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Körbe auf den Perron. Wir fahren mit Nachtzug Halle". Ich lohnen inzwischen die Knecht ab".

Er ist bezahlt", sagte Nettchen, die sich anschickte, dem Gepäckträger zu folgen. Plötzlich, von einer raschen Regung übermannt, trat sie an den Knecht heran.Leben Sie wohl, Karl, und ich danke Ihnen", sagte sie. Sie drückte seine schwielige Hand. Dann eilte sie davon.

In der Familie Brinkmann waren die wenigen, auf­regenden Tage längst vorüber, welche Paul und Johannes Hochzeit trotz aller Bescheidenheit mit sich gebracht hatte.

Aber wo nach so vielen Stürmen Licht und Sonne, und unendliche Wärme sich soeben auszubreiten begannen, da senkte sich noch einmal ein tiefer Schatten herab.

Paul's Mutter schloß die Augen.

Die Flamme reinster Mutterliebe verlosch über Nacht, als habe ein Windstoß sie ausgeblasen.

Die jüngere Frau, die so gern noch im Glück ihrer Kinder gelebt hätte, mußte gehen, und die alte, deren Scheitel weiß geworden war, und die dem Tode so heiter entgegensah, bereitete das Leichenhemd, das sie sich für den eignen, letzten Gang genäht hatte, für die Tochter vor.

In -der stillen Häuslichkeit that sich eine gähnende Lücke auf. Auch als Paul der zweite geboren wurde, schloß sie sich nicht, aber die Trauer wurde sanfter, und in der gleichsam verstummten Häuslichkeit regten sich wieder die ersten Töne des lauten, fordernden Lebens.

Johannes kinderhafter Körper war noch zarter ge­worden, als sie von ihrem Wochenbett aufstand. Der kleine Paul, der mit seinen runden Fäustchen, dem roten, seiften Gesicht wie ein strammer Trompeter in seinem weißver­hangenen Korbe lag, sah aus, als werde er dieser kleinen Mama im Handumdrehen über den Kopf gewachsen sein.

Paul der Aeltere konnte nicht begreifen, daß er der Vater eines so kolossalen Weltbürgers sein sollte. Sein Gesicht erstrahlte vor Stolz.

Sein mutloses und verschlossenes Wesen begann sich an dem Kinde abzuschleifen, und oft erstaunte Johanne und hielt in ihrer Arbeit inne, wenn sie ihren ernsten Mann im Nebenzimmer zur Wonne des Kindes wie einen Hund bellen oder wie ein Pferd wiehern hörte. Des Abends beeilte er sich mehr als alle seine Kollegen, mit der Arbeit, die ihn immer noch den Schweiß seines Angesichtes kostete, fertig zu werden. Mit einer Pünkt­lichkeit, die Johanne jeden Blick auf die Uhr ersparte, meldete er, durch das mit dem Drücker am Thürschloß verursachte Geräusch, daß es sieben Uhr sei, und die Haus­frau die Eier in's kochende Wasser legen müsse.

In den kleinen Zimmern, die Nettchen verschmäht hatte, sah es zu dieser Zeit, wo Paul eintrat, stets so behaglich aus, daß er immer erst einen Augenblick stehen bleiben und sich an dem Anblick weiden mußte.

Der Tisch war geradezu blitzend sauber gedeckt. Die Lampe, die seine Mitte einnahm, trug einen Schirm aus hellen Papierrosen, und in jede derselben hatte Johanne eine Glasperle eingenäht, die wie ein Tautropfen funkelte, und das Licht des Rundbrenners in Strahlenblitzen ver­doppelt wiedergab.

Ueberall an den Wänden hingen Kunstwerke aus Seidenpapier; gefaltete, gerippte und gezackte Dinge, Fächer und Blumen, kurz, alle jene kindlichen Dekorationen, deren Vorzug die Billigkeit ist, und die keinen anderen Wert haben, als jenen, daß ein liebendes Herz sie erdichtet.

Ueberall versuchte Johanne mit ihren winzigen Mitteln eine Imitation des Farbenreichen und Blütenreichen her­vorzubringen, und selbst in jene Räume ihrer kleinen Wohnung, die sich mehr in diskreter Abgelegenheit be­fanden, verteilte sie Rosen und chinesische Zehnpfennig- Fächer !mit goldenen und silbernen Männern.

Als das erste Weihnachtsfest ihrer jungen Ehe heran­kam, durfte ihr Erfindungsgeist sich bis zu einem wahren Taumel entfalten, und der kleine Tannenbaum, den sie mit heißen Wangen schmückte, mußte es über sich ergehen lassen, daß fast auf jede seiner unzähligen Nadeln ein winziger Flitter gespießt wurde. Er stand da wie ein kleiner, herausfordernder Parvenü, und ließ seine dick­vergoldeten Nüsse wie Louisdore glänzen. Er war eigent­lich kein Tannenbaum mehr, sondern beinah nur ein ver­

goldeter Büschel, an dem man die ursprünglichen, grünen Nadeln mit der Lupe suchen mußte.

