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ergebens wird die rohe Hand Am Schönen sich vergreifen, Man kann den einen Diamant Nur mit dem andern schleifen.
Badenstedt.
Nachdruck verboten.
Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Zuweilen hatte er die Aufgabe, mit Drogenartikeln gefüllte Säcke und Kisten im Lagerraum zu sortieren und zu adressieren, und bei dieser etwas einschläfernden Beschäftigung überfielen ihn mit verdoppelter Macht die sehnsüchtigen Gedanken an Nettchen, die in der lauten und geschäftigen Umgebung des Kontors sich ängstlich bis ins innerste verkrochen hatten. *
Unaufhörlich träumte er nun mit offnen Augen von ihr, und in seiner Phantasie verlor sie alle wilden und lauten Eigenschaften, sie wurde das schmeichelnde Nettchen wie es sich von der Großmutter kraulen und streicheln ließ, und wie es des Abends, wenn es dunkel ward, in kindischer Furchtsamkeit sich ost an ihn angeschmiegt hatte und ganz bescheiden ward.
Ach, wie dachte er daran zurück, und wie freudlos schien ihm jetzt mitunter das Leben bei den beiden, guten Frauen, die ihn doch so liebten, ihn mit allem umgaben, was sie nur erringen konnten; er fühlte, daß sie alle beide an Nettchen mit keinem Gedanken so hingen wie er, — daß sie vielleicht froh waren, den Unband los zu sein. Alle die bitteren Worte, die sie über die Davongelaufene äußerten, hielt er nicht für das Resultat verletzten Stolzes, sondern sah einen Versuch darin, ihm Nettchen zu verleiden, ihn abzuhalten, sie aufzusuchen. Eines Nachmittags auf seinem Nachhausewege sah er ein junges Mädchen gehen, das Nettchen in auffallender Weise glich. Er, der sonst in einer unbestimmten Angst allen hübschen weiblichen Wesen auswich, eilte hinter dem jungen Dinge drein bis er ihr dicht auf den Fersen war. Ja, es waren dieselben blonden, dicken Zöpfe, die auch Nettchen trug, es war derselbe wiegende, reizende Gang, aber als sie sich jetzt nach chrem Verfolger umwandte, waren es nicht Nettchens Augen, es waren dunkle, bitterböse Augen, die ihn verächtlich streiften, und mit dem gehässigen Worte „Frechheit" schritt Nettchens Ebenbild voll Zorn an Paul vorüber.
Erschrocken und verwirrt stand er da — noch keuchend
von dem raschen Laufen, das feindliche Wort hatte ihn wie ein Schlag getroffen. Weit am Ende der Straße sah er das schöne Mädchen verschwinden, dem er nachgelaufen war, sah er Nettchens Ebenbild sich entrücken, und ein Schmerz packte ihn, wie er noch nie empfunden. „Nettchen, liebes Nettchen, — wo bist Du?" flüsterte er, indem er den Weg zurücklief, und mit seinem verwirrten Aeußeren, dem verschobenen Hut, den zuckenden Lippen, den Passanten den ungewohnten Anblick eines halb Geistesabwesenden bot. Aber wie sehr man den Kopf hinter ihm her schüttelte, er sah und hörte die Leute nicht. „Wie ich Dich liebe, — Dich liebe", murmelte er, die Worte immer wiederholend. Hetzt hatte er die Worte für das, was ihm unbewußt diese ganze, letzte Zeit seinen Frieden und ftden ruhigen Gedanken genommen hatte. Jetzt wußte er den Ausdruck dafür, — nach dieser Begegnung mit dem fremden Mädchen wurde ihm plötzlich alles sonnenklar.
„Nettchen", sagte er immer wieder, bald leise, bald heftig und laut. Eine Sehnsucht erfüllte ihn, wie sie ihn früher nur zu der Mutter gezogen hatte, wenn er in der Schule oder aus der Straße von Rangen angesallen und wegen seines Fußes verhöhnt worden war. Ja, wie eine Mutter schien ihm plötzlich Nettchen, voll süßer, tröstender Liebe, und in seinem durch den Stachel des eben stattgehabten Erlebnisses schmerzlich verwundeten Herzen begann fieberhafte Aufregung Platz zu ergreifen; Mutlosigkeit gedemütigter Stolz kämpften mit einer unbekannten, glühenden Freude, wie im Taumel langte er vor dem Elternhaus an.
Aber er konnte sich nicht entschließen, in diesem Zustande hinaufzngehen, wo er sofort von teilnahmsvollen Fragen bestürmt werden würde. Es graute ihm davor, jetzt mit Mutter und Großmutter am Tisch zu sitzen und wie ein Kind alle Handreichungen von ihnen hinzunehmen, während ihre Augen in unerträglicher Zärtlichkeit jeden Bissen, der zu seinem Munde ging, begleiten würden, und seine Verstimmung ihnen Anlaß zu quälenden Bitten und Beschwörungen geben mußte. Langsam ging er den zurückgelegten Weg wieder entlang, weiter, aus der stillen Vorstadt, aus der es ihn selten hinauszog, in den Strudel der Verkehrsgegenden, dem Zentrum der Stadt zu.
Und plötzlich einem Blitz gleich, fuhr der Gedanke vor ihm nieder: „Zu Nettchen gehn." — — —---—
Er rannte nun fast durch die Straßen, dem , Stadtteil zu, in welchem Nettchens Wohnung lag. Hier im Nord- Osten begannen die endlosen Straßenzeilen, mit ihrem geräuschvollen Leben, hier öffneten die tausend Läden ihre Thüren, durch die man in den dunklen Hintergrund bis in die Kontore und Lager zu blicken vermochte. Hier waren die hochragenden, geschwärzten Mietskasernen, durch deren Thore weit hinten die noch schwärzeren Höfe gähnten, —


