Ausgabe 
26.8.1900
 
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fie sich umwandte und die Thür nach dem Gartenzimmer aufstieß.Bitte, Herr Doktor."

Sie war wirklich noch ganz das Bienchen von damals keine Spur Motte. Goldbraun das Haar, goldbraun die Augen, alles anmutig, beweglich frisch und jung. Sommer, Blüten und alle Rüstigkeiten des Lebens fiel einem ein, wenn man sie ansah, Hans wurde immer ver­gnügter, obgleich die Unterhaltung förmlich blieb.

Draußen schwatzten die Spatzen, einer flog dreist herein und rief: Gieb, gieb!

Natürlich!, auch die Spatzen haben Zutrauen zu Ihnen."

Da lachte sie zum ersten Mal und nun war's, als habe die Sonne eine schöne, wolkenverhangene Landschaft plötzlich verklärt.

Fräulein Sabine, finden Sie mich auch so wenig ver­ändert, wie ich Sie?"

Für einen Studenten kann ich Sie nicht mehr halten, sonst aber."

Wie ich Sie nicht mehr für einen Backfisch. Sonst aber! Fräulein Sabine, der Student war Ihnen sehr gut. Wie stand es denn mit dem Backfisch?"

Das ist so lange her, ich kann mich schwer darauf besinnen, wie es dem Backfisch zu Mute war." Das sagte sie sehr schnell, und doch klang es schwerfällig, auch stand sie von ihrem Stuhle auf und sah nach der Thür, als müsse ihr jemand zu Hilfe kommen, da stand Hans Fridolin aber schon neben ihr.

Sabine, ich! brauche eine Frau darf ich mir das Bienchen heim holen?"

Das Bienchen stand in heller Verwirrung da.Ach Gott sie können mich ja hier nicht entbehren."

Wenn das kein Ja ist", rief Doktor Hans fröhlich, dann will ich nicht drei Jahre lang durch fremde Sprachen! hindurch geschifft sein. Kannst Du das Haus nicht mehr halten, so mögen's die Schwestern thun, oder sonst wer. Seit zehn Jahren lebst Du für die andern, nun lebst Du für Dich iund mich!! Bienchen! bilde Dir nur nichts ein alle Menschen sind zu ersetzen, außer der Herzaller­liebsten die giebt's nur einmal."

Diese lange Rede hielt Hans nicht wie ein Katheder- prosessor; er hatte die Arme dabei um das Bienchen ge­schlungen und nach! jedem dritten Wort küßte er sie. Als er zu Ende war, hatte er die Liebste zwar noch nicht über­zeugt, aber sie küßte ihn wieder.

Und als sich der Doktor am Abend schlafen legte, war alles in Ordnung. Mutter Fridolin hatte den Wendi­schen eine wunderschöne Predigt gehalten, bis sich deren empörtes Nein in ein beschämtes Ja verwandelte.

Merkwürdig", dachte der Bräutigam und nickte Mond und Sternen zu,merkwürdig, vorgestern kam ich mir noch, vogelfrei vor und lag doch schon seit zehn Jahren an der Kette. Gestern hielt ich die Junggesellen für die klügsten Wesen der Erde, und heute weiß, ich, daß sie arme Narren sind. Wie weise einen der Sommer macht."

Der Trank im Sommer.

Nachdruck verboten.

Die warme Jahreszeit hat ihre Freuden, aber auch ihre Leiden. Angenehm und erträglich ist sie natürlich! für den, der bei dampfender Zigarre gemächlich die Zei­tung in der Laube lesen kann. Wer aber schwere Arbeiten verrichten muß, den plagt der Schweiß und als Folge davon der Durst, und wiederum als Folge hiervon der Schweiß, wenn, wie so häufig, die unrechten Getränke ge­wählt werden. Spielt im Winter das Essen bte Haupt­rolle, so ist es ipr Sommer der Trank.

Der Verehrer der Naturheilkunde sagt vielleicht: Das beste Getränk bleibt frisches, klares Wasser, das giebt uns die Natur, das lehren uns die Tiere. Ja, diese Theorie wäre schon richtig, wenn die Menschen nach der Natur leben könnten, wie die wilden Tiere in Feld und Wald, nämlich ohne besondere anhaltende und anstrengende Ar­beit in der Sonnenglut, vor welcher sich sogar der lercht- beschwingte Vogel verbirgt. Darum weiß auch! der Land­

mann, dessen schwerste Arbeit gerade in die ch'ßesten Tage fällt, daß er auf freiem Felde, wo es unmöglich ist, sich gegen die sengende Glut zu schützen, mit Wasser allein nicht auskommen kann.

