Ausgabe 
26.8.1900
 
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Aehnliche Banden, wie die unsrige treiben sich noch! hier und da im Lande umher, und man ist augenscheinlich noch im Ungewissen darüber, welche von ihnen den sträf­lichen Friedensbruch bei Danzig verübt hat. Man wird Ihnen in Berlin für die Aufklärung sehr dankbar sein, und ich zweifle nicht, daß man dann auch! bald genug die geeigneten Mittel finden wird, uns aufzuheben."

(Fortsetzung folgt.)

Sommer.

Eine Verlobungsgeschichte von L u i s e G l a ß.

Nachdruck verboten.

Das Heu lag in Schwaden, die Linden blühten, und hie Kirschen wurden rot.

Wenn das keine Sommerzeichen sind, womit soll man ihn sonst beweisen?" sagte Hans Fridolin, der von so fröhf- licher Urlaubstimmung beherrscht war, daß er sich sogar zu einer Landpartie bereden ließ.

Gestern abend, da er, nach drei zu Schiffe verbrachten Zähren, wieder einmal auf dem kleinen Schemel neben der Mutter saß, war ihm zu Mute, als werde er die 14 Ferien­tage nicht viel von diesem Platze wegkommen. Heute wan­derte er schon mit einer Schar Menschen, die nicht einmal alle alte Bekannte waren, ins Grüne hinaus.

Natürlich auf der Mutter Betreiben.

Darfst ihnen doch das Vergnügen nicht verderben. Bist dochne Sehenswürdigkeit, und ich hab auch meinen Wunsch dabei!" Sie lächelte schalkhaft.Sist Sommer, Hans! Wer weiß ein Weib aus der Heimat ist immer das beste vom gleichen Boden erwachsen, an der gleichen Luft genährt. Daß Dir auch die rauhe Luft der Fremde ums Gesicht gestrichen ist, schadet nichts zu Hause soll der Mensch Heimatluft spüren."

Hans Fridolin hatte das kluge Mütterchen geneckt mit den Fallen, die sie seiner Freiheit stelle, und darüber ge­scherzt. Heute aber, zwischen den reifenden Feldern klang ihre mahnende Stimme dringlich auf ihn ein: Sommerzeit ist Erntezeit, da braucht man jemand, der einem den kühlen Trank bereit hält nach des Tages Hitze, jemand der sich freut über den eingebrachten Segen, jemand der mitbangt, wenn Wetterwolken aufziehen, ehe die Garben in der Scheuer geborgen sind.

So sah er sich denn die Mädchen darauf an, ob sie wohl Gefährtinnen sein könnten. Zunächst die Flammen seiner Brausejahre.

Ich habe wirklich guten Geschmack gehabt", dachte Doktor Hans,die blonde Grete war noch immer ein reizen­des Geschöpf, die braune Laura war noch hübscher gewor­den, das dicke Emmchen hatte sich gestreckt, und die blasse Lotte na die hatte Allerdings,eingepackt" aber hübsch, sehr hübsch, war die auch gewesen."

Eine fehlte, seine Letzte, die Einzige, die keinen Bei­namen nach ihrem Aussehen erhalten hatte, weil schon der grüne Student empfand, hier sei das äußere Nebensache

Bienchen nannte er sie, teils um ihres Namens Sabine, teils um ihrer anmutigen Geschäftigkeit willen. Sie war die Jüngste von neun 'Geschwistern und doch schon mit 14 Jahren des Haushalts Stütze, weil die älteren alle ver­sagten. Der Vater war eine geniale Natur, seine Kinder thatens ihm nach, sie konnten alles, aber nichts so recht eigentlich; sie schäfterten von früh bis spät und brachten doch nichts fertig. Da kams denn ganz von selber, daß das talentlose Bienchen nach der Mutter Tode alles das that, was die anderen versäumten.

Ein sogenanntes Fürchtetantchen, selbständig genug, den Leuten ihre Meinung zu sagen, verhalf dem Bienchen zur Tanzstunde.Ach was, auch talentlose Leute müssen sich ihrer Jugend freuen, ja die erst recht: denn sie fliegen nicht so leicht in die Wolken, wie Ihr selbstsüchtiges Phan- tastenvolk."

Auf dem Tanzstundenball hatte sich, Hans als Student in höheren Semestern in das Bienchen verliebt; nicht in ihre häuslichen Eigenschaften, aber in ihr sonniges Lachen, ihre fröhliche Laune und die klugen Möge, die sie spracht ohne etwas davon zu wissen.

Es war eine derbe Kur von drei Tagen: Ball, Land­partie und ein Besuch zur Nachfrage nach, ihrem Befinden, wobei die Genies einigermaßen störten.

