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richs schöne Mutter hatte ihr Teil ebenfalls dazu beigetragen, so wußten wir es schon als Kinder, daß wir zu gleicher Zeit geboren, er im oberen Stockwerk des großen, vornehmen Hauses, ich unten im Parterre, an das der schattige Garten mit den hohen Bäumen stieß.
Die jungen Frauen hatten sich, bis dahin wenig gekannt, erst seitdem wir auf der Welt waren und auf den Armen der Wärterinnen oder im verhängten' Wagen aus der von Frühlingssonne durchleuchteten Straße spazieren geführt wurden, regte sich das gegenseitige Interesse. . .
Sie fingen an, sich: zu grüßen/ miteinander zu plaudern, natürlich! von nichts anderem, als von den Kindern.
„Wie Jhss Kleiner kahl ist . . . sonderbar, so ein glattes Köpsthen, aber es ist auch ganz hübsch, meiner hat so viel Löckchen . . . wissen Sie, ich schneide schon welche ab ... da hier in einem Medaillon . . .
„Dafür hat unser Fritzchen schon zwei Beißerchen, mach! mal Dein Mäulchen aus . . . nein, wie das glänzt , . . der goldene Junge!"
Fritzchens Gebiß und Wilhelmchens Haupthaar sollen dann längere Zeit das Hauptthema der Unterhaltung gebildet haben, die jungen Mütter prahlten mit dem Errungenen und grämten sich! um das Fehlende.
Damals sing das Wettrennen schpn an.
Bon einem und demselben Arzt wurden wir beide geimpft, es soll eine furchtbare Erregung im Hause geherrscht haben, bei wem mehr Pocken ausgegangen waren, mir kommt eine Erinnerung, als wären es im oberen Stock sechs und im Parterre nur drei gewesen.
Jedenfalls hat die geringe Wirkung mir bis jetzt nichts geschadet, nach dem sünfzigsten Lebensjahre pflegen die bösen Varioliden nicht mehr aufzutreten.
Die Kunst, die Füßchen nach vorwärts zu bewegen, sollen wir auch ziemlich zu gleicher Zeit begriffen haben.
Wettlaufen nach! einem Stückchen Zwieback, nach einem Bratäpfelchen, das wurde uns zur liebsten Beschäftigung, darin hat der persönliche Ehrgeiz sich wohl zum ersten Male kund gethan.
Darüber, wer zum ersten Male „Papa" und „Mama" gesagt, herrscht noch bis heute ein undurchdringliches Dunkel. Die beiden jungen Mütter sollen zu jener Zeit ihren ersten, ernsthaften Streit gehabt haben.
Die Herzensfteude über den richtig angewendeten Sprechanismus haben sie gewiß später oft dämpfen müssen, wenn die wilden Jungens zu lebhaft, zu stürmisch laut in Zimmer und Garten waren, wenn sie beim Prügeln Schimpsworte ertönen ließen, welche sie wahrlich nicht aus dem Sprachschatz der Mütter hatten. —
Ja, geprügelt haben wir uns, trotzdem wir uns liebten. Und die Liebe wurde nachher erst recht besiegelt, wie das so oft in der Welt geschieht. Man mißt seine Kräfte, um nach! dem Erfolge erst rechte Achtung zu empfinden. — Ach, und dann die Schule!
Welches weite Feld für die zu dressierenden und trainierenden jungen Pferdchen!
Mit welcher Energie haben die Mütter sich unserer bemächtigt, mit Liebe und mit Strenge uns an der Koppel gehalten ... ■!
„Warum ist Fritz der erste im Rechnen gekommen, Du hast gewiß nicht aufgepaßt, Wichelm?"
,,Na, Mutter, einer muß doch der erste sitzen."
Schwapps hatte ich eine Ohrfeige weg, die Antwort war für ungezogen befunden worden.
Wel saßen wir beide nicht an erster Stelle. Man konnte uns nur als recht normale Jungens bezeichnen.
Einstmals wurde ich versetzt, und Fritz nicht. Damals mußte selbst sein Vater ein Machtwort sprechen, damit der jungen Frau grenzenlose Enttäuschung nicht krankhaft wurde.
Der Wahrheit die Ehre! Er hat mich nachher doch wieder eingehvlt!
Einmal er zuerst am Pfosten, ein andermal ich.
Eine Erinnerung aus der Tertia packt mich an.
Deutsche Aufsätze wurden geschrieben. Das Thema hieß „Wettrennen in alten und neuen Zeiten". Gerade etwas für uns. Wir sahen uns so sonderbar in die Augen.
Instinktiv fühlten wir es, daß doch' allmählich von den Empfindungen der Mütter, die seltsam mit Ehrgeiz und Reid gemischt waren —etwas in uns übergegangen war.
