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in einer halben Stunde muß ich bei der Kunstauktion von Druod sein; der Nachlaß der Gräfin von Vertaleur wird versteigert... es sollen die wunderbarsten Bilder dort ■jettt, und ich möchte das nicht versäumen".
„Willst Du eins lausen?"
„£), nein, durchaus nicht! . . . aber ich darf nicht fehlen ... es ist zu umständlich, Dir das jetzt auseinander .zu, setzen! Hör mal, Klotildchen, liebes Nichtchen", wandte sich Herr Langero an das junge Mädchen, „hast Du jetzt nicht eigentlich Deine Malstunde?"
„Ich verstehe den zarten Wink mit dem Zaunpfahl", lachte Klotilde lustig, und stand auf, „das heißt so viel: .als ich bin bei der „außerordentlich" wichtigen Angelegenheit, die Du mit Mama zu besprechen hast, überflüssig!" Und die hübschen Augen sprühten vor Schelmerei, als sie fortfuhr:
„Sag' mal, Onkelchen, hat Deine „außerordentlich" wichtige Angelegenheit blonde oder schwarze Haare, einen Schnurr- oder Vollbart? ... Du weißt doch ich ziehe entschieden den Schnurrbart, und zwar schwarz, sehr schwarz, vor! ..."
Und lächelnd lief das junge Mädchen hinaus. Sie war fest überzeugt, daß der Onkel einen Freier vorzuschlagen hatte, und der Gedanke war ihr gar nicht erschreckend.
„Der kleine Schlauberger"", sagte Herr Langero, sobald sch die Thür hinter ihr geschlossen hatte, „sie trifft den Nagel auf den Kops! Und ich bin ihr dankbar dafür; denn das spart mir Zeit, weil ich keine Vorreden zu machen brauche... ja, liebe Hortense, ich glaube eine wunderbar gute Partie für Klotilde gefunden zu haben . .. wie? . . . durch einen Zufall, den ch Dir ein andermal erklären werde ... ein prächtiger Mensch, geistig und körperlich . . . ein bedeutender Jurist, der eine große Zukunft vor sch hat ... 28 Jahre . . . 150 000 Francs eigenes Vermögen. . . ebenso viel von einer gelähmten Tante zu erwarten, die ihn wie einen Sohn liebt... ich habe mit ihm von Klotilde gesprochen... er findet alles sehr gut. . . wünscht eine Zusammenkunft. . . höchst einfach . . . ch habe alles verabredet. . . schreibe Du ihm, daß er zu Euch kommen soll . . . finde irgend einen geschickten Vorwand ... Du verstehst wohl, daß ch mch nicht damit beschäftigen kann . . . und zwar ganz rasch... Du weißt ja, daß ich ganz und gar, soweit es mir meine verschiedenen Verpflichtungen nur irgendwie gestatten, zu Deiner Verfügung stehe!"
„Ja, aber, lieber Hektor, das geht doch ncht; wie denkst Du Dir denn das?"" fagte Frau Vermans, „ich kann den jungen Mann doch ncht so ohne weiteres zu mir bitten! . . ."
„Glaube mir, es ist eine ausnahmsweise günstige Partie! . . . Die darf man sch nicht entgehen lassen . . . unter irgend einem Vorwand ... ist doch ncht zu schwer , zu finden, ch muß fort ... es ist schon zehn Minuten über .Zwei! . . ."
„Ein Wort noch, Hektor, ch muß doch den Namen und die Adresse des jungen Mannes haben?"
„Ach ja! Das ist wahr . . . das kommt davon, wenn .man so viel in seinem Kopse hat! . . . Sein Name: Dupin, Jules Dupin . . . seine Adresse. . . ach, Donnerwetter! Ich kann mch nicht besinnen! . . . Wart' mal. . . 123 ... ja, es war 123, in der. . . Herrgott, wie war doch nur der Name? Hilf mir doch, ein bischen ... Ah! Ich hab's! ... es ist ein Boulevard . . . was mit St."
„St. Martin? ... St. Denis? ... St Marcel? . . . St. Michel? . . ."
„Michel, ja, so war's! . . . also Nummer 123 . .. schreibe ihm! . . . Adieu! . . . Auf baldiges Wiedersehen! Ich komme, mch erkundigen! . . .""
Als der Schwager fort war, blieb Frau Vermans mit sehr gemischten Gefühlen zurück. Sie hatte Lust, zu lachen, ärgerte sich aber doch über das so wenig korrekte Ansinnen des Schwagers.
Wie konnte sie wohl an einen jungen Mann schreiben, den sie nie gesehen hatte, ihn direkt in ihr Haus einführen, ohne auch nur das geringste von ihm zu wissen! Das war doch sehr riskant, jedenfalls ganz gegen alle Sitte.
