Ausgabe 
26.4.1900
 
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Kopfschmerzen.

Bon Dr. med. Kurt Rudolf Kreusner.

, Nachdruck verboten.

Gs ist eine allbekannte THatsache, daß wir stets geneigt sind, die äußere Erscheinungsform für das Wesen der Sache zu halten. Auch von den Krankheiten gilt das in hohem Grade. Wir bekämpfen die hohen Bluttemperaturen eines Fieberkranken mit antipyretischen Mitteln, wir schreiben einem durch Eiweiß- und Zuckerausscheidungen geschwächten Menschen eine peinlich strenge Diät vor, welche diese anor­malen Stoffwechselvorgänge unterdrücken soll, und müssen ja auch lediglich gegen die Symptome zu Felde ziehen, wo uns die inneren Krankheitsvorgänge noch in Dunkel ge­hüllt sind. Das Publiknm ist aber nur zu sehr geneigt, auch bei Leidenszuständen, welche aus den verschiedensten sehr wohl bekannten Ursachen entspringen, ein Universal- mittel zu verlangen, statt den Fall nach seinen Entstehungs­gründen oder, wie man sich wissenschaftlich ausdrückt, ätiologisch zu behandeln.

Ein typisches Beispiel hiefür ist der Kopfschmerz, eine der verbreitetsten Krankheitserscheinungen, welche in jedem Lebensalter, bei allen Konstitutionen, bei puritanischer wie bei opulenter Lebensweise als quälender Dämon auftritt. Wer davon befallen wird, will das dumpfe, bohrende Ge­fühl hinter der Stirn oder au anderen Teilen der knöchernen Schädelkapsel so schnell wie möglich los fein; was er thun muß, um der Wiederkehr des Kopfschmerzes vorzubeugen, danach wird meistens nicht gefragt. Denn in der Regel ist das, was man gelitten, mit dem Aufhören auch bald wieder vergessen, und da man berechtigt ist, in der Mehrzahl der Fälle keine unmittelbare Gefährlich- keit des Leidens voraussetzen zu müssen, unterläßt-man es aus Bequemlichkeit, etwas Entscheidendes gegen den häufig wiederkehrenden Zustand zu thun. Beim Anfalle versucht man es zuerst mit Brompräparaten, dann mit Coffeiu- salzen, schließlich mit dem modernen Antipyrin und Migränin nnd ähnlichen Medikamenten, und wenn diese nach allzuhäufigem Gebrauch in ihrer Wirksamkeit nach­lassen, raisonniert man auf die neuere Medizin, die nicht einmal im stände ist, ein soeinfaches" Leiden zu beseitigen.

Radikal heilen, d. h. auf immer beseitigen, läßt sich der Kopfschmerz nun zum Glück doch in den meisten Fällen; nur ist es nicht so einfach im Einzelfalle festzustellettz welche der vielen möglichen Ursachen denselben hervorruft, und hierzu sollen die nachstehenden Zeilen einen Fingerzeig geben. Die althergebrachte Einteilung in idiopathischen, nervösen, vaskulären re. Kopfschmerz können wir dabei getrost über den Raufen werfen; es sind Verlegenheits­ausdrücke aus einer Zeit, in welcher die Medizin sich mehr an den Krücken scholastischer Beweisführung auf baute als an der Hand konkreter Versuche.

In überaus zahlreichen Fällen sind die Kopfschmerzen eine Folge der unregelmäßigen Versorgung des Gehirns mit Blut. So ist z. B. der Kopfschmerz, der einen echten rechten Katzenjammer zu begleiten pflegt, auf nichts an­deres zurückzuführen, als auf eine Ueberfüllung der venösen Hirnhaut-Gefäße mit Blut, und deshalb sind kalte Waschungen, ein scharfer Spazierritt ober ein flott aus­geführter Spaziergang, alles Maßnahmen, welche die Blut­verteilung ausgleichen, viel mehr angebracht als die alther­gebrachten Mittel, welche nur Zunge und Magen zu neuen Extravaganzen reizen und über den eigentlichen Zustand hinweglügen. Hierher gehört auch die echte Migräne, jene häufiger beim weiblichen Geschlecht bis zum 50. Lebens­jahre als bei Männern vorkommende Erkrankung des sym­pathischen Nervensystems, welche entweder in einer krampf­artigen Verengung der Blutgefäße besteht, die sich durch Erweiterung der Pupillen verrät, oder auf Gefäßlähmung mit enger Pupille und erweiterten Blutgefäßen beruht. Im ersteren Falle leistet die Einatmung der Dämpfe des Amyl- nitrits, von welchem man einige Tropfen auf das Taschen­tuch gießt, recht gute Dienste, während im letzteren an­regende, nervenreizende Mittel am Platz sind. Eine dau­ernde Heilung wird aber fast immer nur durch eine die Blutbeschaffenheit aufbessernde Kur zu erzielen fein, weil die meisten dieser Fälle mit sogenannter Dhskrasie des Blutes d. h. fehlerhafter Zusammensetzung desselben ver­bunden sind.