Manchen Gutsbesitzer hört man klagen, daß er nicht weiß, was er den Leuten zu trinken geben soll. Nachdem Genuß alkoholartiger Getränke, das weiß jeder Landmann, taugen die Arbeiter erst recht nicht mehr zu schwerer Arbeit. Alkohol regt für den Augenblick an, um nachher umsomehr zu erschlaffen. Auch vermehrt er die Herzthätigkeit und somit die Leibeswärme, daher kehren Herzschläge mitten auf der Straße nach dem Genuß schwerer Getränke jeden Sommer wieder. Am empfehlenswertesten ist Vermischung des Wassers mit Essig, Zitrone, kohlensaurem Natron und vor allem mit Zucker, der nicht nur durstlöschend, sondern auch kräftigend und erfrischend wirkt. Sehr erfrischend, ist Aepfelwein mit gekochtem Wasser verdünnt genossen, um ihn für die, die ihn nur anfangs nicht vertragen, bekömm­lich zu machen.

Für Touristen ist es empfehlenswert, stets kalten Kaffee oder Thee mit sich zu führen, da diese Flüssig­keiten kalt beruhigend wirken. Angenehm und erfrischend sind alle Früchte, auch ist es gut, statt des aufregenden Kaffees morgens gleich, ohne zu trinken, etwas zu essen. Statt der unvermeidlichen Zigarre kaue man bei Anstren­gung eine Zitronen-, Apfelsinen- oder jede andere Frucht- schale möglichst lange. Man wird dadurch imstande sein, den Durst, diesen Quäler, statt anzuregen, zu bannen.

Literarisches.

W. H. Mehls Geschichten unv Novellen. Gesamt-Ausgabe.

Erscheint vollständig in 44 Lieferungen zu 50 Pf., alle 14 Tage eine Lieferung. Stuttgart. I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger.

Einen Hausschatz für das deutsche Volk hat man Riehls Erzäh­lungen genannt, und in der That verdienen sie diesen Ehrennamen reich­lich durch die Fülle gediegensten Unterhaltungsstosis, den sie bieten. Der erste Band der neuen in Lieferungen erscheinenden Gesamt-Ausgabe derGeschichten und Novellen" von W. H. Riehl enthält die Kulturgeschichtlichen Novellen", in denen der Meister eine neue Gattung der deutschen Erzählungskunst geschaffen hatt. In diesen Novellen hat sich Riehl selbst das hohe Ziel gesteckt, daß sie sich wie echte Geschichten lesen sollen, so wie man umgekehrt von einem guten Geschichtswerk sagt, daß es sich wie ein Roman lese. Man darf sagen, daß er sein Ziel in dieser Sammlung, deren Entstehung denn auch in die Jahre des fröh­lichsten Produzierens, der Jünglings- und ersten Mannesjahre fiel, erreicht hat. Es sind kurze, kraftvolle und in Riehls Behandlungsart doch behaglich wirkendeBilder aus der deutschen Vergangenheit".

Sie sind nicht lehrhaft der geschichtlichen Zeitfolge nach angeord­net, sondern lassen uns da und dort hincinblicken in längst gewesene Tage: derStadtpseifer" in die Zeit des siebenjährigen Kriegs,Im Jahre des Herrn" in die drangvolle Mitte des neunten Jahrhunderts, Ovid bei Hofe" undAmphion" in die Schnörkel der Zopfzeit, die Werke der Barmherzigkeit" undGräfin Ursula" in die Stürme des dreißigjährigen Kriegs,Meister Martin Hildebrand" in die Blüte der Handwrrksburschenzeit, dieLehrjahre eines Humanisten" m Zunft- und Gelehrtenstuben vor über dreihundert Jahren.

Tauschrätsel.

Nachdruck verboten.

Auflösung in nächster Nummer.

Narbe

Laub

Die Anfangsbuchstaben nebenstehender

Alm

Feige

Wörter sind mit anderen Buchstaben der-

Haube

Sorgen

art zu vertauschen, daß man ebenso viele

Ober

Engel

neue Wörter erhält, deren Anfangsbuch-

Hebel Wall

Rest

staben den Namen eines Erfinders und

Asche

Becher

dessen Vaterstadt bezeichnen.

Auflösung des Citatenrätsels in voriger Nummer: Alles ist verloren, nur die Ehre nicht.

$. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Uui»erfit«t-.Buch. m,d Gtemdruckerei (Pietsch Erben) in «iehe«.