Andererseits hatte das, was Langero über Jules Dupin gesagt hatte, recht günstig geklungen. Als Witwe lebte
sie sehr zurückgezogen, und die Erfüllung des Wunsches, ihre Tochter zu verheiraten — und das Töchterchen hatte denselben Wunsch — war somit ziemlich verlockend. Wäre es klug, eine durch den Schwager gebotene Aussicht kurzer Hand zurückzuweisen?
Für das, was man gern möchte, findet man stets gute Gründe, und so erging es denn auch Frau Vermans. Am Tage nach der durch Herrn Langero geinachten Mitteilung, schrieb sie folgendes Briefchen:
„Frau Vermans.würde Herrn Jules Dupin dankbar verpflichtet sein, wenn derselbe sich freundlichst zwischen 3 bis 6 Uhr, Bonaparte-Straße 40, zwecks Rücksprache in einer wichtigen Angelegenheit zu ihr bemühen wollte.
„Da der Herr Jurist ist"", sagte sich Frau Vermans, „so werde ich ihn in dem Erbschaftsprozeß mit den Verwandten meines Mannes um Rat fragen, dann ist ein guter Anknüpfungspunkt gefunden"".
Charles Dupin, ein talentvoller Maler, der zufällig 123 Boulevard zum heiligen Michel wohnte, war sehr überrascht, aber auch angenehm berührt, als er die so dringliche Aufforderung von Frau Vermans erhielt.
„Vermans? . . . Vermans?" sagte er sich, „ich habe keinen Bekannten des Namens! . . . Wer ich werde mW Wohl hüten, einer Aufforderung von schöner Hand nicht zu folgen! Wahrscheinlich hat die würdige Dame von meinem Talent gehört und will mir nun einen Auftrag geben . . . mir soll's recht sein, denn die Zeiten sind nicht gerade rosig für die Kunst."
Am nächsten Tage machte Charles Dupin die für einen solchen Besuch notwendige, sorgfältige Toilette, und zur festgesetzten Zeit llingelte er bei Frau Vermans.
Klotilde war unter einem Vorwand fern gehalten.
Aber Frau Vermans war darum doch in einer leichten Verlegenheit, und Charles Dupin, obgleich er ein sehr gewandter Gesellschafter, fühlte sich auch ziemlich befangen.
„Verzeihen Sie meine Indiskretion, Herr Dupin"", sagte Frau Vermans, „aber der eigentliche Schuldige ist Herr Langero, der mir geraten hat. Ihnen zu schreiben"".
„Ah!" sagte Charles Dupin, dem der Name Langero ganz fremd war, „also Herr Langero war es . . . und wie geht es dem lieben Herrn Langero?"
„O, sehr gut, . . . immer äußerst beschäftigt, wie Sie wissen!"
„Ja... ja . . . ich weiß!"" antwortete der Maler, der gar nichts wußte, aber als er Frau Vermans lächeln sah, in ein herzliches Lachen ausbrach.
„Merkwürdig"", dachte Frau Vermans, „Hektor hat mir gesagt, daß der junge Mann so sehr ernst und gemessen sei. . . er ist ja sehr lustig, das paßt auch viel besser für Klotilde"".
Und zu ihrem Besuch gewendet, fuhr Frau Ber- mans fort:
„Und so habe ich, mir denn gedacht, daß ich mir auf Empfehlung meines Schwagers erlauben dürfte . . ."
„Ihres Schwagers""
„Nun ja. . . Herrn Langero . . .""
„Ach ja, ja, ich verstehe. . . Ihr Herr Schwager Langero. . ."
„Eine alleinstehende Frau, Witwe, wie ich es bin, bedarf gar oft guten Rates".
„Gnädige Frau sind Witwe?""
„Wie? Das wissen Sie nicht? . . . Hat mein Schwager Ihnen das nicht gesagt?"
„Nein, davon erwähnte er nichts ... es ist aber auch, wie vermute, nebensächlich bei der Sache, um die es sich handelt."
„Durchaus nickst, Herr Dupin, denn gerade seit ifcm Tode meines Mannes sind sind für mich all diese Sorgen gekommen ... der Vater meines Mannes besaß eine sehr schöne Bildersammlung. . .""
„Nun sind wir ja so weit"", dachte Charles Dupin.
„Diese Sammlung war noch nicht zwischen die Erben verteilt, als mein armer Mann starb, und nun machen mir die Verwandten meines Mannes darüber Schwierigkeiten"".
„Das ist ja schrecklich", rief der Maler, während er bei sich dachte: „Zum Kuckuck noch mal, wozu erzählt sie mir das eigentlich?"


