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(Fortsetzung folgt.)
„Höre mich, erst an, Elisabeth!" stieß er mit zuckendem Munde hervor. „Wenn Du mich von hier vertreibst, überlieferst Du mich dem sicheren' Verderben. Ich habe einen Menschen getötet; aber es geschah im Streit. Und ich war der Angegriffene, ich mußte mich verteidigen, ^eder andere hätte an meiner Stelle dässelbe gethan. Bei dem Andenken Deiner Mutter beschwöre ich Dich, verlaß mich nicht in meiner Not!"
seinen bleichen Lippen. lu/. wu toäee; denn es ist viel schlimmer. Ich Menschen erschlagen."
Elisabeth flüchtete mit einem Aufschrei bis in die Diese des Zimmers, wo unter einem faltenreichen Bett- 7tmn,I.teL ^ager stand. „Komm mir nicht zu nahe. Unglückseliger! Geh! Geh! Ich will nichts zu schaffen haben mrt einem Mörder."
Ende gut — alles gut
Humoreske von H. du Plessac.
Nachdruck verboten.
Einzig autorisierte Uebersetzung von A. Friedheim.
Herr Langero kam wie ein Wirbelwind in den kleinen Salon, in dem Frau Vermans, seine Schwägerin, und Klotrlde seine Nichte, mit Handarbeiten beschäftigt, am Fenster saßen. a
Herr Langero kam übrigens immer „a la Wirbelwind"- denn auf der ganzen Welt gab es keinen Menschen, der so vrel zu thun hatte wie er!
Eigentlich! ab er hatte' er gar nichts zu thun, sondern !nur den sehr angenehmen Beruf, als Rentier sein Leben zu verbringen. Er hatte sich jedoch eine solche Menge ver- merutlrcher Pflichten geschaffen, daß ihm im wahren Sinne des Wortes auch nicht eine Minute gehörte. Von früh bis spat war er unterwegs, lief von einem Ort zum andern, ohne doch an einem einzigen wirklich nötig zu sein; er U.?M"ckte im Stehen, nahm sich kaum zum Mittag die notige Ruhe, und wenn er einen Bekannten traf, so war seine stete Begrüßung: „Sehr erfreut. Sie zu seh . . . Pardon, habe gar keine Zeit... in größter Eile
Kurrerzug war gar nichts dagegen! Herr Langero war das personifizierte Perpetuum mobile!
Diese Eigenschaft wäre ja für die Menschheit im allgemeinen und für die lieben Nächsten im besonderen ganz ohne Belang gewesen, wenn Herrn Langeros Gedächtnis bei dieser Treibjagd der eigenen Person nicht etwas gelitten hatte. Auf ganz besonderem Kriegsfuß stand er mit den Namen und Adressen seiner Bekannten: zu einem Ohr drangen sie hinein, zu dem anderen gingen sie toieber hinaus, und da Herr Langero eben keine Zeit hatte, sie schwarz auf weiß zu fixieren, so entstand eine traurige Verwirrung in diesem Ressort seines Gedächtnisses.
„Welch glücklicher Zufall führt Dich' her, lieber Hektor ?" sagte seine Schwägerin und legte die feine Stickerei aus der Hand.
„Kein Zufall, meine Liebe", antwortete Herr Langero außer Atem, „eine Sache von außerordentlicher Wichtigkeit, über die ich so rasch wie irgend möglich ein vaar Worte mit Dir reden muß".
„Setz' Dich doch wenigstens".
$ ^„Habe keine Zeit, meine liebe Hortense, absolut keine
„Was hast Du denn zu thun?"
„Alles nur Mögliche! . . . Sieh mal: jetzt ist es 2 Uhr,
„Wenn Du in der Verteidigung Deines eigenen Lebens gehandelt hast, Franz, brauchst Mu Dich auch nicht zu fürchten, meinem Vater alles zu entdecken. Er allein ist es, der Dir raten und helfen kann. Weshalb kommst Du mit Deinem Geständnis zu mir?"
„Weil Du mir helfen sollst, zu entfliehen. Denn ich muß fort aus Berlin, noch in dieser Nacht. Sonst kann ich mich nur noch durch einen freiwilligen Tod vor dem Galgen oder dem Zuchthause retten. Der Mensch, den ich getötet habe, war einer -von den französischen Komödianten, einer von den besonderen Lieblingen des Königs. Ob ich ihn auch in der Notwehr erstochen, kein Richter würde es wagen, mich freizusprechen, wenn des Königs Zorn meine Verurteilung fordert."
Eine so grenzenlose Verzweiflung, ein so hilfloser Jainmer war in seinen Worten, wie in seinem ganzen Gebühren, daß eines siebzehnjährigen Mädchens Herz davon unmöglich ungerührt bleiben konnte. Schon kämpfte in ihrem Innern das Mitleid mit dem Verzweifelnden gegen das Entsetzen, das ihr der Mörder eingeflößt hatte, und ob auch eine leicht lbegrpifliche Angst sie drängte, sich seiner unheimlichen Gesellschaft zu entledigen, wollte ihr doch das harte Wort, das -seine letzten Hoffnungen zerstören mußte, nicht mehr über die Lippen. Sein von der Todesfurcht geschärftes Auge aber las die Ungewißheit in ihren Zügen, und wie ein bittendes Kind streckte er seine Hände gegen sie aus.
„Denke an die Vergangenheit, Elisabeth, denke daran, daß Deine Mutter auch mich als Knaben oftmals auf ihren Knieen gehalten! Wenn sie noch am Leben wäre, o, ich weiß es gewiß, sie würde mir in einer solchen Stunde ihre Hilfe nicht versagen."
„Wer ich kann doch nichts für Dich thun, Franz, ich kann nicht, selbst wenn ich den rechtschaffenen Willen dazu hätte. Wie sollte ich es denn anfangen, Mr zur Flucht zu verhelfen? Ich, ein machtloses Mädchen! Sieh, ich will ja gern zu meinem Vater gehen, um ihn auf Dein Geständnis vorzubereiten. Ich will Deinen Fürfprechjer 6ei, ihm machen, und ihn, wenn es sein muß, auf den Knieen anflehen, daß er Seine Majestät für Mch um Gnade bittet. Der König ist großmütig und gerecht. Wenn man ihm die Wahrheit mitteilt, wird er Dich nicht für die Schuld eines anderen büßen lassen!"
Mit Heftigkeit schüttelte der Flüchtling den Kopf.
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Die heiß ersehnte Gewißheit, daß er ihre Teilnahme gewonnen habe, ließ einen Strahl der Hoffnung in seinen Augen aufleuchten. Er eilte auf sie zu und erfaßte mit beiden Händen ihre herabhängende Rechte. Bei der Berührung seiner eiskalten Finger ging es wie ein Erschauern über ihren Leib. Sie zuckte zusammen, aber sie stieß ihn doch nicht zurück.


