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abgelehnte Geschäft mit dem Antiquar selbst machte. Eine Durchsuchung seines Zimmers wollte der Professor dnrch^- aus nicht zugeben; eines solchen Spitzbubenstreiches hielt er s einen Neffen für unfähig. Erst als ich ihm vorstellte, es handle sich hier nur um eine Formalität, willigte er! ein. Im Papierkorbe des jungen Herrn fand ich einen Brief, eigentlich einen Wisch, den nur der Stempel der Stadtpost zum Range eines Brieses erhob. Die Adresse« lautete an Herrn Alfred Wippach — so hieß nämlich Professor Georgis Neffe. Das Datum war vom vorhergehenden Tage. Der Brief hatte natürlich auch einen Inhalt. Dieser deutete auf ein militärisches Unternehmen hin, welches für die folgende Nacht in Aussicht gestellt war. Im' Briefe standen nämlich die wenigen Worte: „Die dritte, Kompagnie des 56. Regiments tritt heute abend elf Uhr zur Nachtübung an." Natürlich nahm ich die Sache nicht von der militärischen Seite, sondern ich dachte sogleich; an die kostbare Bibel. Da diese sich nirgends fand, und da nach der Versicherung des Portiers zur Nachtzeit auch niemand im Hause ein- oder ausgegangen war, so mußte! sie dieses auf einem anderen Wege verlassen haben. Bei einer Nachforschung im Hofe, wo Leitern zur Auswahl umherlagen, fand ich gerade unter dem Korridorfenster; in dem weichen sandigen Boden zwei tiefe Eindrücke, die' nicht darüber im Zweifel ließen, daß hier eine Leiter angelegt worden war. Das war jedenfalls unter der Nachtübung der dritten Kompagnie des 56. Regiments zu verstehen gewesen, für welche sich der Briefschreiber Herrn Wippach als Gehilfe zur Verfügung stellte, um sich von ihm das sehr voluminöse Buch durchD Korridorfenster reichen zu lassen und damit über den leicht zu ersteigenden Plankenzaun des Hauses zu verschwinden. — Meine Vermutung, daß die Bibel nach Berlin zu dem Antiquar gewandert sei, mit welchem Professor Georgi wegen ihres Verkaufs brieflich unterhandelt hatte, bestätigte sich. Ich reiste selbst hin und erwirkte mit dem Käufer auf gütlichem Wege einen Vergleich, sodaß die Sache aus der Welt geschasst war, ohne Staub aufzuwirbeln. Jedenfalls hatte sich der Antiquar einer groben Unvorsichtigkeit schuldig gemacht, das Geschäft mit einem nicht beglaubigten Unterhändler ,abzuschließen, der kein anderer als jener Helfershelfer Wippachs gewesen sein konnte. Der Professor strich den entarteten Neffen aus dem Testamente und versah ihn mit den nötigen Mitteln zur Reise über den Atlantischen Ozean."
Allram schwieg. Der Irrenarzt hatte ihm aufmerksam zugehört; man konnte ihm eine gewisse Verlegenheit anmerken, denn er fühlte sich enttäuscht. Er hatte mehr und ganz anderes erwartet.
Der Detektiv hatte dies vorausgesehen. „Sie werden sich fragen, Herr Doktor, zu welchem' Zwecke ich Ihren dies erzählt habe", nahm er wieder das Wort. „Es ist nur ein Vorspiel, das Sie aber kennen müssen, um das, was nachfolgt, zu verstehen. Alfred Wippach befindet sich wieder hier. Er ist von jemand, der ihn kennt, gesehen worden, nicht viel besser als ein Bettler, lieber die Zeremonie der polizeilichen Anmeldung hat er sich hinweg- gesetzt. Vergebens bin ich unter mancherlei Verkleidungen in allen Spelunken herumgekrochen, wo solche Individuen Unterschlupf suchen, — ich konnte-ihn bis jetzt nicht aus- sindig machen. Jedenfalls darf man die Thatsache, daß ein enterbter, mißvergnügter Neffe existiert und aus seiner Verbannung zurückgekehrt ist, nicht ganz gering anschlagen, wenn man Konstanze Herbronn als das Opfer eines Justizmords betrachten will und den Schuldigen anderswo sucht. Die Person Frau Bruschers müssen wir vorläufig aus dem Spiele lassen. Auch mit den Widersprüchen zwischen ihr und Fräulein Herbronn dürfen wir uns jetzt nicht beschäftigen und ebensowenig mit bet Frage, welcher von beiden wir glauben sollen. Wir sind unsauberen Leuten auf der Spur und müssen die letztere unentwegt verfolgen. Ich habe soeben von Leuten gesprochen; denn auf der Fährte, der ich nachgehe, wandelt noch eine zweite höchst verdächtige Gestalt."
„Die ebenfalls im Prozesse selbst nicht aufgetreten! ist?" frug Gerth mit lebhaftem Interesse.