Dann kam die Examenzeit, Hans sah das Bienchen nur auf der Straße. Anfangs errötete sie bei seinem Gruße, später gabs nicht einmal einen Farbenwechsel.

Ob sie verheiratet war? Natürlich. Der kluge Mann holt sich ein Bienchen heim. Aber gewußt hätte er es gerne und endlich fragte er nach ihr.

Das Bienchen? wer ist denn das?"

Nur eine ältere Dame wußte Bescheid.

Ach, Sabine Wendt, der Tugendspiegel!" rief ein nied­licher Lockenkopf.Die und beim Kirschfest? Die muh doch ihren großen Brüdern die Servietten Vorbinden und den Schwestern das Fleisch zerschneiden und dem Papa die Fliegen wegwedeln".

Gewöhn' Dir das schneppern ab, Lida, Dein Mann legt Dir sonst dermaleinst ein Schloß vor den Mund, und Du erstickst an unausgesprochenen Bosheiten", schalt die Wissende, und sagte dann zum Doktor :Der Vater ist ge­lähmt, die Geschwister fliegen aus, sowie ihnen das Leben lacht, aber kehren heim, wenn ihnen ein Wetter die Flügel naß gemacht hat, Sabine ist die unentbehrliche Jmmer- gleiche. Und ein Bienchen ist sie wirklich: nimmermüd, und saugt Honig aus Giftblumen".

Doktor Hans dachte: Schade, da hat das Leben wieder mal eine, die für Sonnenschein und blühende Wiesen ge­schaffen war, in dumpfige Stuben gebannt, ^aus dem Bienchen ist eine Motte geworden; nur die alte Tante weiß noch von dem Namen, und ein Name hält sich ge­meinhin länger als die Sache selber.

Aber das half nichts gegen die Gedanken an die ver­gangene Zeit, kein gegenwärtiges Mädchen kam gegen das Bienchen von damals auf.

Auch am folgenden Morgen weckte der Lindenduft vor dem Fenster gleich, wieder dje Erinnerung. Gerade so hatte er ihn umweht, als er ihr das letzte Mal begegnet war; sie hatte ihn mit großen Augen angesehen und sehr ernsthaft gedankt.

Warum wohl?

Doktor Hans sprang aus dem Bette: Weil wir ern- . ander fremd geworden sind, natürlich;. Und nun hört das Märchenerzählen auf, nun geht's an die Ferienarbeit."

Als er dann aber mit der Mutter Kaffe trank, lief ihm doch über die Lippen:Das Bienchen war nicht da."

Ja", sagte Mama Fridolin vorsichtig,das Bienchen verstecken die Wendts gerne, damit es ihnen keiner weg­fängt."

Zwei Wendts Geschwister kamen zur Kirschhutte nach­gefahren, hatten den Abmarsch versäumt und waren dann sehr lustig." . 1

Ja, die versäumen alles und genießen rhr Leben doch."

Als Hans dann wieder bei der Arbeit saß, sah er das Bienchen unter den anspruchsvollen Geschwistern stehen, es holte das Versäumte nach, richtete das Schiefe zurecht, gab dem Schwankenden Stand und trug für alle den Honig ein, von dem sie selber nie zu kosten bekam.

Unwillkürlich stand er auf, nahm seinen Hut und ging hinaus. Erst unter den Promenadenlinden wurde er srch bewußt, daß er auf dem Wege zu Sabine war.

Sofort lenkte er um. Unsinn! Er war nie bei den Leuten gewesen, außer vor zehn Jahren nach dem Tanz­stundenball.

Da aber die Promenade in Schlangenpfaden lief, kam er doch wieder in die Richtung des Wendischen Hauses. So gut Du damals hingingst, kannst Du's heute auch dachte er, und drückte die Klingel nieder, ehe dieser Gedanke von dem nachfolgenden widerlegt wurde, sortlaufen wie ein Gassenjunge, der die Nachbarn mit Klingeln foppt, konnte er doch nicht; also vorwärts!

Ich möchte Fräulein Sabine mente Aufwartung machen." -

Die Magd glotzte ihn verwundert an, er stand schon in dem Hausflur und faßte mit einem Blick Sabrnen, dre in der grünumrankten Hofthür stand. .

Nehmen Sie mich an, Fräulein Wendt!" rief er so vergnügt, als sei er noch der Bruder Studio,wir haben uns ja unglaublich lange nicht gesehen."

Rot wurde sie auch heute nicht, aber blaß; trotz des trügerischen Flurlichts sah es das scharfe Doktorauge, ehe