Die einzige, der dieser Baum nicht imponierte, war die Großmutter; aber sie sagte nichts davon, als Johanne die große Serviette von ihrem Kunstwerk hob, um es ihrer Familie zu enthüllen.

Sie verstand ja nur zu gut, die alte Frau, daß dieser Drang, das Leben zu vergolden und zu verschönen, nur die Reaktion der äußerlich und innerlich so farblosen, grauen, bitterlichen Jahre war, die Johanna im Gefängnis der Handarbeitslehrerin Windelbach, ihrer Tante, zuge­bracht hatte.

Mit dieser Dame war seit dem Hochzeitstage, an dem sie noch einige Proben ihrer harten Bissigkeit in Form von finsteren Sticheleien gegeben hatte, endgiltig aufge­räumt worden. Paul hatte darin eine sonst an ihm ungewohnte Energie entwickelt: Der böse Drachen durfte ihm nicht ein zweites Mal ins Haus.

Jahre gingen hin.

Paul der jüngere war zu einem dicken, hübschen Buben herangediehen. Seine braunen, vollen Wangen um­gaben dunkle Locken, seine Augen blickten groß in die Welt, und der rote, kleine, immer gleich zum Weinen zitternde Mund, den er von seiner Mutter geerbt hatte, stand ihm den ganzen Tag nicht still.

In der dunklen Moabiter Stadtwohnung, in der sie lebten, und die durch den Hinzubau neuer Häuser völlig verdüstert wurde, erhielt er nicht viel Lust und Licht, und so wurde die Großmutter mit ihm in die schattigen Gänge des nahenkleinen Tiergartens" hinausgesandt, damit er sich dort rote Wangen holen sollte.

Hier war zur Nachmittagszeit meist eine ganze Frauenversammlung vertreten. Alle Mütter und Groß­mütter des kleinbürgerlichen Stadtteils, den der Park begrenzte, schienen auf diesem Flecke grüner Erde ver­sammelt zu sein, um sich von des Tages Lasten zu er­holen. Kinder waren wie Sand am Meer vorhanden; viele von ihnen nahmen die angelegentliche Unterhaltung ihrer Mütter wahr, um sich der Linie der Straße zu nähern und einen Abstecher zwischen die Pferdebahnen und dahin­rollenden Omnibusse zu unternehmen. Dann vernahm man jedes Mal ein Zetergeschrei, und sah einzelne Frauen sich aus den Gruppen lösen und ihren Flüchtlingen nach­springen; mitunter auch fiel irgendwo einer der kleinen Unholde von den Bänken, oder geriet einem anderen, kleinen Hosenmann gegenüber in leidenschaftlichen Kriegs­zustand. Dann konnte man beobachten, wie sich ganze Massen Volkes bildeten, um im Kreise um den jedes­maligen Häuptling, Für oder Wider Partei zu nehmen. Frauen von den verschiedensten Vierteln, die einander sonst in dem Durcheinander des Straßenlebens kaum begegnet wären, knüpften hierbei Bekanntschaften mit einander an; kleine Dienstmädchen, von der ärmlichen Sorte, die sich ihre Herrschaft nicht wählen konnten, tauschten aufgeregt die (Äfahrungen ihres Lebens aus, und so war dieser Park mit seinen vielen Bänken der Zentralpunkt eines ganzen Stückes öffentlichen Lebens.

Paul an ihrer runzligen Hand vorsichtig und langsam geleitend, mengte sich die alte Frau bescheiden in den lauten Kreis. Sie kannte niemanden von all diesen Menschen, oder doch nur dem Ansehen nach. So viele Jahre sie auch schon mit den Ihren in diesem Stadteil heimisch war sie hatte nie irgend welche Freundschaft geschlossen; zwischen ihr, ihrer schwerfälligen, ostpreu­ßischen Denkweise und diesem mundgewandten und raschen Volke schien ihr ein unüberbrückbarer Abstand zu liegen.

Sie setzte sich mit Paul in die einsamste Ecke, auf die einsamste Bank und ließ das Kind zu ihren Füßen spielen. Wer sie konnte nicht verhindern, daß ein Tuscheln durch die in der Nähe befindlichen Frauen­gruppen ging, und man unverhohlen spöttisch auf das Kind zu ihren Füßen blickte. Allerdings nahm der kleine Paul sich sonderbar genug aus. Auf seinem Matrosenanzuge, den zwei Anker zierten, prangten goldene Schnüre, welche die Hosennähte, die Brust und wie bei einem Husaren auch noch die Rückensäume verzierten. Am Hute trug er goldene Kokarden, und eine kleine, falsche, goldene Uhr an der Weste, und seine Mutter würde ihm auch noch die Stiefel vergoldet haben, wenn dies nur