Letztere ist in weitaus mehr Fällen, als man ahnt, die eigentliche Krankheitsursache; denn da das Blut der erste, ja fast ausschließliche Träger der Ernährung ist, kann es niemand ivunder nehmen, daß seine schlechte Beschaffen­heit sämtliche Organe des Körpers ungünstig beeinflußt und zwar das Nervensystem am meisten, weil es das zarteste und subtilste von allen ist. Seit langer Zeit weiß man nun zwar, daß es sich dabei meistens um eine Verminderung der sogenannten roten Blutkörperchen handelt, welche als mini­male tellerartige Scheiben, deren ein Kubikmillimeter Blut normalerweise nicht weniger als 5 Millionen aufweist, int Blutsast schwimmen und eine eigenartige Eiseneiweiß­verbindung, das Hämoglobin, enthalten, au welches sich der eingeatmete Sauerstoff aus den Lungen bindet. Man glaubte aber naiverweise eine Vermehrung des so wich-, tigen Hämoglobins dadurch erzielen zu können, daß man dem kranken Körper anorganische Eisensalze zusührte und es ihm überließ, sich daraus, wenn er es vermochte, das Hämoglobin selber zu bilden. Das ist aber ungefähr derselbe Standpunkt, wie wenn man jemandem vorrechnete:deine tägliche Nahrung besteht im Durchschnitt aus so und so viel Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, sodann aus kleinen Mengen Schwefel, Phosphor, Mangan re. Hier hast btt genau abgewogen die betreffenden Substanzen in ihrem elementaren Zustande; jetzt sieh zu, wie du dich davon ernährst". In der That sind Eisenpillen von Blut­armen und Bleichsüchtigen zu Millionen und Milliarden verschluckt worden, haben zuweilen auch den weiteren Ver­fall des Blutes aufgehalten, weit öfter aber Zähne und Magen des Patienten gründlich verdorben. Erst der neueren Zeit blieb es Vorbehalten, festzustellen, daß der­artige Eisenpräparate nicht verdaut werden und daß der Körper nur aus den natürlichen Eiseneiweißverbindungen, Nutzen zieht, wie sie sich int Blute gesunder Tiere vor­finden. Kopfschmerzen, Schwindel und Ohnmachtsgefühle, welche auf Blutschwäche beruhen, werden daher durch orga­nische Blutpräparate wie Hämalbumin, Hämatogen tc. sehr günstig beeinflußt.

Auch durch übergroße körperliche oder geistige An­strengungen, leidenschaftliche Gemütsaffekte, fortgesetzten, Kummer und Aerger, verantwortungsvolle, aufregende Be­schäftigung u. f. w. können schwere Anfälle von Kopfschmerz hervorgexufen werden. Hier ist die medizinische Kunst na­türlich nahezu ohnmächtig und kann nur vorübergehende Erleichterung des einzelnen Anfalls schaffen. Denn da es sich hierbei um eine Uebermüdung des Nervensystems handelt, hängt es nur von den Verhältnissen des Patienten ab, ob er das einzig wirksame Heilmittel dagegen, nämlich Ruhe und Fernhalten von den Geschäften, sich für einige Zeit vergönnen kann.

Sehr interessant und ein dankbares Gebiet für die ärztliche Behandlung sind diejenigen Kopfschmerzen, welche auf dem Wege des Nervenreflexes ztt stände kommen und deshalb zu den sogenannten Reflexneurosen gerechnet werden. Ein schlagendes Beispiel hierfür geben die Er­scheinungen, welche die Erkrankung der Nase zu begleiten pflegen. Nirgend anderswo liegen die feinen Endigungen der Nerven so schutzlos den äußeren Reizen preisgegeben da, als in dem Ausstrahlungsgebiet des Geruchsnerven, der sich auf den Nasenmuscheln ausbreitet. Das bei den meisten Menschen ohnehin nicht besonders geräumige Innere der beiden Nasenhälften wird nun durch diese Muscheln in spaltartige Räume zerlegt, in welchen bei normaler Nasen­atmung die Respirationsluft vorgewärmt wird und den in ihr enthaltenen Staub absetzt. Schon ein simpler Schnupfen genügt dazu, durch Anschwellung der obendrein mit besonderen Schwellkörpern versehenen Nasenschleime haut diese Spaltrännte zunt Verschluß zu bringen, und der Druck, welchen nun die Nervenenden erfahren, ist aus­reichend, um die peinlichen Druckgefühle in der Stirn und die intensiven Kopfschmerzen hervorzurufen, welche meist die Begleiter des Schnupfens sind. Der physiologische Vor­gang ist nun der, daß die Reizwirkung in voller Stärke nach dem nur wenige Zentimeter davon entfernt liegenden Ge­hirn gemeldet" wird, und dort benachbarte Zentren und Ganglien in Mitleidenschaft zieht, sodaß schließlich der ganze Kopf schmerzt, ähnlich wie nach Defektwerden auch nur eines einzigen Zahnes oft die ganze Gesichtshälfte,