Diesmal arbeiteten wir nicht zusammen, wir suchten uns selbständig die Quellen auf, meine gute Mutter las im Konversationslexikon nach, und notierte mir selbst einzelne bedeutungsvolle Momente, g. B. daß die ersten Wettrennen bei den Festen des persischen Sonnengottes Mithra stattgefunden, daß sie bei den germanischen Völkern seit uralter Zeit mit der heidnischen Kultur verbunden waren. — Fritzchens Mutter hatte dagegen herausgespürt, daß Herakles das Spiel des Wettrennens, durch das olympische Wettfahren zuerst eingeführt, und daß England den Sport von den Römern übernommen habe.
Wir kamen alle zwei nicht ans Ziel. Man merkte beiden die fremde Hilfe an, die Arbeiten wurden durchstrichen. —
Und dann die Tanzstunde! —
Da ging's im wahrsten Sinne im Galopp um die Gunst der jungen Schonen. Da ließen wir uns nicht mehr lenken und leiten, da ging's allein über Stock und Stein, jeder wollte alle andern übertrumpfen, nicht nur den Freund und Gefährten.
Groß war die Auswahl der Waffen bei den ersten Kämpfen in der Arena der Jugendliebe. Bunte und weiße Kravatten, duftende Pomaden, blühende Blumensträuße rc. Zum Glück verehrte Fritz mein <chhwesterchen, mein einziges, kleines, blondes Dorchen.
Da hatte er andere Nebenbuhler, als gerade mich-
Ich, schwärmte für die dunkelhaarige Hede, das Professorkind.
Die meisten anderen mit mir. Einer überbot den anderen in Aufmerksamkeiten, man kaufte Pralinees und gebrannte Mandeln, die sie so gerne knabberte, man dichtete sie an, machte Versuche, sie von der Schule abzuholen, rang sich manche freie Stunde ab, um vor dem Fenster zu promenieren und nur das Spitzchen des Stumpfnäschens zu erblicken — da plötzlich, hörte man, daß sie mit einem Fähnrich, längst versprochen wäre. — Ja, mit buntem Tuch konnten wir nicht mitjagen, das bewältigt schon von vornherein viele, viele Hindernisse, es war die erste große Enttäuschung meines jungen Lebens. — —
Die Studentenmütze winkte. Noch, war das' Ziel fern, aber es mußte beim ersten Anlauf genommen werden, das stand fest.
Beide wollten wir das Examen machen, dann allerdings verschiedene Berufe erwählen, Friedrich den des Juristen, ich sollte Kaufmann werden, später des Vaters Geschäft übernehmen. Der Entscheidungstag war da. Wer am ersten, wer am besten? Oben und unten' standen die Mütter, harrend, bang wartend, die eine mit zahllosen Stoßgebeten, die andere mit heiligen Gelübden.
Mein Schwesterchen war bis in die Nähe des Gymnasiums gekommen, um die Sieger zuerst zu begrüßen, rote Mützen mit dem goldenen Albertus geschmückt, sollten die Lorbeeren ersetzen, mit klopfendem Herzen wartete sie stundenlang, sorgend und hoffend und sich kaum selbst Rechenschaft ablegend, für wen Sorge und Hoffnung am Meisten in dem jungen Herzen bebte, für den Bruder oder den Jugendfreund —
Wie flössen ihre Thränen, als nur einer sich! den goldgestickten Lohn aus den kleinen Händen erbitten — als nur einer sich! damit schmücken durfte, wie bat sie mich wortlos um Verzeihung, daß sie meine Freude, das Ziel glänzend erreicht zu haben, nicht gebührend teilen konnte, weil er . . . er . . .
Meine Freude! War sie doch selbst genug gedämpft, daß Friedrich! zurückgeblieben war; konnte ich doch die schmerzliche Enttäuschung begreifen, die bei ihm und den Seinen jede andere Empfindung verdrängte, obwohl ich! längst Böses gefürchtet — er war künstlich getrieben — immer höher und höher hinaus, einmal mußte es sich ja rächen. —
Nun trennten sich für lange unsere Wege. Hinaus in die Welt, so hieß es bei mir, und wenige Monate später, als er das Versäumte nachgeholt, auch! bei ihm.
Ich war in Frankreich und England, er auf süddeutschen Hochschulen, selten hörten wir direkt von einander.
Mutteraugen, Mutterhände, sie konnten uns nicht mehr erreichen, konnten den Vorwärtstrieb in uns weder an« spornen, noch dämmen.
Nun that das Leben seine Pflicht. Weiter, immer weiter streben, arbeiten, mitten hinein in die Jagd nach


