Ausgabe 
27.3.1900
 
Einzelbild herunterladen

m

fämbäcK' v-Ct

'bot-pgr. aufa HJNol l_._G IXSSän-

Ätil

I b.llllliH i^Wu Tp^

M

A|vgJ 1

Gewalt und Kraft versagen,

Siegt durchdringend der Verstand: yFr Die Axt kann den Krystall zerschlagen,

Doch ritzt ihn nur der Diamant.

Julius L o h m e y c r.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Während dieser Unterredung war Karl, der Knecht, auf dem einsamen, vor dem Bahnhofe liegenden Platze mit seinem Handkarren auf und abgewandert, erwartungsvoll den Kopf nach der Eingangsthür gerichtet. Weit und breit hörte man keinen Laut, auch der Bahnhof schien in dieser Pause zwischen nächtlicher Ankunfts- und Abfahrts­stunde in Schlaf versunken zu sein. Ganz in der Ferne sah Karl den Anfang des Waldweges, welchen er mit Nettchen gewandelt war; ein paar niedrige Birken nur, mit jungem Frühlingsgrün auf den dünnen Zweigen wie mit zartem Seetang behangen, aber weiterhin gesellten sich starke, schöne Stämme markiger Eichen dazwischen, bis das in einzelnen Gruppen stehende Gehölz immer dichter und reicher wurde, und schließlich zum Wald anwuchs.

Und durch die Nachtstille dieses Waldes waren sie dahingezogen,'das Lied vom Wandern singend!

Wandern durfte alles, die Steine, die Räder, und der fröhliche Müllerbursch'. Ja, alles, was Mut und Kraft besaß, durfte vorwärts, durfte wandern und die Welt an sich vorübergleiten lassen, und nur ein furcht­samer Knecht, wie er, hatte können ein Lebenlang an der winzigen Scholle kleben.

Während er über diese Dinge weiter nachgrübelte, fühlte er wie vieles, das bisher so fest in ihm gewachsen und gewuchert war, das stumpfe Pflichtgefühl, unter dem er so glücklich dahingelebt hatte, und die Ergebung, die ihn so wunschlos erhalten hatte, sich loslöste und nur noch zitternd an den letzten Fasern hingen.

Ein ivildes Chaos von Gedanken bestürmte ihn. Warum sollte nicht auch er hinaus, wie der Müllerbursch', dorthin, wo die Welt neu und voll Freuden war. Warum ging er nicht hin, in dieselbe große Stadt, zu der es das fremde Mädchen zog und suchte dort einen Dienst, und lebte dort herrlich nnd viel vergnügter als

daheim? Wie, wenn er es sagte, wenn er sie fragte? Wenn er sich hinstellte vor sie und spräche:

Ihre Worte, daß man nicht thun soll, was einen quält, sind mir im Kopf herumgegangen; ich will nun auch hin zur Stadt, und mir einen Dienst dort suchen. Meine Ersparnisse trag ich im Beutel auf der Brust, und zu Hause laß ich nichts zurück, als die alte Joppe".--

Nichts, als den alten Flaus, die Joppe!" sagte der Knecht laut vor sich hin.Denn die Anne und das Kind, die sollen nachkommen, denen schicke ich Geld, sobald ich's so­weit habe, daß ich's erübrigen kann". Wie im Fieber drehten sich diese Gedanken in seinem Hirn, zu seiner Braut", zu seinem Kinde hin, und wieder von ihnen fort, auf und ab, zerknirschend und zermahlend, wie die wandernden Räder des Mühlenrads.

Er griff nach seinem Halse, und riß die Hemdknöpfe auf. So eng, so zum Ersticken war ihm noch nie gewesen. Was ist mit mir, was ist in meinem Hirne los?" dachte er. Nie hatte ihn noch eine solche Aufregung gepackt ge­habt, glühende Hitze strömte durch seine Glieder. Er sah Nettchen's dunkle, sprühende Augen im Geiste aus sich gerichtet, hörte ihre Stimme ihn nennen Karl! und lieber Karl! Er erblickte die Stadt mit ihren Freuden, wie er sie sich in seiner Phantasie ausmalte, einen Wirbel­tanz bunter, verwirrender Erscheinungen, und Nettchen, wie sie mit ihren weißen Händen winkte--Und fern,

ganz in der Ferne tauchten Schatten auf Anna, seine Braut, im plumpen Lodenrock, die Füße nackend, das Ge­sicht verhärmt, und das Kind, das die Aermchen nach thm streckte ----

Aufstöhnend lehnte er sich auf die Last der hoch­gestellten Körbe.

. Wo blieb sie, die ihn in solche Verwirrung brachte, warum ließ sie ihn hier draußen vor dem hochbepackten Karren so lange warten?

Er löste den Zugriemen, der quer über seine wollene Joppe eine Furche eingedrückt hatte. In demselben Augen­blick that sich die Bahnhofsthür auf, und Nettchen, von Mr. Seitre gefolgt, trat heraus.

Ich reise mit diesem Herrn, bringen Sie die Körbe in's Haus, Karl!" sagte sie hastig.

Mr. Seitre war an die Karre getreten.Fassen Sie an, ich eben mit ab!" befahl er kurz.

Der Knecht, stand regungslos. Seine Augen blickten starr.

Nun", sagte Nettchen,warum zögern Sie, Karl?" Ihre Stimme klang weich. Der Knecht zuckte zusammen. Seine Augen irrten über ihr heißes, von Verwirrung er­fülltes Gesicht.

Eins zwei drei los!!!" kommandierte Mr. Seitre. Dann winkte er einem verschlafen aus der Halle tretenden Gepäckführer.Briugen.Sie dem Fräulein die