„Nur sehr episodisch", antwortete der Detektiv und kam nun auf den Merkurbriefträger Grotjan zu sprechen
und aus den verdächtigen Umstand, daß dieser in der Wohnung des Professors um die Stunde, wo derselbe ermordet worden war, einen Brief hätte abgeben sollen, vor Gericht aber behauptet hatte, er habe in der ersten Etage nichts zu bestellen gehabt. „Hier haben wir es also mit einer falschen Zeugenaussage zu thun", fügte Allram seiner Mitteilung hinzu.
„Ich finde es begreiflich", sagte der Irrenarzt, „daß ein Mann Ihres Berufs und Ihrer Erfahrung autfy auf den geringsten Umstand Gewicht legt. Führt Sie dies aber nicht mitunter zu weit? Verzeihen Sie mir, wenn ich der Ansicht bin, daß Grotjan die Abgabe des Brieses einfach vergessen hat und dieses Versehen vor Gericht nicht erst breittreten wollte, vielleicht nur, um sich eine Rüge seiner Vorgesetzten zu ersparen."
„Sehr richtig und sehr einfach!" stimmte Allram unter, beifälligem Kopfnicken zu. Wäre jedoch nicht der falsche; ehrwürdige Vollbart gewesen, der den unteren Teil seines Gesichts verbarg, so würde um den Mund des Detektivs ein überlegenes Lächeln sichtbar geworden sein, welches sich nur sehr leise durch einige Fältchen unterhalb der blauen Brille verriet. „Ich habe diesen vernünftigen Gedanken ebenfalls gehabt", fuhr er fort, „da aber bei meinem Handwerke der Argwohn eines der Hauptinstrumente ist, so hielt ich es nicht für unzweckmäßig, die nähere Bekanntschaft dieses Merkurbriefträgers zu machen. Hierbei stieß ich, auf ein Hindernis der seltsamsten Art."
„Wahrscheinlich stand er nicht mehr im Dienste der Merkurpost", vermutete der Irrenarzt.
„In der That, er war abgegangen, aber es kommt noch besser. Ueber seine Aufführung wußte man nichts nachteiliges zu sagen. Er hat sich bei der Polizei ordnungsmäßig abgemeldet. Mit dieser Abmeldung ober verschwindet seine Spur. Damit war meine Neugierde, einiges über ihn zu erfahren, natürlich nicht befriedigt. Ich griff in seine Vergangenheit zurück/ was mir mit Hilfe des polizeilichen Nachweises nicht schwer wurde. Ernst Gabriel Grotjan war seines Zeichens Stubenmaler gewesen, ehe er sich vom Merkur vor anderthalb Jahren als Briefbesteller anstellen ließ, wahrscheinlich weil das Pflastertreten seinem beweglichen Naturell mehr zusagte, als mit Pinsel und Farbentöpfen auf dem Gerüste zu stehen und sich beim Plafondmalen den Hals auszurenken. In seiner Eigenschaft als Stubenmaler verfolgte ich seine Karriere rückwärts. Vor seinem Eintritt beim Merkur hat er bei einem Meister in der Provinzialhauptstadt eine zeitlang in Arbeit gestanden, vorher arbeitete er in ein paar kleineren Orten und weiter zurück in Magdeburg. Dort nun ist etwas sehr seltsames mit ihm geschehen, was meinen Nachforschungen ein kategorisches Ende machte. In Magdeburg ist er infolge schlechten Geschäftsgangs von seinem Meister entlassen worden, konnte keine Arbeit finden und — hat sich aufgehängt!"
„Unmöglich!" fuhr Gerth überrascht auf.
„Hat sich in seiner Schlafstelle aufgehängt", wiederholte der Detektiv nachdrücklich. „So erzählte mir die Fran des Meisters, bei dem er in Arbeit gestanden und die sich der Sache sehr gut erinnerte, da seitdem erst vier Iahte verstrichen sind. Den Meister selbst sprach! ich nicht. Er befand sich eines rheumatischen Leidens wegen gerade in einem Kurorte, der von meiner Route sehr weit ablag."
Der Irrenarzt schüttelte fortwährend den Kopf.
„Nimmt sich in Magdeburg das Leben", wiederholte er sich, an den Fingern zählend, „arbeitet dann an mehreren Orten und wird zuletzt Briefträger beim Merkur, — als ob die Zeit rückwärts liefe. Offenbar kann es sich, hier nur um eine Verwechslung handeln. Grotjan ist kein allzu seltener Name."
(Fortsetzung folgt.)
Wettrennen.
Lebensskizze von Leo Berthold.
Nachdruck verbaten.
Meine Mutter hatte mir alles erzählt . . . so nach und nach« bei passenden Gelegenheiten, wenn die Erinnerung an die jungen Tage ihrer Ehe sie übermannte; Fried-


