zunächst sei bemerkt, daß Salta auf einem Brette mit 100 Feldern gespielt wird. Die Truppen für jedes Lager bilden je fünf Sonnen, fünf Monde und fünf Sterne, und zwar bei der einen Partei in grüner, bei der anderen in roter Farbe. An sich untereinander völlig gleichwertig, unterscheiden sich die fünfzehn Steine jeder Partei dadurch, daß ein jeder von ihnen seinen bestimmten Standort hat, von dem aus er in den Kampf zieht. Nur die schwarzen Felder des Brettes werden occupiert, und bei der Aufstellung kommt auf das erste schwarze Feld linker Hand Stern 1, auf das zweite schwarze Feld Stern 2 und so weiter, bis Stern 5 aus dem fünften schwarzen Felde der ersten Reihe steht. In gleicher Weise kommen in der zweiten Reihe die Monde 1—5, und in der dritten Reihe die Sonnen 1—5 zu stehen. Eingeschaltet muh hier werden, daß natürlich jeder Stein ein ^Kennzeichen trägt; Sonne 1 weist eine Sonne, Sonne 5 fünf kleine Sonnen auf seinem Schilde auf, und dem entsprechend auch die anderen Steine. Alle Steine, auch die geschlagenen (übersprungenen) bleiben bis zum Ende der Partie auf dem Brette. Die Spielaufgabe ist nun die, seine eigenen fünfzehn Steine in der ursprünglichen Aufstellung in das Lager des Gegners zu rücken. Hunderte von Fährnissen lauern unserer auf diesem Wege, und glaubt man, bereits am Ziele zu sein, so kann uns ein unbedachter Zug wieder weit davon abbringen. Denn es wiederholen sich hier alle jene Vorkommnisse des wirklichen Krieges, der Vormarsch, der Rückzug, die Umzingelung, die Ueberrumpelung, btt Entwaffnung 2C. rc. Wie im Kriege, so ftnd auch im Saltaspiel zwei Arten von Erfolg zu unterscheiden, bte Verbesserung der eigenen Stellung und die Verschlechterung der Stellung des Gegners. Man verbessert z. B. seine


