(Nachdruck verboten.)
Geächtet.
Roman von LotharBrenkendorf.
(Fortsetzung.)
Zweites Kapitel.
Während des ganzen übrigen Tages gab es für den General und seinen Adjutanten so viel zu thun, daß Elisabeth. keinen von ihnen wieder zu Gesicht bekam. Die Ordonnanzen gingen beständig ein und aus, und schon die ungewöhnlich lebhafte Unruhe im Hause ließ erkennen, daß sich irgend etwas außerordentliches vorbereite. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als das junge Mädchen, das in bewegter und sorgenvoller Stimmung auf eine Nachricht vom Vater harrte, durch? den Eintritt ihrer Zofe Sophie aus ihren halb bangen und halb glücklichen Träumereien aufgeschpeckt wurde.
Ein Blick in das Gesicht der Dienerin belehrte sie, daß es sich um etwas wichtiges handeln müsse; denn die ziemlich beschränkte Person, die sich schon seit einer Reihe von Jahren im Hause befand, hatte die für eine richtige Kammerjungfer so unentbehrliche Kunst, bedeutsame Geheimnisse hinter einer gleichgiltigen Miene zu verbergen, auch in dieser langen Zeit noch; nicht erlernt. Mit allen Anzeichen des Schreckens und der Bestürzung näherte sie sich ihrer jungen Herrin und flüsterte so dicht an ihrem Ohr, als wäre hinter jedem Möbel ein Lauscher verborgen:
Der gnädige Herr von der Räcknitz ist in meiner Kammer und bittet das. Fräulein um Gottes willen, ihm unter vier Augen Gehör zu scheuten."
Elisabeth sah die Sprechende mit großen Augen an. „Bist Du bei Sinnen?■—■. Mein Vetter Franz — in Deiner Kainmer? Was in aller Welt hat er dort zu schaffen?"
„Gott helfe mir, Fräulein — ich? weiß es nicht. Aber es müssen schlimme Dinge geschehen sein. Der gnädige Herr ist ganz außer sich?. Und seine Wäsche — ich habe es deutlich! gesehen, wie er den Mantel lüstete, feine Wäsche ist über und über mit Blut befleckt."
Jetzt wurde auch das Fräulein von Marschall totenbleich. „Ist das Wahrheit? Und mich! wollte er sprechen? Hast Du ihn auch recht verstanden — mich?"
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"(®lruSlDenb'9 ‘n Schul' lernst du dm Spruch verständig, Inwendig macht ihn erst Erfahrung dir lebendig. Auswendig hab' ich leicht gelernt in jungen Jahren, Inwendig, da ich alt war, die Wahrheit schwer erfahren.
Güll, Leitstern.
„Ja — ja! Nicht einmal, dreimal hat er mirs auf die Seele gebunden, daß niemünd im Hause ihn sehen dürfe außer mir und dem Fräulein. Es gelte fein Leben — daI waren des gnädigen Herrn eigene Worte, cklnd xr habe keine Minute zu verlieren."
„So führe ihn schnell hierher! Doch nein —- mein Vater könnte in jedem Augenblick eintreten und ihn bei mir finden. Wo, um des Himmels willen, soll id)| dann aber mit ihm sprechen?"
„In meiner Kanrmer würden Sie auch nicht sicher sein, denn die Thür läßt sich; nicht verschließen. Aber vielleicht in des Fräuleins Zimmer."
„Welch ein Gedanke! Nein, Sophie, das ist unmöglich! Und doch, wenn er sagt, daß es sein Leben» gilt —"
„Ich bitte das Fräulein inständig, nicht lange zu überlegen. Er sieht so schrecklich aus, der junge Herr! Und die Zähne klapperten ihm vor Angst, ich habe es ganz deutlich gehört."
„Meinetwegen denn! Auf dem hinteren Gang wirft Du ihn unbemerkt in mein Zimmer bringen können. Aber Du (Mußt in der Nähe bleiben, Sophie! Ich fürchte mich, mit ihm üllein zu sein. Er war mit Blut, befleckt, sagst Du, vielleicht verwundet?"
„Ich weiß nicht, es ist möglich. Bevor ich hierher ging, mußte ich ihm eine Schüssel mit Wasser bringen!"
„O mein Gott, was ihm nur zugeftoßen sein mag! Aber wäre es nicht dennoch besser, sogleich meinen Vater zu benachrichtigen? Ich kann ja doch nicht das Geringste zu seinem Beistände thun."
„Beileibe nicht, Fräulein! Gerade das ist es ja, wovor sich der junge Herr am meisten fürchtet. Es war fein erstes Wort: „Wenn der Oheim etwas von meinem Hiersein; erfährt, bin ich verloren."
„So eile, ihn in mein Zimmer zu bringen. Und wenn mein Vater später nach mir fragen sollte, mußt Tu irgend eine Ausflucht ersinnen, meine Abwesenheit zu erklären."
Die Zofe, die an allen Gliedern zitterte, entfernte sich rasch?, und Elisabeth begab sich klopfenden Herzens in ihr Zimmer, das allerdings der abgelegenste von allen Räumen das Hauses war. Noch hatte sie kaum zwei Minuten dort verweilt, als die Thür behutsam geöffnet wurde und die große, aber schmächtige Gestalt eines trotz der sommerlichen Wärme in einen langen grauen Mantel gehüllten jungen Mannes auf den Fußspitzen über die Schwelle schlüpfte. Erst als er sich ganz sich?er wußte, nahm er den ties über die Stirne gezogenen Hut vom Kopfe, ein hageres, aschfahles Gesicht mit angstverzerrten Zügen enthüllend. Es war das Gesicht eines Jünglings, der die Zwanzig noch nicht lange überschritten haben konüte, aber um Mund und Augen hatten sich? in dies jugendliche Antlitz bereits scharfe Linien eingezeichnet. Scheu durch-


